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Dong-Won Ji: Was sieht Borussia Dortmund, was andere nicht sehen?

Ein Pole geht, ein Südkoreaner kommt: In der Sommerpause wird sich im BVB-Angriff viel verändern. Als "Eins-zu-Eins-Ersatz" darf man den Jetzt-Augsburger aber nicht sehen.

Von Daniel Buse

Dortmund
. Am vergangenen Freitag war es soweit: Borussia Dortmund verkündete die erste Verpflichtung für die neue Saison. Dong-Won Ji wechselt im Sommer ablösefrei zu den Schwarz-Gelben, nachdem er in der Bundesliga-Rückrunde zum zweiten Mal für den FC Augsburg auflaufen wird.

Der Wechsel überraschte dabei in Deutschland weniger Leute als im Land seines ehemaligen Arbeitgebers England und in seinem Heimatland Südkorea. Denn der 22-jährige Angreifer kam in dieser Saison für den FC Sunderland bislang nur auf sieben mickrige Kurzeinsätze in allen Wettbewerben – und verbuchte dabei keinen einzigen Scorerpunkt. Was also sieht der BVB in Ji, was der Premier-League-Klub nicht entdecken konnte?

Natürlich ist es für die Borussia kein besonders großes Risiko, ihn ablösefrei zu holen und auf eine positive Entwicklung zu hoffen. Allerdings schwingt in der Tatsache, dass Ji mit einem Vierjahresvertrag ausgestattet wurde, auch viel Überzeugung mit. Denn schon im vergangenen Sommer wollten die Westfalen Ji angeblich haben. "Klopp muss irgendein Talent in ihm sehen", fasst Yonghun Lee von Goal Südkorea die allgemeine Verwunderung in seinem Heimatland über den Wechsel zusammen. Und auch in England ist man erstaunt: "Sein Transfer kam für die Sunderland-Fans überraschend. Denn die haben immer einen Stürmer gesehen, der doch ein ganzes Stück davon entfernt war, für einen Anwärter auf die Meisterschaft oder sogar den Titel in der Champions League zu spielen", erklärt Chris Davie von Goal England.

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Dürftige Bilanz

201 Minuten durfte Ji in dieser Saison in der Premier League ran, was immerhin eine deutliche Verbesserung im Vergleich zur vorhergehenden Spielzeit war, als er überhaupt nicht in der Liga auf den Platz durfte. Eine ziemlich dürftige Bilanz für einen Angreifer, der im Juli 2011 immerhin 2,4 Millionen Euro bei seinem Wechsel von den Chunnam Dragons zu Sunderland gekostet hat. Wahrscheinlich hat BVB-Trainer Jürgen Klopp seinen Neuzugang in der Rückrunde der letzten Saison genau in den Blick genommen, als dieser mit fünf Toren und guten Auftritten dazu beitrug, dass der FC Augsburg die Klasse hielt.

Im Nationaltrikot ein Stammspieler: Dortmunds Neuzugang nimmt die Kugel für Südkorea an

Auch in England konnte Ji beeindrucken – allerdings nur einmal. "Sein denkwürdigster Beitrag war sein Siegtreffer gegen Manchester City an Neujahr 2012", erinnert sich Davie. "Aber das war auch schon das Beste für ihn in England", fügt er hinzu. Danach kam von Ji nicht mehr viel, sehr zum Ärger der Fans in Sunderland.

"Er hat keine richtige Präsenz vorne drin. Das Festmachen des Balles als Stürmer war schlecht. Und das ist entscheidend für Teams im Abstiegskampf, denn die schalten normalerweise langsamer von Abwehr auf Angriff um", nennt er eines der Hauptprobleme des Südkoreaners. Das, was Lewandowski aktuell in Schwarz-Gelb in Weltklassemanier erledigt, gelingt Ji bislang also nicht.

