thumbnail Hallo,

Als er seinen Job bei den Katalanen antrat, beteuerte er, nichts verändern zu wollen. Doch beim Duell mit Real Madrid am Samstag waren die Unterschiede deutlich sichtbar.

ANALYSIS
Von Ben Hayward | Spanish Football Writer

Es war zwar der Clasico, aber von einem Klassiker waren die 90 Minuten am Samstag zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid weit entfernt. Barca-Trainer Gerardo Martino verriet, seine Mannschaft habe zur Vorbereitung auf das Spiel ein Video des spektakulären 5:0-Triumphs aus dem Jahr 2010 geschaut. Doch Tatas Team hat im Moment wenig mit jenem zu tun, das unter Pep Guardiola neue Maßstäbe setzte. Am Camp Nou sind Veränderungen im Gange.

Martino hatte der Presse bei der Präsentation erklärt, dass er keine Umwälzungen vollziehen wolle und dies seitdem auch stetig wiederholt. Seine Worten unterscheiden sich zur Realität. Das aktuelle Barcelona ist ein anderes, als wir es aus den vergangenen fünf Saisonen unter Pep Guardiola und anschließend Tito Vilanova kennen. Der Clasico hat das bewiesen.

Statt eines Kampfes mit offenem Visier, wie wir es zuletzt häufig sahen, entwickelte sich ein taktisches Duell. Kein Wunder, denn beide Seiten gingen die Begegnung äußerst vorsichtig an. "Barcelona grübelt nun, es ist nicht mehr das Team, das auf der ganzen Welt bewundert wird", kommtentiere der ehemalige Coach von River Plate, Angel Cappa.

Martino hatte gehofft, seine Schützlinge würden wie unter Pep spielen: "Beim Mittagessen schauten wir uns das 5:0 an. Ich hatte gehofft, sie könnten abermals so spielen wie an jenem Tag. Aber die Latte war sehr hoch gelegt."

IN ZAHLEN
Martinos Barcelona im Clasico
0 Von seiner Position brachte Lionel Messi keinen Schuss auf's Tor. Cesc Fabregas kam gar nicht zum Abschluss.
3 Iniesta kreierte genauso viele Chancen wie der Rest seines Teams, ehe er in der Schlussphase ausgewechselt wurde.
7 Valdes fing sieben Bälle während der 90 Minuten ab. In Bedrängnis schlug er das Leder lang nach vorn.
12 Barca gab zwölf Torschüsse ab, nur zwei mehr als Madrid. Real bekam mehr davon auf's Tor (7:5).
54 Barcelonas Ballbesitz lag nur bei 54 Prozent. Deutlich niedriger als bei den jüngsten Duellen mit Real - vor allem in Heimspielen.
Fabregas mimt den Messi

Mit der gewählten Formation war es jedoch von Anpfiff weg unwahrscheinlich, dass es eine Wiederholung der Sternstunde gibt. Es hatten Veränderungen in allen Bereichen stattgefunden.

Der offensichtlichste Unterschied war die Position von Lionel Messi. Der Argentinier, der seinen Status als bester Spieler der Welt als "falsche Neun" zementiert hatte, rückte am Samstag auf die rechte Angriffsseite. Stattdessen durfte Cesc Fabregas in der Zentrale ran, ließ sich immer wieder fallen, agierte somit zwischen Mittelfeld und Sturm.

Messi spielte verhalten und es wirkt weiterhin, als sei der 26-Jährige nicht wieder zu 100 Prozent fit. Einen einzigen Schuss gab er auf den Kasten von Reals Diego Lopez ab, dieser segelte am Tor vorbei. Sein Einfluss auf das Spiel war begrenzt. Dennoch war Martino zufrieden mit seinem Landsmann. "Ich mache mir keine Sorgen um Messi, er spielt gut", gab der Coach zu Protokoll.

Guardiola ließ Messi dazumal nur vereinzelt auf dem Flügel auflaufen. Er zog es vor, den Weltfußballer als Fixpunkt des Offensivspiels aufzubieten, die Leidtragenden waren zunächst Zlatan Ibrahimovic und später David Villa.

Kommt ein klassischer Neuner?

Nun steht Barca derzeit aber ohne echten Strafraumstürmer da. Gut möglich, dass Martino im Januar eine Stoßspitze verpflichten lässt. Er sagte am Montag: "Ich habe mich mit Messi unterhalten. Er hatte lange als 'falsche Neun' gespielt und ich fragte ihn, ob er auf der rechten Seite spielen könne. Wir dachten, er könnte von dort mehr Einfluss nehmen. Und wir denken, er könnte dort an der Seite eines echten Stürmers spielen - den wir im Moment nicht haben. Wir halten es für eine tolle Sache Messi in verschiedenen Bereichen des Platzes einzusetzen."

Messi wird dennoch vermutlich in der Mehrheit der Spiele als "falsche Neun" auflaufen. Allerdings will Martino ihn auf weiteren Positionen ausprobieren - das ist vermutlich die größte Änderung innerhalb dieses Teams. Doch es bleibt nicht allein dabei: Barca "verlor" beim 4:0-Erfolg in der Liga gegen Rayo Vallecano das Duell um den höheren Ballbesitzanteil - etwas, das es zuvor 317 Partien lang nicht gegeben hatte.

Im Clasico am Wochenende hatten die Spieler der Blaugrana 54 Prozent der Ballkontakte. Viel weniger als die 66 Prozent, die Martino sich gewünscht hatte und deutlich von den 73 Prozent entfernt, die im Bernabeu 2010/11 notiert worden waren. Unter dem Argentinier hat Barcelona einen direkteren Stil angenommen. Es fehlt dagegen das markante Pressing der vergangenen Jahre, dem Gegner wird mehr Ballbesitz gestattet.

Wir halten es für eine tolle Sache, Messi in verschiedenen Bereichen des Platzes einzusetzen.

- Barcelonas Trainer Gerardo Martino



Ein weiterer überraschender Aspekt für viele Anhänger war das tiefe Verteidigen der Gastgeber während des zweiten Durchgangs. Das kannte man nicht vom Titelverteidiger, schließlich war dieser stets dafür bekannt, mit der Viererkette enorm hoch zu stehen und dem Gegner im Mittelfeld keine Räume zu bieten. Torhüter Victor Valdes hat mittlerweile sogar keine Hemmungen mehr, das Leder lang nach vorne zu hauen, wenn er unter Druck steht. Das wäre früher undenkbar gewesen, da waren stets spielerische Lösungen gefragt.

Auch überraschend war die Auswechslung Andres Iniestas für den zweikampfstärkeren Alex Song. Ob dies zugunsten der defensiven Auslegung war? "Ja", sagte Martino. "Und ich würde es wieder so machen."

Wie sich herausstellte, erzielte Alexis Sanchez nur kurze Zeit später das Siegtor, als er Lopez von außerhalb des Sechzehners überlupfte. Es war der Siegtreffer und er kam nach einem Konter zustande. Die Zuschauer sahen ein Barca, wie sie es so bislang nicht kannten. Dieser Clasico hat einen zarten Vorgeschmack auf die Änderungen gegeben, die noch kommen werden.

EURE MEINUNG: Wie bewertet Ihr Barcelonas aktuellen Stil? Wird Gerardo Martino weitere Änderungen vornehmen?

Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal auf
oder werde Fan von Goal auf !

Dazugehörig