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Seit 1990 ist es niemandem gelungen, den Titel in Europas größtem Klub-Wettbewerb zu verteidigen. Der aktuelle Titelträger hat allerdings die besten Voraussetzungen, das zu ändern.

EIN KOMMENTAR
Von Carlo Garganese

Seit der Einführung der Champions League vor 22 Jahren hat keine Mannschaft den wichtigsten Titel des Vereinsfußballs erfolgreich verteidigt. Einige Siegerteams waren nah dran, vier haben das Endspiel verloren und sechs sind im Halbfinale ausgeschieden. Aber der AC Mailand unter Trainer Arrigo Sacchi war 1990 die letzte Mannschaft die den Wettbewerb, der damals noch Europapokal der Landesmeister hieß, zwei Mal hintereinander gewinnen konnte.

Das lange Warten hat dafür gesorgt, dass man inzwischen vom "Champions-League-Fluch" spricht und dabei auf den Fluch aus dem Europapokal der Pokalsieger Bezug nimmt, denn diesen inzwischen abgeschafften Wettbewerb konnte keine Mannschaft jemals zwei Mal in Folge gewinnen.

Einige Champions-League-Sieger hatten keine Möglichkeit, ihren Titel zu verteidigen: Olympique Marseille durfte den Titel des Jahres 1993 nach dem Bestechungsskandal nicht noch einmal gewinnen, Porto verkaufte 2004 viele Stars nach dem Triumph in der Königsklasse. Und Borussia Dortmund (1997), AC Mailand (2007), Inter Mailand (2010) und der FC Chelsea (2012) hatten das Problem, dass sie alte Mannschaften besaßen, die entscheidend umgebaut werden mussten.

Viele Bewerber

Von den Voraussetzungen für eine Titelverteidigung her hatten Ajax Amsterdam unter Louis van Gaal (1996), Juventus ein Jahr später unter Marcello Lippi, Vicente Del Bosques Real Madrid (2003), Carlo Ancelottis Milan ein Jahr später und Pep Guardiolas Barcelona des Jahres 2010 die besten Karten. Fabio Capellos Milan des Jahres 1995 und Sir Alex Fergusons Manchester United 2009 könnte man auch noch hinzufügen, denn letztendlich waren sie auch Finalisten.

Aber wenn man alle Faktoren und Umstände in Betracht zieht, war keine Mannschaft in einer derart guten Ausgangslage wie Bayern München in dieser Saison.

IN ZAHLEN
Bayern in der Saison 2013/14
99 Bayern-Tore in 35 Spielen in allen Wettbewerben
30 Siege. Nur fünf Mal gelang kein Sieg, einer davon endete mit einem Erfolg im Elfmeterschießen.
21 Zu-Null-Spiele der Torhüter Manuel Neuer und Tom Starke
16 Punkte Vorsprung an der Tabellenspitze der Bundesliga
13 Spiele in Folge gewonnen in der Bundesliga
0 Niederlagen in der aktuellen Bundesliga-Saison

Seit Beginn des Jahres 2013 haben die Bayern 62 Spiele absolviert. Davon haben sie 55 gewonnen, vier Mal unentschieden gespielt - und nur zwei Partien verloren, wobei zwei dieser Pleiten in der Champions League keinerlei Konsequenzen hatten. Die Bayern haben in dieser Zeit 179 Tore erzielt und 36 Mal zu Null gespielt. In der Bundesliga ist der Rekordmeister seit 13 Partien ohne Punktverlust, seit 16 Monaten ungeschlagen. Im letzten Jahr sicherte sich der FCB fünf Titel. 

Die Statistiken sind überragend. Individuell, als Mannschaft, technisch, taktisch, körperlich und mental - Bayern ist ein perfektes Team. In jedem Mannschaftsteil gibt es Stars wie Torhüter Manuel Neuer, die Abwehrspieler David Alaba und Dante, Mittelfeldleute wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Thiago und die Offensiv-Abteilung um Franck Ribery, Arjen Robben und Thomas Müller. Hochkarätige Namen. Und dabei ist Trainer Pep Guardiola noch nicht einmal genannt worden, der in der Champions League eine tolle Bilanz vorweisen kann: Er hat den Wettbewerb in seinen vier Jahren bei Barcelona zwei Mal gewonnen und außerdem noch zwei Mal das Halbfinale erreicht.

"Ich erwarte es und bin davon überzeugt, dass wir das erste Team sein werden, das diesen Wettbewerb zwei Mal in Folge gewinnt", sagte Bayerns Scout und ehemaliger Mittelfeld-Star Paul Breitner zu Goal.

Die Bayern sind vielleicht nicht das beste Team in der Geschichte der Champions League, aber nie hatte ein Titelverteidiger solch einen großen Vorsprung auf die Konkurrenten. Mitte der Neunziger Jahre musste sich Ajax mit einem tollen Juve-Team auseinandersetzen, das schließlich drei Mal ins Finale kam. Die Italiener selbst wurden danach von einer Dortmund-Mannschaft mit vielen deutschen Nationalspielern und einer sich entwickelnden Mannschaft von Manchester United herausgefordert.