Viele Kritikpunkte

Weder unter Martin O'Neill noch unter dessen Nachfolgern Paolo Di Canio und Gustavo Poyet spielte ihm in Sunderland eine Rolle. Di Canio wurde am dritten Spieltag der aktuellen Saison von seinem Angreifer richtig wütend gemacht, als Ji im Spiel gegen Crystal Palace kurz vor der gegnerischen Torlinie das entscheidende Kopfballduell verweigerte, um die Kugel über die Linie zu drücken. "Was kann man da machen? Ich kann nicht das Herz meiner Spieler verändern", diktierte ein enttäuschter Sunderland-Trainer den Medien hinterher.

Ich bin noch enttäuschter als Ji selbst. Ich denke, dass die Fans es auch waren, denn die Erwartungen an ihn waren sehr hoch. Er kann es viel besser, selbst wenn es nur darum geht, den Ball zu halten. Wir wollen doch nichts Unmögliches von ihm: Einfach nicht jeden Ball unter Druck verlieren.     - Paolo Di Canio

Ein weiterer Kritikpunkt an Ji war bislang, dass er sich manchmal auf dem Platz versteckt und nicht am Spiel teilnimmt. "Er hat sich mit dem Tempo und der körperlichen Spielweise in England schwer getan. Zu oft hat er sich abgemeldet und war dann 20 Minuten am Stück überhaupt nicht zu sehen", sagt Jon Fisher von Goal England. All das hört sich eigentlich nicht nach Urteilen über einen Spieler an, der dem BVB beim Erreichen der durchaus ambitionierten Ziele weiterhelfen kann – wenn nicht unter Klopp etwas Entscheidendes passiert.

In Augsburg geht es für Ji erstmal darum, Spielpraxis zu sammeln und dadurch den Platz im Nationalteam zu behaupten. "Er kann am besten als zweiter Stürmer spielen. In Augsburg war er eigentlich ein Mittelfeldspieler. Er bewegt sich viel und versucht es mit überraschenden Schüssen. Aber er muss vom Trainer gut und genau geführt werden", meint Yonghun Lee, Chefredakteur von Goal Südkorea. Das alles hört sich eher nach einer "falschen Neun" an als nach einem Stürmer, der im Strafraum die Tore macht.

Neuanfang in der Bundesliga

"Es gibt in Südkorea eine Diskussion, ob Ji der richtige Angreifer für die Nationalelf ist", weiß Lee zu berichten. Sein Konkurrent Chu-Young Park kommt beim FC Arsenal überhaupt nicht zum Einsatz und kann deshalb ebenfalls wenig Positives vorweisen. "Ji braucht vier oder fünf gute Monate in Augsburg, damit er in Brasilien in der Startelf steht", lautet das Urteil.

Und der BVB kann einen Stürmer gut gebrauchen, der Tore macht, wenn Lewandowski nicht mehr da ist. Oder wird Ji einfach umgeschult? Theoretisch ist das möglich, denn auch Lukasz Piszczek und Erik Durm waren einmal gelernte Angreifer und sind bei der Borussia inzwischen als Außenverteidiger unterwegs.

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Dortmunds anstehende Aufgaben
25.01. FC Augsburg (H)
31.01. Eintracht Braunschweig (A)
08.02. Werder Bremen (A)
11.02. Eintracht Frankfurt (A)
15.02. Eintracht Frankfurt (H)
22.02. Hamburger SV (A)

"Dong-Won Ji ist ein Profi, der in der Offensive auf mehreren Positionen einsetzbar ist", sagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc bei der Bekanntgabe des Wechsels. Die Hoffnung, dass das Geheimnis des Transfers ein verborgenes Mittelfeld- oder Abwehrtalent des Südkoreaners ist, wird allerdings schnell zerstört: "Ich sehe ihn nicht als Flügelspieler, denn er hat nicht genügend Schnelligkeit und Technik dafür", sagt beispielsweise England-Experte Davie.

Es bleibt ein großes Rätselraten, warum sich Borussia Dortmund für Dong-Won Ji entschieden hat. Aber seine ersten Einsätze im schwarz-gelben Trikot werden im Sommer zeigen, ob das geschulte Auge der BVB-Verantwortlichen ganz genau hingesehen und etwas entdeckt hat, was andere bislang nicht erkennen konnten.

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