"Beckers Borussia": Kapitän Filip Daems geht von Bord – oder der Wendt ist da!

Wöchentlich nehme ich die Geschehnisse rund um Borussia Mönchengladbach aufs Korn. Was tut sich im BORUSSIA-PARK, was geht ab? Meine befangene Meinung findet ihr hier.
KOLUMNE
Von Gregor Becker

Mönchengladbach. Als im Januar 2005 das "Kaufhaus des Westens" bei Borussia Mönchengladbach öffnete, war Linksverteidiger Filip Daems einer der Wunschkandidaten des damaligen Trainers Dick Advocaat und avancierte nach seinem Wechsel vom türkischen Erstligisten Genclerbirligi zum dienstältesten Spieler der Fohlenelf. Der Dauerbrenner ist somit die letzte Verpflichtung des im April 2005 geschassten Managers Christian Hochstätter, war unter allen Trainern Stammspieler, ist seit Januar 2009 von der Mannschaft gewählter Kapitän und absolvierte inzwischen mehr als 200 Pflichtspiele für den Verein. Fast neun Jahre später, inzwischen 35-jährig, neigt sich die Karriere von Filip Daems dem Ende zu. Der Kapitän geht allmählich von Bord und hinterlässt dabei eine bestellte linke Abwehrseite - für Oscar Wendt.

Daems beeindruckt nicht nur durch seine Elfmeter-Serie

Immer wieder zweifelten die Anhänger der Borussia an Filip Daems. Er verfüge über eine zu geringe Endgeschwindigkeit, schalte sich zu wenig in die Offensive ein und interpretiere seine Außenverteidigerrolle zu hausbacken. Doch der sympathische Belgier ließ seine Kritiker immer wieder verstummen, beackerte die Außenbahn, gab Abwehr und Nachwuchsspielern Stabilität und hat bis zum heutigen Tag noch jeden Elfer blind versenkt. Inzwischen fanden 18 Strafstöße (davon zwölf in der Bundesliga) bei 18 Versuchen ihren Weg ins Tor. Nur zwei Bundesligaspieler liegen in dieser Statistik vor ihm. Den Rekord von Hans-Joachim Abel, der in der Bundesliga 16 Mal in Serie verwandelte, wird der Capitano nicht mehr erreichen, aber was soll´s?

Präzisionsgrätsche: Filip Daems

Max Eberl und Lucien Favre haben jedenfalls eindrucksvoll demonstriert, wie man eine Verjüngung auf einer sensiblen Position herbeiführt, wenngleich der Machtwechsel schleichend verlief.

Anlaufschwierigkeiten für Wendt

Oscar Wendt wurde einige Jahre vor seiner Verpflichtung immer wieder in Borussias Umfeld, vor allem im offiziellen Vereinsforum, gehandelt. Im Jahre 2011 kam der neue Linksverteidiger endlich, erfüllte zunächst die Erwartungen nicht, musste sich dem starken Kapitän Daems beugen und fand sich auf der Bank wieder. Der Schwede verlor erst den Stamm-, später gar den Kaderplatz in seiner Landesauswahl und verpasste die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine.

Und wie das immer so ist, dem Faktor Zeit fehlte es an Zeit. Oscar Wendt war unzufrieden, weil Lucien Favre auf die Routine von Filip Daems setzte und das Umfeld war gereizt, weil der skandinavische Linksverteidiger die Hoffnungen nicht erfüllen konnte. Wünschte man sich den Spieler doch so sehnlich herbei, wurde er nun fallen gelassen und Max Eberl als Fehleinkauf untergejubelt. Der sprintstarke Wendt liebäugelte zwischenzeitlich gar mit einem Vereinswechsel.

Oscar Wendt bremst Ex-Kollege Mike Hanke ein

Doch es ist keine Mär, dass der Trainer Spieler besser machen kann. Es dauert eben nur seine Zeit. Den mageren 532 Spielminuten aus der Saison 2011/2012 folgten 21 Startelfeinsätze in der darauf folgenden Spielzeit. Zu Beginn der aktuellen Runde verlor Wendt erneut das Duell gegen seinen belgischen Konkurrenten, doch seit der letzten Verletzung von Daems am fünften Spieltag stand er in jeder Partie über 90 Minuten auf dem Platz. Der Machtwechsel scheint vollzogen und ich prophezeie, dass sich der gebürtige Göteborger seinen Stammplatz bis zum Saisonende nicht mehr streitig machen lässt.

Oscar optimiert!

Oscar Wendt blüht auf und steht inzwischen für die neue Borussia, die vor Selbstvertrauen zu zerbersten droht. Bei seinen zehn Einsätzen gelangen im bislang drei Treffer und eine Torvorbereitung, er hilft den "Fantastischen Vieren" bei der Initiierung feiner Offensivaktionen, bildet mit Juan Arango ein kongeniales Duo und hat inzwischen das Verteidigen gelernt. Die Fans hat er längst überzeugt und das wird ihm auch bei seinem Nationaltrainer Erik Hamren gelingen, der ihn zuletzt im Juni zum Länderspiel in Österreich aufstellte. Nun, Ibrahimovic und Co, haben es inzwischen versaut, also wird Oscar unabhängig von seiner Leistung die WM 2014 vom Sofa aus genießen, aber die EM 2016 ist ja auch nicht so weit.

Wendt und Raffael feiern einen Treffer des Linksverteidgers

Im dritten Jahr wird jetzt also alles gut. Inzwischen ist aus einer zarten Zuneigung so etwas wie Liebe geworden und Borussia Mönchengladbach hat den zum Saisonende auslaufenden Vertrag mit Oscar Wendt bis 2016 verlängert. Dem BORUSSIA-PARK mit seinem tollen Umfeld kann eben niemand widerstehen.

Wir können  einen Haken hinter die Besetzung der sensiblen Linksverteidigerposition machen – zumindest für die nächsten drei Jahre. Und der Haken wird gleich doppelt gesetzt, wenn man mit Filip Daems noch ein Jahr verlängert. Er könnte Oscar Wendt im Fall der Fälle jederzeit nahezu gleichwertig ersetzen und würde ansonsten seine Routine im Training weitergeben, jungendlichen Spielern den "Vollprofi" vorleben und  den Laden einfach zusammenhalten.

Anschließend muss der Spieler, der die Borussia fast eine Dekade entscheidend mitprägte im Klub eingebunden werden, zumindest mal als Elfmeterschützentrainer. Also: Danke, Filip Daems! Danke Oscar Wendt!

Freut euch auf Freitagmorgen, liebe Borussenfans, denn dann gibt es an dieser Stelle ein exklusives Interview, das ich mit Granit Xhaka geführt habe. So long.

Schwarzweißgrüne Grüße

Euer

Gregor Becker


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