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Nach Jahren der Tristesse scheint der englische Traditionsverein auf einem guten Weg dorthin, wo er dem eigenen Anspruch nach hingehört – auf die große (europäische) Fußballbühne.

ANALYSE
Von Mirko Jablonowski

"Ich will mit Liverpool die Premier League gewinnen. Ich werde alles dafür geben. Es wird schwierig, aber ich scheue diese Herausforderung nicht". Jene Worte stammen von Steven Gerrard, DER Legende der jüngeren Geschichte des FC Liverpool.

Zu finden sind sie in seiner Autobiographie, die er im Jahr 2012 veröffentlichte. In den vergangenen Jahren durfte man große Zweifel haben, ob der Wunsch des 33-Jährigen in seiner aktiven Laufbahn zu realisieren ist. In dieser Saison erscheint die Hoffnung des Kapitäns zwar ambitioniert, aber längst nicht mehr unmöglich.

Knapp ein Drittel der Premier-League-Saison ist gespielt. Die Reds belegen aktuell Tabellenplatz zwei. Mit 23 Punkten liegt man nur zwei Zähler hinter dem FC Arsenal, ist mittendrin im Kampf um die heißbegehrten Plätze, die zur Teilnahme an der Champions League berechtigen. Erstmals seit der Saison 2008/2009 sind die Reds wieder in der Spitzengruppe der Liga vertreten. Die leidenschaftlichen Anhänger des 18-fachen Meisters haben endlich wieder Grund zur Freude. Der jüngste Aufschwung ist das Ergebnis eines im Sommer 2012 eingeleiteten Kurswechsels.

Rodgers als Architekt des Umbaus

Die Klubführung verpflichtete den damals 39-jährigen Brendan Rodgers von Ligakonkurrent Swansea City. Der in Carnlough geborene Nordire kam mit der Empfehlung eines starken elften Tabellenplatzes mit dem Aufsteiger aus Wales an die Anfield Road. Lediglich fünf Punkte trennten den Neuling von Liverpool am Ende der Saison. Der Jungtrainer, der in seiner Laufbahn als Nachwuchscoach unter Jose Mourinho beim FC Chelsea arbeitete, brachte frischen Wind in den Klub.

Dabei ging er kompromisslos seinen Weg: Publikumsliebling Dirk Kuyt, der jahrelang die rechte Außenbahn bearbeitet hatte und als Symbol für Einsatzbereitschaft und Kampfgeist galt, musste gehen. Ebenso Transfer-Flop Andy Carroll, der im Januar 2011 für aberwitzige 41 Millionen Euro aus Newcastle geholt worden war. Rodgers setzte fortan auf junge Spieler wie seinen aus Swansea mitgebrachten Schützling Joe Allen oder das Liverpooler Eigengewächs Raheem Sterling.


"Ich will mit Liverpool die Premier League gewinnen. Ich werde alles dafür geben. Es wird schwierig, aber ich scheue diese Herausforderung nicht"


- Steven Gerrard

In der ersten Wintertransferperiode unter Rodgers kamen zusätzlich der Brasilianer Philippe Coutinho und Daniel Sturridge. Junge Spieler, die bei ihren vorherigen Arbeitgebern nicht zum Zug kamen. Rodgers aber war von ihnen überzeugt. Er sollte für sein Vertrauen belohnt werden.

Am Ende seiner Premierensaison stand Rang sieben. Obwohl sogar die Qualifikation für das internationale Geschäft verpasst wurde, gab es im Umfeld erstaunlich wenig Kritik. Vereinsführung und Fans nahmen zur Kenntnis, dass das unter dem neuen Trainer begonnene Projekt Zeit braucht. Sie bewahrten Ruhe. Nicht selbstverständlich im heutigen Fußballgeschäft. Dies spricht für die Fenway Sports Group, die Liverpool im Oktober 2010 für rund 360 Millionen Euro übernahm.

Ein Grund für das Verständnis des Unternehmens (unter Vorsitz von John W. Henry) liegt darin, dass es in den USA bereits das Baseballteam der Boston Red Sox besitzt. Im Gegensatz zu anderen Eigentümern wird trotz finanziellen Engagements auf Langfristigkeit gesetzt. Zusätzlich konnte Rodgers von Anfang an auf den einzigartigen Anhang vertrauen. Sie befürworteten den Paradigmen-Wechsel, unterstützten die Mannschaft in allen Lagen.

