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Cristiano Ronaldo: Der weinende Junge von der Insel erobert die Welt

Der Portugiese kehrte am Montagabend zurück an die Spitze des Weltfußballs. Goal blickt zurück und zeichnet seinen spektakulären Weg zum Ballon d'Or nach.

SPECIAL REPORT
Von Ben Hayward auf Madeira

Für diejenigen, die ihn von Kindertagen an kennen, war es ein bekanntes Bild: Cristiano Ronaldo weinte vor Freude, als er den zweiten Ballon d'Or seiner Laufbahn in Empfang nehmen durfte. Aufgewachsen in einem armen Viertel in Madeiras Hauptstadt Funchal gehörten Tränen für den weltbesten Fußballer des Jahres 2013 zum Alltag.

Er verbrachte seine Kindheit in einem hügeligen Außenbezirk der größten Stadt der Insel und hatte es nicht leicht. Er war das vierte Kind von Dolores und Dinis, die Geburt war nicht geplant. Seine Mutter arbeitete als Köchin, sein Vater, der 2005 den Kampf gegen den Alkoholismus verlor, hatte als Gärtner große Mühe, die Familie zu versorgen.

Der junge Cristiano erhielt den Vornamen seiner Mutter und den Nachnamen Ronaldo nach Ronald Reagan, dem Lieblingsschauspieler seines Vaters und späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten. Schnell suchte er Ablenkung auf dem Fußballplatz. Nachdem er seinen Vater einmal zum Lokalklub Andorinha begleitet hatte, begann er im Alter von sieben Jahren mit Cousin Nuno zu kicken. So nahm die Erfolgsgeschichte ihren Lauf.

"Er hörte nie auf zu trainieren"

Francisco Afonso, ein Grundschullehrer, war Ronaldos erster Trainer. Im Gespräch mit Goal erinnert er sich: "Von Anfang an war er etwas Besonderes. Er war klein, aber voller Zielstrebigkeit. Zunächst spielte er als Verteidiger, rückte dann aber nach vorne, weil er immer im Geschehen involviert sein wollte. Er schoss mit beiden Füßen gut, er war schnell und hatte eine gute Technik. Er hörte nie auf zu trainieren. Fußball war alles für ihn und wenn er nicht spielen konnte, war er schlecht drauf."


Made in Madeira | Ein Bild des jungen Ronaldo bei seinem ersten Verein Andorinha

Rui Alves, ein Freund des Real-Stürmers aus Kindertagen, erinnert sich, das Ronaldo in der Tat stets gegen den Ball treten wollte: "Wir gingen raus, aber Cristiano wollte immer nur Fußball spielen. Ich habe versucht, andere Spiele auszuprobieren, aber das wollte er nicht. Am Ende des Tages gingen wir zu einer Bäckerei und warteten als Belohnung auf die Kuchen, die nicht verkauft worden waren. Aber überall wo wir hingingen, hatte er seinen Ball im Schlepptau."

Bei Andorinha hinterließ der nun zweifache Gewinner des Ballon d'Or bleibenden Eindruck. Ricardo, einem früheren Mannschaftskamerad, der heute in der Klubbar arbeitet, ist speziell Ronaldos Ehrgeiz in Erinnerung geblieben. "Er war den anderen Spielern meilenweit überlegen, das konnte man sehr früh sehen", sagte er. "Aber wenn er den Ball nicht bekam, war er sauer. Und wenn wir verloren, dann weinte er."

In einem Spiel erzielte der junge Cristiano während der ersten Halbzeit einen Hattrick, brachte sein Team mit 3:0 in Führung. Kurz vor der Pause verletzte er sich am Kopf und musste ins Krankenhaus. Als er später mit bandagiertem Kopf zurück zum Platz kam, hatte seine Mannschaft 3:4 verloren. Er war schockiert.

Funchal begleicht Schulden bei Sporting

Ronaldos Leistungen sprachen sich auf der Atlantik-Insel schnell herum und schon bald spielte er für den größten Klub der Insel, Nacional Funchal. Vor seinem zwölften Geburtstag sollte er ein offizielles Dokument für Jugendspieler unterzeichnen. Viele Leute hatten da allerdings realisiert, dass dieses Talent zu Höherem berufen sein könnte. Ein madeirischer Beamter namens Joao Marques de Freitas nahm Kontakt zu Aurelio Pereira, einem Scout von Sporting Lissabon, auf und arrangierte ein Probetraining auf dem Festland.


