thumbnail Hallo,

Dortmunds Nuri Sahin und Arsenals Mesut Özil: Einer Flop, einer Top

Die beiden Deutsch-Türken haben den Weg in die weite Welt gewagt. Während der Eine in Spanien und England einschlug, blieb der Andere blass und kommt nun langsam wieder in Tritt.

KOMMENTAR
Von Ben Hayward

Dortmund. Der Vergleich drängt sich geradezu auf. Ihre Geburtsdaten liegen gerade einmal etwas mehr als einen Monat auseinander, beide haben türkische Wurzeln und erblickten in Deutschland das Licht der Welt. Beide konnten als Youngster in der Bundesliga auf sich aufmerksam machen und spielten schließlich in ihren Vereinen eine bedeutende Rolle.

Sowohl Mesut Özil als auch Nuri Sahin sind zu Real Madrid und anschließend nach England gewechselt. Der große Unterschied: Einer blühte in der Primera Division und der Premier League auf, der Andere enttäuschte in Spanien und auf der Insel.

Jose Mourinho sah in beiden Spielern das Potenzial, bei Real eine tragende Rolle zu spielen. Özil fasste in Madrid schnell Fuß und war bei den Fans beliebt. In einer Ära, die von Pep Guardiolas schier übermachtigem FC Barcelona dominiert wurde, hatten die "Königlichen" nun auch einen Spieler, der technisch mit den Mittelfeld-Größen aus dem Camp Nou mithalten konnte.

Bundesliga-Spieler der Saison 2011

Ähnliches hatte man auch von Nuri Sahin erwartet. Der gebürtige Lüdenscheider wurde 2005 mit 16 Jahren und 344 Tagen zum jüngsten Bundesliga-Spieler aller Zeiten und führte Borussia Dortmund in der Saison 2010/11 zum Titel - wohlgemerkt im Alter von 22 Jahren. In jener Spielzeit erzielte Sahin sieben Treffer und gab acht Assists, sein wirklicher Wert aber ging weit darüber hinaus. Im Team von Jürgen Klopp zog er im Mittelfeld die Fäden und wurde zum Bundesliga-Spieler der Saison gewählt.

Der Transfer nach Madrid war die Belohnung, und viele sagten dem Youngster einen großen Werdegang voraus. "Sahin wird in den nächsten Jahren einer der besten Mittelfeldspieler Europas werden", orakelte Paul Breitner seinerzeit. Das klang gut - und es klang plausibel.

UNTERSCHIEDE IN SPANIEN & ENGLAND
MESUT ÖZIL
Bei Real Madrid
(2010-2013)

Bei Arsenal
(2013- )
159 Spiele
(105 in der Liga)

11 Spiele (Sieben in der EPL)
27 Tore,
71 Assists

Zwei Tore, Fünf Assists
 NURI SAHIN
Bei Real Madrid
(2011-2012)

Bei Liverpool
(2012)
10 Spiele
(Vier in der Liga)

12 Spiele (Sieben in EPL)
Ein Tor, ein Assist
 
Drei Tore, drei Assists

Der junge Sahin aber konnte die Erwartungen nicht erfüllen. Während Özil auch in seiner zweiten Saison bei Real beeindruckte, war vom türkischen Nationalspieler kaum mehr was zu hören.

Sahin verpasste aufgrund eines Innenbandanrisses im Knie die Saisonvorbereitung, der Weg zurück zu alter Fitness war ein langer und mühsamer Weg. Als er dann im November wieder einsatzfähig war, hatte sich das Real-Team bereits gefunden und war auf bestem Weg zur Meisterschaft. In Mourinhos kraftraubendem System schien keinen Platz zu sein für einen Akteur, der die monatelange Vorbereitungsphase verpasst hatte.

Keine Chance gegen Alonso

Für Mourinho war Sahin eine Alternative zu Xabi Alonso - und keine Ergänzung. Der Portugiese war der Meinung, dass man beide nicht zusammen aufstellen könne, da er um die defensive Stabilität seiner Mannschaft fürchtete - auch die mangelnde Fitness des Deutsch-Türken spielte bei diesem Gedanken eine Rolle. Genausowenig wollte Mourinho Alonso in der Liga oder der Champions League auf die Bank setzen.

Wie wichtig der Spanier für das Spiel von Real ist, sieht man aktuell: Auch Carlo Ancelotti hat noch keine Lösung dafür gefunden, im Blancos-Mittelfeld die richtige Balance zu finden, wenn Alonso fehlt.

So musste Sahin sich mit der zweiten Reihe begnügen. Und selbst, als er im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinals gegen APOEL Nikosia in der Startelf stand, stellte Mourinho seine Tauglichkeit für Spitzenspiele in Frage. "Die Türken müssen für sich selbst entscheiden, ob er spielt oder nicht", sagte der Erfolgscoach damals. "Aber es ist einfacher für ein Land zu spielen als für einen Klub wie Real Madrid. Wir sind nicht in der Stimmung zu scherzen oder Spielern Spielzeit zu geben, die schwächer als andere spielen. Es wird schwer für Sahin."