Die Mannschaft, die sich bis dato vor allem über die Physis und Leidenschaft definierte, veränderte sich mehr und mehr zu einer technisch, spielerisch starken Truppe. Diese zeichnet sich insbesondere durch ein hohes Maß an Flexibilität aus. Egal, ob im 4-4-2, 4-2-3-1 oder im 3-5-2, die Elf setzt die Forderungen des Trainers nahezu perfekt um. Endlich gewinnt man auch die Spiele gegen die sogenannten kleinen Vereine – gerade hier hakte es in den vergangenen Spielzeiten. Für die jüngsten Resultate spielen eine Reihe von Komponenten eine Rolle.

Sturmduo mit eingebauter Torgarantie

Mit Daniel Sturridge und Luis Suarez haben die Reds das aktuell treffsicherste Sturmduo der Premier League in ihren Reihen. Mit jeweils acht Treffern stehen die beiden gemeinsam mit Sergio Agüero von Manchester City an der Spitze der Torjägerliste. Sturridge traf in den ersten drei Ligaspielen jeweils zum entscheidenden 1:0. Suarez benötigte für seine Treffer gar nur sechs Einsätze. Der Südamerikaner begann die Premier League erst am sechsten Spieltag mit dem Auswärtsspiel bei Sunderland. Die ersten Partien saß er den Rest seiner Zehn-Spiele-Sperre ab, die ihm die FA nach seiner Beißattacke gegen Chelseas Branislav Ivanovic in der abgelaufenen Saison auferlegt hatte.

DIE TOPTORJÄGER DER PREMIER LEAGUE
Spieler

Suarez
Agüero
Sturridge
Remy
v. Persie
Ramsey

Klub


LFC
MCFC
LFC
NUFC
MUFC
Arsenal


Einsätze

6
10
11
9
10
11

Tore

8
8
8
7
8
6
Unbeeindruckt vom Spätstart und dem Wechseltheater im Sommer war der 26-Jährige sofort auf Betriebstemperatur. Keine Spur von fehlender Motivation aufgrund der nicht erteilten Freigabe für einen von ihm forcierten Wechsel zum FC Arsenal. Dies kann sich der schnelle Rechtsfuß in einer WM-Saison zum einen natürlich nicht leisten. Zum anderen ist es aber auch ein Produkt des Respekts, der Anerkennung und der Rückendeckung, die ihm in Liverpool entgegengebracht wird.

Auch Gerrard unterstrich Anfang August, wie wichtig es für die Mannschaft sei, Suarez zu halten. "Ich habe viel mit Luis gesprochen, natürlich versuche ich ihn zum Bleiben zu bewegen." Die Supporter standen und stehen trotz seines oft umstrittenen Verhaltens hinter dem Mann aus Uruguay - er dankt es mit Toren. Ein Wechsel im Winter wirkt aktuell sehr unwahrscheinlich. Pool wird auch dann unter (fast) keinen Umständen bereit sein, seinen Topspieler abzugeben. Suarez wird dies wie im Sommer akzeptieren (müssen).

Abhängig sind die beiden Striker, die knapp 80 Prozent der Saisontore des Tabellenzweiten erzielten, natürlich von ihren Hintermännern. Hier sind allen voran Gerrard, Coutinho und Jordan Henderson zu nennen.

Herzstück Steven Gerrard

Gerrard, der erst im Juli seinen Vertrag bis zum Jahr 2015 verlängerte, ist Dreh- und Angelpunkt des Spiels. Bei seinem jüngsten Auftritt agierte er im zentralen Mittelfeld. Der Kapitän stand in allen elf Ligaspielen auf dem Feld. Ihm gelangen dabei zwei Treffer und fünf Vorlagen. Er wirkt bei seinem Auftreten unheimlich fit, was vor allem der Tatsache zu verdanken sein dürfte, dass er im Sommer die Vorbereitung ohne Verletzung absolvieren konnte. Darüber hinaus profitiert die junge Liverpooler Mannschaft von der Aura des 107-fachen englischen Nationalspielers.