Die Galacticos rund um Zinedine Zidane, Luis Figo, Raul und Ronaldo hatten das Pech, in einer der stärksten Ausgaben der Champions League in der Saison 2002/03 mitzumachen. Die späteren Finalisten Milan und Juventus waren Weltklasse-Mannschaften und auch Inter Mailand und Valencia waren etwas Besonderes. Als es Ancelottis Milan ein Jahr später nicht hinbekam, gab es diese Teams immer noch - und dazu kamen Arsenals "Invincibles" und die Neureichen von Roman Abramovitschs FC Chelsea.

Auch Barca schafft es nicht

Guardiolas Barcelona-Team des Jahres 2010 mit seinem Tiki-Taka und Superstars wie Lionel Messi, Andres Iniesta und Xavi sah wie eine Mannschaft aus, die die Titelverteidigung ohne Probleme hinbekommen könnte, aber meist wird vergessen, wie gut ihr Halbfinal-Bezwinger Inter war. Das Team von Jose Mourinho stellte die vielleicht letzte echte Defensiv-Wand auf, die von Lucio und Walter Samuel organisiert wurde und von Barcelona nicht zu überwinden war.

Mourinhos Magie | Der Trainer jubelt, nachdem sein Team 2010 den Titelverteidiger rausgeworfen hat

Die Herausforderer der Bayern in diesem Jahr sind nicht einmal annähernd so gut wie die damaligen Herausforderer. Barcelona befindet sich auf dem Weg nach unten, Atletico fehlt noch viel, Manchester United ist so schwach wie schon seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr, Arsenal braucht ein Wunder, um ins Viertelfinale einzuziehen, während Manchester City vielleicht zu abhängig von einigen Schlüsselspielern ist. Real Madrid, Paris Saint-Germain und Chelsea darf man nicht abschreiben, aber Bayern befindet sich auf einem anderen Level.

Die Kaderbreite ist überragend. Obwohl Bastian Schweinsteiger, Javi Martinez, Arjen Robben und Franck Ribery in dieser Saison schon längere Zeit ausgefallen sind und Holger Badstuber überhaupt nicht zur Verfügung steht, hat der FCB einen Rekord nach dem anderen gebrochen. Guardiola ist sich sogar so sicher, dass er auch schon auf Toni Kroos und Mario Mandzukic verzichtet hat. Mit Ausnahme von Capellos Milan war kein Champions-League-Sieger jemals so gut ausgestattet und konnte deshalb mit Verletzungssorgen und einem dicht gefüllten Spielplan locker umgehen. "Wir haben den besten Kader aller Zeiten. Wir haben 25 Spieler und davon sind die meisten Naitonalspieler", merkte Breitner an. 

Ausgeruht in die entscheidenden Monate

Mit dem Vorsprung von 16 Punkten in der Bundesliga im Rücken kann Guardiola weiter rotieren und dafür sorgen, dass immer noch genug Sprit im Tank für die Champions League ist. Vielleicht haben die Bayern schon Ende März die Titelverteidigung in der Liga perfekt gemacht. Die Titelrennen in der Premier League und der Primera Division sind hingegen spannend, mehrere Mannschaften kämpfen in der Spitzengruppe gegeneinander. Im März, April und Mai wird eine frische Bayern-Mannschaft, die auch noch von der einmonatigen Winterpause profitiert hat, körperlich ganz weit vorne sein. Diesen Vorteil hatten bislang nicht viele Titelträger in der Champions League.

Und die Bayern werden dann nicht nur frisch, sondern auch hungrig sein. Mit dem neuen Trainer Guardiola, einer neuen Aufstellung und der damit verbundenden Unsicherheit der Spieler, wer spielen darf, gibt es keine Chance, dass sich der FCB zurücklehnt. Das war nicht immer so in der Vergangenheit: Ancelottis Milan gelang im Viertelfinal-Hinspiel 2004 ein 4:1 gegen Deportivo La Coruna. Im Rückspiel in Galizien nahm Milan den Fuß vom Gas - und schied nach einem 0:4 aus.

"Wegen des Trainerwechsels können sich die Spieler nicht zurücklehnen und ausruhen", sagte Stefan Effenberg, Bayerns Kapitän des Siegerteams 2001, Goal. "Außerdem steht eine WM vor der Tür. Sie müssen in jedem Spiel hundert Prozent geben. Die Spieler sind hungrig. Sie wollen etwas erreichen, was vorher noch niemandem gelungen ist. Das ist ihre Motivation. Das kann ich hier in München fühlen und auch in den Interviews der Spieler hören", sagte Effenberg.

Franck Ribery bestätigte das in einem Interview mit Bundesliga.com: "Ich kann Ihnen eins versprechen: Ich will immer noch mehr. Wir wollen weiterhin alles gewinnen und Geschichte schreiben, indem wir die erste Mannschaft werden, die den Titel in der Champions League verteidigt."

Und diesen brillanten Bayern ist es zuzutrauen, dass sie Geschichte schreiben. Wenn es ihnen nicht gelingt, müssen wir es vielleicht akzeptieren, dass der Champions-League-Fluch nie beendet wird.

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