Und das war es. Der 25-Jährige hatte am Ende der Saison einen weiteren Titel gewonnen, stand dabei aber in lediglich vier Liga-Spielen auf dem Platz, insgesamt lief er zehnmal auf. Zum Vergleich: Özil hatte nach Ablauf der Saison über 50 Einsätze auf dem Konto - und 17 Assists, der Bestwert in der Primera Division.

"Extrem schwierige Startbedingungen"

"Neben dem Überangebot an Topspielern, die bei solch einem Weltklasse-Verein natürlich vorhanden sind, hatte er das Pech, dass er direkt zu Saisonbeginn bis weit in den Herbst verletzt war", sagte der ehemalige Real-Verteidiger Christoph Metzelder zu dem Thema im Gespräch mit Goal. "Dann wartet auch kein Mensch mehr auf einen Neuzugang, der dann erst zur Mannschaft stößt. Das sind Startbedingungen, die extrem schwierig sind."

So konnte Sahin nicht am Reifungsprozess der Mannschaft mitwirken oder sich über Einsätze Selbstvertrauen holen - und sich nicht den Respekt der Mannschaftskollegen und der Öffentlichkeit erarbeiten. "Dann wird es hart", so Metzelder weiter.

Özil blieb noch eine weitere Saison in Madrid und glänzte erneut - und wahrscheinlich wäre er noch immer im Verein, wenn Mourinho Trainer geblieben wäre. Sahin aber war gezwungen, weiterzuziehen und auf Leihbasis zum FC Liverpool zu wechseln. Es deutete Vieles darauf hin, dass er seine vielversprechende Karriere nach einer enttäuschenden Saison wieder aufleben lassen konnte.

Aber es sollte nicht sein. Nach recht vielversprechendem Start in der Premier League kam er am Ende der Hinrunde auf lediglich zwölf Einsätze für die "Reds", ehe es wieder zurück nach Dortmund ging. Allerdings nicht, ohne noch einmal in Richtung Liverpool-Coach Brendan Rodgers zu schießen.

Ich bin bei Liverpool nicht gescheitert. Brendan Rodgers wollte, dass ich auf der Zehn spiele. Das ist nicht meine Position.
- Nuri Sahin im März

"Ich bin bei Liverpool nicht gescheitert. Brendan Rodgers wollte, dass ich auf der Zehn spiele. Ich spiele aber nicht hinter den Stürmern. Das ist nicht meine eigentliche Position", so Sahin im März. Er habe mit dem Trainer auch darüber gesprochen und ihn gefragt, warum er die Position einnehmen sollte. "Der Trainer konnte mir nicht antworten." Sein ernüchtertes Fazit: "Gott sei Dank habe ich Brendan Rodgers verlassen."

Dennoch hat er auch schöne Erinnerungen an diese Zeit: "Das rote Trikot zu tragen und im Anfield Stadium zu spielen, ist etwas Fabelhaftes. Und vielleicht hätte ich nicht nach Dortmund zurückkehren können, wenn ich nicht dorthin gewechselt wäre. Dafür bin ich dankbar."

Sahin arbeitet in Dortmund nun daran, wieder zu alter Stärke zu finden, der BVB wird den noch ausgeliehenen Spieler wohl fest verpflichten. Er nähert sich immer weiter an die Form an, die er bei seinem Wechsel nach Madrid im Sommer 2011 hatte. Das Tief, das er bei Real und in Liverpool hatte, scheint überwunden.

Özil begeistert London

Von einem Tief war Özil unterdessen bislang weit entfernt. Nach seinem überraschenden Last-Minute-Transfer von Madrid zum FC Arsenal - der von den wenigsten Real-Fans begrüßt wurde - hat der Ex-Bremer in London nahtlos an seine bisherigen Leistungen angeknüpft. Große Auftritte für das Team von Arsene Wenger waren ebenso im Programm wie starke Spiele für Deutschland.

Özil ist ein herausragender Spieler, ein überragender Fußballer. Nuri hatte bei Real das Pech, dass er verletzt war...

- Christoph Metzelder

"Özil ist ein herausragender Spieler", so Metzelder über seinen ehemaligen Teamkollegen in der Nationalmannschaft. "Ein überragender Fußballer, der auch seine Mitspieler besser macht. Es gibt viele internationale Topspieler, die selbst den Abschluss suchen, tolle Tore machen wollen und auch eine gute Quote haben. Es gibt wenige, die darüber hinaus auch den Blick für den Mitspieler haben."

Deshalb passe er perfekt ins "Gunners"-Gefüge: "Ein Olivier Giroud profitiert momentan enorm von Mesut Özil. Das zeichnet ihn einfach aus und man hat das Gefühl, dass er das fehlende Stück in diesem Puzzle beim FC Arsenal war."

Zwei Spieler mit ähnlichem Hintergrund, aber sehr unterschiedlichem Schicksal treffen nun wieder aufeinander, wenn Dortmund am Mittwochabend Arsenal empfängt. Und während Özil in der Ferne weiter an seinem Denkmal arbeitet, ist Sahin wieder da, wo alles begann. Was in zwei Jahren doch alles passieren kann...

Folge Ben Hayward auf

EURE MEINUNG: Wird Sahin eines Tages den Rückstand auf Özil aufholen können?

Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal auf
oder werde Fan von Goal auf !

Dazugehörig