Neben ihm auf den Außenpositionen bot Rodgers zuletzt Henderson und Coutinho auf. Henderson stand wie Gerrard in allen Spielen der Saison auf dem Platz. Beim 4:0 gegen Fulham am vergangenen Wochenende bereitete er das 3:0 von Suarez mit einem sehenswerten Zuspiel in die Schnittstelle der Abwehr vor. Neben seinem starken Passspiel zeichnet sich der Engländer aber auch durch sein Defensivverhalten aus. Dies macht ihn zusätzlich zu einem wichtigen Baustein in Rodgers' Gebilde.

Sein Pendant auf dem linken Flügel, Coutinho, zeigte ebenso eine starke Partie. Der quirlige Brasilianer suchte häufig den Abschluss und überzeugt vor allem durch seinen unbekümmerten Spielstil. Er steht exemplarisch für den neuen, spielstarken FC Liverpool. Stand jetzt, hat Rodgers auch in diesem Fall das richtige Näschen bewiesen. Zehn Millionen Euro kassierte Inter Mailand seinerzeit für den Feingeist aus Rio de Janeiro. In Anbetracht der Tatsache, dass sich Coutinho nahezu ohne Probleme an den englischen Fußball anpasste und erst 21 Jahre alt ist, scheint das Geld gut angelegt zu sein.

In der Praxis zeigt sich nun, dass der FC Liverpool es mit ihm endlich schafft, auch tiefstehenden Gegnern mit spielerischen Mitteln zu entgegnen. Er ist es, der im Dribbling immer wieder zwei, drei Gegner auf sich zieht und letztendlich noch den Blick für den freien Mitspieler hat. Zwar haben die Reds auch in Coutinhos Abwesenheit - wegen einer im fünften Saisonspiel erlittenen Schulterverletzung fiel er fünf Wochen aus - Siege gefeiert, aber sein Fehlen machte sich dennoch bemerkbar.

Ein ganz anderer Spielertyp hingegen ist Coutinhos Landsmann Lucas Leiva. Der defensive Mittelfeldspieler befindet sich in seiner siebten Saison beim FC Liverpool und hat bereits allerhand Höhen und Tiefen an der Mersey erlebt. Nachdem er in den vergangenen beiden Jahren immer wieder mit Verletzungen zu tun hatte (Kreuzbandriss 2011, schwere Oberschenkelverletzung 2012), ist er nun wieder im Vollbesitz seiner Kräfte. Gemeinsam mit Gerrard, mit dem er sich durch das jahrelange Zusammenspiel nahezu blind versteht, macht er das Zentrum dicht, erobert Bälle, gewinnt Zweikämpfe – setzt auch mal ein Zeichen. Er steht weniger im Fokus der Öffentlichkeit, weil er, seiner Position geschuldet, kein Goalgetter à la Sturridge oder Suarez ist und auch nicht durch die technischen Fähigkeiten eines Coutinho besticht, aber sein Wert für das Team ist dennoch enorm.

Abwehr als Grundstein für den Erfolg

Eben diese Defensive bildet das Fundament für die jüngsten Erfolge des Klubs – angefangen ganz hinten bei Simon Mignolet. Der belgische Schlussmann kam im Sommer für etwas mehr als zehn Millionen Euro aus Sunderland. Er löste den langjährigen Stammkeeper Pepe Reina ab. Der Spanier schaffte es zuvor nicht mehr, der Mannschaft im Tor die absolute Sicherheit zu vermitteln - seine Patzer häuften sich. Der zunächst ausgerufene Zweikampf um die Nummer eins endete, bevor er überhaupt begann. Reina wurde nach Neapel verliehen. Mignolet bestätigte das in ihn gesetzte Vertrauen bisher voll und ganz. Bei seinem Debüt gegen Stoke City hielt er den 1:0-Sieg durch einen gehaltenen Elfmeter in der 89. Minute fest. Ein Einstand nach Maß, dem er weitere starke Leistungen folgen ließ.

Neben einem neuen Torwart verpflichtete Rodgers für die Defensive noch Aly Cissokho, Kolo Toure und Mamadou Sakho. Der 26-jährige Linksverteidiger Cissokho kam auf Leihbasis vom FC Valencia und hat sich auf Anhieb gut integriert. Mit ihm und dem Spanier Jose Enrique ist die Linksverteidigerposition endlich doppelt gut besetzt.

