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Rein sportlich konnte der Belgier den Red Devils bislang nur bedingt weiterhelfen. Aus finanzieller Sicht war seine Verpflichtung aber sogar ein Debakel.

SPECIAL REPORT
Von Jonathan Birchall

Viele Fans hatten gehofft, Marouane Fellaini werde dem Mittelfeld von Manchester United neuen Glanz verleihen, wirklich dran geglaubt haben aber indes nur wenige. Und in der Tat enttäuschte der Belgier bislang weitgehend. Zu oft ist er trotz seines auffälligen Haarschopfs im Old Trafford abgetaucht. Es wirkt so, als sei die unverhältnismäßig große Ablösesumme ein Ballast für ihn.

Dennoch, und trotz aller Unkenrufe der Yellow Press, ist der Trainerstab von United durchaus angetan vom Charakter des Mannes, der am letzten Tag der Transferperiode für 32 Millionen Euro (27,5 Millionen Pfund) vom FC Everton verpflichtet wurde. Im privaten Umfeld wird er von den Übungsleitern als vorbildlicher Profi beschrieben. "Marouane hat sich untergeordnet und vom ersten Tag an professionell verhalten", so eine vereinsnahe Quelle gegenüber Goal. "Er hat das gezeigt, was der Trainer von all seinen Spielern erwartet: hundertprozentige Hingabe."

Kein Vergleich also zur einstigen Verpflichtung von Bebe, der 2010 kam und die United-Coaches häufig zur Verzweiflung brachte.

Pleiten, Pech und Pannen

Nichtsdestotrotz ist Fellaini für viele Fans der Red Devils ein rotes Tuch. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Er ist nicht einmal annährend so viel Geld wert, wie der Verein aus Manchester für ihn auf den Tisch gelegt hat. Dass der 26-Jährige letztlich sogar noch gut vier Millionen Euro (3,5 Millionen Pfund) mehr gekostet hat, als es mit Everton zunächst vereinbart war, ist das i-Tüpfelchen einer Geschichte, bei der United sich nicht gerade mir Ruhm bekleckert hat.

Ein mieses Bild gab man aber nicht nur bei der Verpflichtung Fellainis, sondern während der gesamten Sommer-Transferperiode ab. Fellaini wurde zum Kollateralschaden einer zweimonatigen Tortur, die von Fehlplanung, falscher Risikokalkulation und daraus resultierender Panik geprägt war.

Andy Cole, der 1995 zu United wechselte und seinerzeit für eine britische Rekordablösesumme transferiert wurde, springt dem Belgier unterdessen zur Seite: "Er hat es vor allem angesichts des hohen Transferbetrages bei United schwer", so Cole auf Nachfrage von Goal. "Er hat zuletzt nicht regelmäßig gespielt und musste Kritik der Fans einstecken. Die erwarten von den Spielern, dass sie ihren Preis rechtfertigen, und wenn man eine schlechte Phase hat und sie an dir zweifeln, lassen sie dich das spüren."

Deswegen mache Fellaini eine schwierige Phase durch, "aber hoffentlich wird er die Wende schaffen. Er muss zu sich selbst sagen: 'Ich muss den Leuten beweisen, dass sie falsch liegen und zeigen, dass ich ein Spieler von Manchester United bin.'"

So ist für Fellaini nicht alle Hoffnung verloren, dennoch fragen sich die Anhänger, wie er zum viertteuersten Spieler in Uniteds Geschichte werden konnte. Was also war passiert? Und vor allem: warum?

Fast dreieinhalb Monate, bevor Sir Alex Ferguson am 20. Mai seinen Rücktritt bekanntgab, erklärte dessen größter Verbündeter in der Vereinsführung, David Gill, dass er den Posten als Geschäftsführer von United aufgeben wolle. Seine Aufgaben - allerdings nicht seine Position - wurden von Ed Woodward übernommen, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger nicht in Manchester, sondern hauptsächlich von London aus arbeitete.

WEN UNITED NICHT BEKAM
Und mit wem sich Fellaini messen muss...

Cesc Fabregas
Spiele: 20 
Tore: 6
Assists: 9 
Gespielte Pässe (Ø): 53.3
Erfolgreiche Pässe: 86.2%

Marouane Fellaini
Spiele: 14 
Tore: 0
Assists: 0
Gespielte Pässe (Ø): 54.2
Erfolgreiche Pässe: 88.5%

Ander Herrera
Spiele: 11 
Tore: 0
Assists: 0 
Gespielte Pässe (Ø): 40.4
Erfolgreiche Pässe: 80.2%

Thiago
Spiele: 7
Tore: 1
Assists: 2 
Gespielte Pässe (Ø): 77
Erfolgreiche Pässe: 90.2%

Gill übergibt an Woodward

Gill, auf dem Transfermarkt ein gerissener Verhandlungspartner, übergab das Zepter an jemanden, der über keinerlei Erfahrung verfügte, was das Kaufen und Verkaufen von Spielern angeht. In der offiziellen Erklärung des Klubs hieß es seinerzeit: "Ab 1. Juli wird Ed die Gesamtverantwortung des Klubs übernommen, inklusive der Durchführung der Transferaktivitäten - in Zusammenarbeit mit Sir Alex Ferguson."

Es kam anders. Am 1. Juli saß Ferguson nicht mehr auf dem Trainerstuhl und David Moyes posierte am Tag seiner Ankunft für Fotoaufnahmen. Man hatte noch zwei Monate, ehe sich das Transferfenster schloss. Fellaini, Leighton Baines und Thiago Alcantara standen allesamt auf dem Wunschzettel, und in allen drei Fällen stellte man ernsthafte Bemühungen an, den Transfer zu realisieren. Bei den beiden Letztgenannten sollte das nicht klappen.