Ball in der Hand | Ronaldo (vorne rechts) auf einem Bild seines ehemaligen Vereins

"Ich lernte Ronaldo kennen, als er elf Jahre alt war", verriet De Freitas Goal. "Sein Patenonkel stellte ihn mir vor und erzählte mir, er sei ein sehr guter Spieler. Er war sehr, sehr klein, schmächtig und zerbrechlich."

"Ich trat in Kontakt zum Chef von Sportings Scoutingabteilung und sagte ihm: 'Da ist ein Junge, der extrem gut ist.' Er entgegnete: 'Er ist zu jung.' Er meinte, wir könnten einen so jungen Knaben nicht nach Lissabon schicken", so De Freitas weiter. "Also sprach ich mit Cristianos Mutter, eine sehr bescheidene, arme Frau. Sie erlaubte es. Wir besorgten ihm ein Ticket nach Lissabon und er bekam ein Schild mit seinem Namen um den Hals gehängt. Herr Aurelio holte ihn ab und er blieb vier Tage in Lissabon."

Sportings Scouts waren in der Tat beeindruckt vom Jungen aus Madeira, schnell wurde ein Deal fix gemacht. Nacional Funchal schuldete Sporting noch 25.000 Euro für den Transfer eines anderen Spielers. Der Klub von der Insel bot an, Sporting könne Ronaldo haben, wenn im Gegenzug die Schulden wegfielen. Allerdings war dies eine Menge Geld für einen elf Jahre alten Jungen. Beide Klubs verständigten sich darauf, die genauen Details der Verpflichtung nicht zu nennen. 2009 zahlte Real Madrid schließlich die Weltrekordablöse von 94 Millionen Euro, um ihn von Manchester United in die spanische Hauptstadt zu lotsen.


Veränderte Perspektive | Ronaldos Familie lebt nun in einer besseren Gegend von Funchal

Sportings Jugendakademie ist die Beste in Portugal und sie hatten dort ein Talent dafür, herausragende Flügelspieler auszubilden. Vor Ronaldo hatten dort bereits Simao Sabrosa und vor allem der große Luis Figo ihre Ausbildung genossen. Cristianos Mutter war eine große Anhängerin Figos. Nicht zuletzt deshalb war sie einverstanden, ihren Sohn in die Obhut des Klubs zu geben. Im Alter von zwölf Jahren verließ der Youngster die Insel und zog nach Lissabon.

Dort war es eine harte Anfangszeit. Ronaldo bekam schnell Heimweh und andere Jungs machten sich wegen seines madeirischen Akzents über ihn lustig. "Er hatte anfangs Probleme, aber wegen seiner einzigartigen Persönlichkeit hat er sich durchgesetzt", so De Freitas. "Er ist ein Gewinner, war furchtlos und zielstrebig."

"Er ist derselbe Mensch wie früher"

Ronaldos Naturell wurde geprägt von einer "komplizierten Kindheit": "Er war ein Kämpfer, ein Junge von der Straße. Sein Vater war ein unglücklicher Mensch, er verstarb vor einigen Jahren. Er fand jedoch immer einen Weg zu antworten und wenn es schwierig wurde, wuchs er an den Situationen. Als nun (FIFA-Präsident Sepp) Blatter diese Kommentare über ihn gemacht hat, da sagte er sich: 'Ich werde die Antwort auf dem Platz geben.' Und das hat er ja dann auch getan."

Kindheitsfreund Rui ergänzte: "Die Menschen kennen ihn nicht. Viele denken das zwar, aber wenn man mit ihm zusammenkommt, merkt man, welch höfliche und großzügige Persönlichkeit er hat. Er kommt nicht oft her (nach Santo Antonio), weil viele Leute hier nicht arbeiten und sie ihn um Geld anbetteln. Aber er ist dennoch derselbe Mensch wie früher."

"Wir haben noch immer Kontakt und er hat immer Zeit für uns", sagt Ricardo, ein weiterer Freund. "Es ist schon witzig: Als ich klein war, habe ich Pauleta spielen sehen. Er kommt von den Azoren und spielte für Portugal. Ich dachte mir: 'Warum können wir nicht so jemanden auch aus Madeira haben?' Es stellte sich heraus, dass wir sogar jemanden hatten, der noch besser war. Ronaldo unsere Insel erst bekannt gemacht und wir sind dankbar für das, was er für uns getan hat."

Als der 28-Jährige bei der Ballon-d'Or-Gala zunächst gegen seine Tränen kämpfte, haben sich gewiss viele Menschen in Nostalgie schwelgend an den armen Jungen aus Madeira erinnert. Der weinende Junge, der von der Insel kam und am Montagabend zum zweiten Mal die begehrteste individuelle Auszeichnung der Fußballwelt gewann. Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro hat einen langen, beschwerlichen Weg hinter sich.


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