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Jens Keller und des Kaisers neue Kleider

Über den Trainer des S04 urteilten, philosophierten und analysierten bereits die ganz Großen des Fußballs. Hat er sich nun verändert oder nicht?

Von Hassan Talib Haji

Gelsenkirchen.
Beim FC Schalke 04 wurde in den letzten 14 Monaten viel über das sportliche Abschneiden gesprochen, viel über die ersehnte Konstanz – dabei wurde stets ein Name genannt: Jens Keller. Dem Trainer der Königsblauen wird offen- und fachkundig attestiert, dass er sich verändert habe. Doch ist dem so oder blieb sich der gebürtige Stuttgarter einfach nur treu? Eine Frage mit Berechtigung.

Er ist höflich, er ist zuvorkommend und begegnet den Menschen auf Schalke jeden Tag mit Respekt und "fordert diesen aber auch für sich ein", wie Manager Horst Heldt Goal kürzlich erzählte. Keller ist niemand, der sich in eine Rolle hineinzwängt, um anderen, oder deren Meinungsbild gerecht zu werden, geschweige denn zu entsprechen. Der 43-Jährige ist, wie er nun mal ist. So paradox es für einige Beobachter klingen mag, er ist kein anderer geworden.

Mehr Analytiker als Lautsprecher

Christoph Daum ließ einst Spieler über Scherben laufen, Jürgen Klopp brilliert in der Öffentlichkeit mit seiner sprachlichen Gewandtheit, Jupp Heynckes schien auf seine "alten" Tage an zuvor abgesprochener menschlicher Wärme gewonnen zu haben – doch Jens Keller gibt sich weder als Zampano noch als der Typ, den sich anscheinend viele wünschen, oder am liebsten hätten. Will man diesen Übungsleiter charakterisieren, kommt die Frage: Wo hin mit ihm?

Beim FC Schalke 04 pulsiert der Fußball, die Region in und um Gelsenkirchen atmet diesen Verein. Das eigene Anspruchsdenken erwies sich in der Vergangenheit mitunter aber größer als man selbst eigentlich war – der Knackpunkt und oft auch Grund, warum viele gute Trainer am Berger Feld scheiterten. Die eigene Ungeduld schien und scheint diesen Klub nahezu aufzufressen. Mit Keller hat Schalke 04 keinen Selbstdarsteller! Vor allem aber keinen Mann, dem der königsblaue Volksmund in der Wahrnehmung zutrauen würde, große Brücken zu schlagen. Ein oberflächliches Trugbild.

Keller ist auf Schalke bereits seit über einem Jahr der Mann an der Linie, er ist der Chef der Mannschaft. Er stand sehr oft in Kritik, war die Zielscheibe des Boulevard und vieler Fans, und dies von Beginn an. Doch all dies scheint an ihm abzuprallen. Der Fußballlehrer hat ein Fell, das man mittlerweile kaum mehr als dick bezeichnen kann – was der reinsten Untertreibung gleichkäme. Zum Saisonstart sagte er zu Goal, dass der Trainerjob "Wahnsinn" sei. Es fehle in der großen Hektik, die dieser auf der ganzen Welt geliebte Sport nun mal in sich trägt, an Zeit. Als Trainer bist du einfach die ärmste Sau.



Gelassenheit durch Erfolg

Nun zum Kern: Beobachtet man den 43-Jährigen und begleitet ihn und seine Aussagen, nimmt sich Zeit und spricht mit ihm, dann kommt man zu dem Schluss, dass sich Keller nicht verändert hat. Er ist immer noch so analytisch, gefühlt zurückhaltend und kühl objektiv wie zuvor. Der einzige Unterschied ist, dass er sich derzeit wesentlich entspannter geben kann, aufgrund des aktuellen sportlichen Erfolges auf Schalke. Macht das dann eine Veränderung aus? Reicht dies, um Selbiges zu behaupten? Oder hat sich Keller schlichtweg um 180 Grad gewandelt?

Es ist so, dass er durch die augenblicklichen Ergebnisse weniger Angriffsfläche bietet, die Kritiker damit verstummen lässt. Keller hat nun die Akzeptanz, die er sich schwer und mühsam durch das Schwimmen im Stahlbad der Schalker Gepflogenheiten erarbeitete. Er ist sich treu und veränderte nicht sein Auftreten in der Öffentlichkeit, dennoch lernt auch der ehemalige Jugendtrainer dazu. Kellers großes Faustpfand ist die Autorität und Anerkennung innerhalb des Schalker Teams, welches in der Vergangenheit schon fast traditionell als schwer trainierbar eingestuft wurde.

"Als einen bestimmten Trainertypen sehe ich mich nicht. Ich denke, ich kann mich sehr gut in die Spieler hineinversetzen. Ich suche häufig die Kommunikation mit meinen Jungs, ich nehme jeden mit ins Boot", sagte Keller. Heldt titulierte, dass dieser ein "moderner Old-School-Trainer" sei. Die Attribute, dessen zeitweiliger Bestimmung heutzutage das Glas mit Einschätzungen füllen, sind nicht immer jene, die apodiktisch das gesunde Maß markieren oder mit Leben vervollständigen, um ein augenfälliges Bild zu schaffen. Kellers Bild ist aber eben dieses, nämlich glaubwürdig.

Er hat im Moment einfach den Erfolg, den er sich mit dem Trainerteam und der Mannschaft aufbaute, das macht vieles leichter. Wobei es nicht zu verachten ist, dass seine Spieler auf einmal können - das Team ist enger zusammengerückt. Keller hat die richtigen Hebel und Maßnahmen gefunden, die Unabhängigkeit von der Mannschaft erlangt jedoch niemand, denn dies schafft kein Trainer der Welt, da es unmöglich ist. Durch Schalke ist für die Fans ein spürbarer und wohltuender Ruck gegangen, seit seinem Amtsbeginn herrscht wieder Aufbruchstimmung.

Kein Mensch ist fehlerlos, auch nicht Keller. Die Fehler, die er zweifellos noch machen wird, und die daraus resultierende harsche Kritik, werden ihn einmal mehr begleiten. Und er wird dabei auf die gleiche Skepsis und vielleicht sogar Abneigung stoßen wie zuvor. So ist nun mal das Leben eines Schalker Trainers. Doch Kellers Fell ist dick und der fast allgemeine Glaube, dass dieser sich verändert habe, ist auf verführende Art trügerisch. Wie des Kaisers neue Kleider.

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