Das Unheil nahm seinen Lauf, als Thiagos Vater Mazinho den United-Offiziellen klarmachte, dass sein Sohn nicht nach Manchester wechseln würde, da Pep Guardiola ihn bereits von einem Transfer zum FC Bayern München überzeugt hatte.

Moyes und Woodward lenkten daraufhin ihre Aufmerksamkeit in Richtung Cesc Fabregas. Beide waren guter Hoffnung, dass man den Spanier angesichts seines eher enttäuschenden Werdegangs beim FC Barcelona ins Old Trafford locken könnte - doch es gelang nicht. Bei United fühlte man sich gedemütigt und musste sich anderweitig umschauen. Woodward reiste aus Australien ab, wo sich das Team gerade auf Vermarktungstour befand, um "dringende Transfergeschäfte" durchzuführen.

Auch Herrera kommt nicht

Es ging weiter mit dem dritten spanischen Mittelfeldspieler, an dem man sich die Zähne ausbiss: Ander Herrera von Athletic Bilbao. Erneut gab es ernsthafte Gespräche, erneut dachte man, einen Durchbruch geschafft zu haben - um letztendlich abermals eine Absage zu erhalten. Die Herren aus Manchester waren nicht gewillt, 35,5 Millionen Euro (30,5 Millionen Pfund) zu berappen, die der 24-Jährige in seinem Vertrag als festgeschriebene Ablösesumme stehen hatte.

Am letzten Tag der Transferperiode entschied man sich gegen die Zahlung des geforderten Betrags. Die Tatsache, dass sich bereits ein Beraterteam im Hauptsitz der Primera Division in Madrid einfand, um den Deal zu finalisieren, zeigt, wie weit fortgeschritten die Verhandlungen schon waren.

Während all dies passierte, warteten in England Fellaini, Baines und Everton. Fellaini wusste von Uniteds Interesse und hatte seinem neuen Trainer Roberto Martinez sowie dem Vorsitzenden Bill Kenwright bereits klar gemacht, dass er den Verein verlassen wolle. Bis zum Abend des letzten Tages der Transferperiode reichte er jedoch keinen formellen Antrag auf Freigabe ein. Baines hatte derweil gänzlich davon abgesehen, seinen Abschied zu forcieren.

Das Verhältnis zwischen dem FC Everton und United war zu diesem Zeitpunkt angespannt, und das ist es noch immer. Selbst nach dem Wechsel Wayne Rooneys, der 2004 den gleichen Schritt vollzogen hatte wie später Fellaini, hatten sich Kenwright, Moyes, Gill und Ferguson stets respektvoll behandelt. Diesmal aber war das anders. Mitte August bot United 32,6 Millionen Euro (28 Millionen Pfund) für Baines und Fellaini, dessen festgeschriebene Ablösesumme von 27,9 Millionen Euro (24 Millionen Pfund) gerade erst ihre Gültigkeit verloren hatte. Ein Angebot, das Evertons Vorsitzender als "lächerlich" und beleidigend" bezeichnete und das die Atmosphäre vergiftete. Für Kenwright stand fest: United will Everton übers Ohr hauen.

United muss auch für McCarthy zahlen

Parallel dazu versuchte Everton, James McCarthy von Wigan Athletic loszueisen, der an einem hektischen letzten Tag der Transferperiode eine entscheidende Rolle spielen sollte. Der Wigan-Vorsitzende Dave Whelan hatte Everton bis zum Nachmittag hingehalten, ehe er das Angebot in Höhe von 15,1 Millionen Euro (13 Millionen Pfund) akzeptierte, was letztendlich die Tür für einen Fellaini-Wechsel öffnete.

Am Morgen jenes Tages hatten United und Kenwright sich auf 27,9 Millionen Euro (24 Millionen Pfund) für Fellaini geeinigt, falls Everton McCarthy als Ersatz für etwa 11,6 Millionen Euro (10 Millionen Pfund) bekommen würde. Als Wigan jedoch die Muskeln spielen ließ und mit dem Preis für McCarthy hoch ging, wollte Kenwright dafür sorgen, dass die Mehrkosten von United übernommen werden. Und er hatte das Ass in seiner Hand.

United wurde von der Realität eingeholt. Die zwei Monate, die Moyes und Woodward am 1. Juli noch hatten, waren auf zwei Stunden geschrumpft. Alles, was man zu diesem Zeitpunkt vorweisen konnte, war die Verpflichtung von Guillermo Varela, der vom uruguayischen Klub Penarol kam. Der 20-Jährige hatte zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 23 Minuten professionellen Fußball gespielt.

So musste die neue United-Führung unbedingt noch einmal auf dem Transfermarkt zuschlagen, um etwas vorweisen zu können - für sich, das Umfeld und die unbeliebten Bosse. Dafür griff man tief in die Tasche. In den letzten Stunden der Transferperiode zahlte Moyes, der Trainer des größten Klubs in Großbritannien, für Fellaini nicht nur gut vier Millionen Euro mehr als das, was er einst selbst als festgeschriebene Ablösesumme in dessen Vertrag hat eintragen lassen.

Nein, er zahlte auch einen wesentlich höheren Betrag als jenen, den man erst Stunden zuvor abgemacht hatte, ehe Wigan und McCarthy den Preis in die Höhe trieben. Schon damals wurde deutlich, dass man sich mächtig verzockt hatte - und heute muss man konstatieren: Auch sportlich hat sich der Transfer bislang kaum ausgezahlt.

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