Auch Toure, der ablösefrei von Manchester City verpflichtet wurde, und Sakho, der für 19 Millionen Euro von Paris Saint-Germain kam und damit teuerster Neuzugang war, machen dem bisherigen Stammpersonal um Daniel Agger und Martin Skrtel enormen Druck. Toure besticht durch Ruhe und Abgeklärtheit, könnte damit gerade zum Ende der Saison, wenn es ernst wird, noch von enormer Bedeutung sein. Sakho bringt durch seine Physis, Handlungsschnelligkeit und Zweikampfstärke alle Voraussetzungen mit, einer der besten Innenverteidiger der Premier League zu werden.

Agger und Skrtel unter Druck

Ein unheimlicher Konkurrenzkampf um die Plätze im Abwehrzentrum ist entstanden. In den vergangenen Spielzeiten war die Stabilität der Viererkette zu sehr abhängig von der Form von Agger und Skrtel. Befand sich einer in einem Tief oder war verletzt, gab es keine Alternativen. In der Rückrunde übernahm Legende Jamie Carragher, der mittlerweile als TV-Experte tätig ist, den Part des formschwachen Slowaken – solide, aber eben kaum ausreichend für höhere Ansprüche.

Defensiv ist man nun deutlich besser aufgestellt. Agger und Skrtel bekommen den Druck, den sie anscheinend brauchen, um wieder Topleistungen zu bringen. Beide nehmen diese Rolle an und haben sich zudem durch das Wechseltheater nicht beeinflussen lassen. Skrtel sollte an den SSC Neapel verkauft werden, selbst ein Transfer von Agger schien nicht ausgeschlossen. Die Tatsache, dass beide auch in dieser Zeit ihre Treue zum Verein beteuerten zeigt, wie sehr sie sich mit dem Klub, der Mannschaft und der Stadt identifizieren.



All diese Faktoren führen dazu, dass der FC Liverpool nach vier Jahren im Konzert der Großen mitmischt – zumindest (vorerst) auf nationaler Ebene. Ein Platz unter den ersten Vier der Tabelle scheint in Anbetracht der Entwicklung unter Rodgers absolut möglich – aber auch nötig. Denn bei allen positiven Aspekten der neuen Ausrichtung ist zu erwähnen, dass der Kurswechsel kostspielig war. Neben den Volltreffern auf dem Transfermarkt wurden beispielsweise auch rund 35 Millionen Euro in Spieler investiert, die (bisher) noch nicht die gewünschten Leistungen zeigen konnten (Fabio Borini, Tiago Ilori, Iago Aspas, Oussama Assaidi).

Ein gewisser Druck, wieder in höheren Tabellenregionen angesiedelt zu sein, besteht. Dessen ist sich auch Gerrard durchaus bewusst. So stellte er Anfang August gegenüber Vertretern der Presse klar: "Wir müssen wieder konstant in die Top Four der Premier League kommen und uns Jahr für Jahr auf höchstem Niveau beweisen können."

Anfield Road soll ausgebaut werden

Zu diesem Anspruch passt, dass Eigentümer John W. Henry angekündigt hat, die Anfield Road auszubauen. Im neuen Fußballtempel sollen künftig 60.000 Zuschauer Platz finden. Dafür will der Amerikaner satte 180 Millionen Euro ausgeben. Lediglich einige Grundstücke um das Stadiongelände müssen noch aufgekauft werden. Henry zeigte sich diesbezüglich aber optimistisch. Ein genauer Zeitplan für die Modernisierung liegt allerdings nicht vor. In diesem Punkt wird ebenso klar, dass der FC Liverpool ein langfristiges Projekt ist. "Das wird dem Klub noch mehr Geld bringen, deswegen macht das, finanziell gesehen, Sinn."

Neben beschriebenen Erfolgskomponenten im eigenen Kader könnte ein weiterer Faktor den Mannen um Trainer Rodgers in die Karten spielen – der Misserfolg der letzten Saison. Durch die verpasste Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb hat man als einziger Anwärter auf die Königsklasse keine zusätzliche Belastung durch Champions League oder die wenig geschätzte Europa League.

Im Ligapokal scheiterte man zudem bereits an Manchester United. Dies ist im weiteren Verlauf der Saison nicht zu unterschätzen. Auch aufgrund dessen erscheint der Traum von Steven Gerrard so realistisch wie seit Jahren nicht mehr.

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