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Die enttäuschenden Auftritte gegen Kopenhagen und Istanbul haben Fragen aufgeworfen: Können die Bianconeri in Europa auch in ihrer bewährten Formation erfolgreich sein?

TAKTISCHE ANALYSE
Von Carlo Garganese

Als Juventus Turin in der Vorsaison nach einem deutlichen 0:4 im Viertelfinale der Champions League gegen Bayern München die Segel streichen musste, drehten sich die Diskussionen in Italien vor allem um Antonio Contes 3-5-2-Formation. Eine Mehrheit der Experten war sich damals sicher: Gegen einen Gegner von absolutem Weltklasseformat sei das 3-5-2 gegenüber einem 4-2-3-1 wie jenem von Jupp Heynckes stets im Nachteil.

Die Diskussion keimte erneut auf, als Juventus zum Auftakt beim FC Kopenhagen nicht über ein enttäuschendes 1:1-Unentschieden hinausgekommen war. Dabei hatte sich Italiens Rekordmeister eine Menge hochkarätiger Chancen erspielt. Immer wieder standen jedoch die eigene Abschlusschwäche oder der schwedische Keeper Johan Wiland im Weg. Am Ende sprang also nur ein Zähler gegen den dänischen Underdog heraus und Juves Hoffnungen auf den großen Coup in der Königsklasse erhielten einen frühen Dämpfer.

Der wenig zuversichtlich stimmende Eindruck verstärkte sich am zweiten Spieltag daheim, als es gegen das kriselnde Galatasaray beim Debüt des neuen Trainers Roberto Mancini nur zu einem 2:2 reichte. Mit also lediglich zwei Zählern aus zwei Partien im Gepäck trifft Juve nun zweimal auf Real Madrid. Wenn es ganz mies läuft, dann liegen die Turiner vor den letzten beiden Gruppenspielen fünf Punkte hinter Galatasaray im Kampf um den zweiten Platz zurück.

In Italien war Juventus während der letzten beiden Spielzeiten immens erfolgreich. Nachdem er die Idee eines ultra-offensiven 4-2-4 schnell wieder verworfen hatte, orientierte sich Conte am 3-5-2 von Napolis Walter Mazzari. Er verordnete seinem Team diese Formation, wählte jedoch einen etwas angriffsfreudigeren Ansatz. 2011/12 stürmte die Alte Dame so unbezwungen zum Titel in der Serie A und im vergangenen Jahr gelang die Titelverteidigung.

In Europa entpuppte sich dieses 3-5-2 jedoch als weitaus weniger effektiv. Vier Punkten gegen Chelsea und einem beeindruckenden Erfolg über Shakhtar Donezk folgte ein Remis gegen Underdog Nordsjaelland, ein schmeichelhafter Auswärtssieg bei Celtic Glasgow und eben die beiden Lehrstunden gegen den FC Bayern.

Es gibt taktische Gründe für die Ungleichheit der Juve-Resultate daheim und in Europa!

Zunächst einmal erlebte das 3-5-2 - erstmals von Carlos Bilardo und seinen Argentiniern bei der WM 1986 auf der ganz großen Bühne praktiziert - in den vergangenen Jahren eine Renaissance in Italien. Aktuell setzen 13 Mannschaften der Serie A auf dieses System. Juventus verfügt über die besten Spieler, den breitesten Kader und einen exzellenten Trainer: So wird diese Mannschaft von Gegnern, welche dieselbe Formation wählen, nur selten wirklich in Bedrängnis gebracht.


In den anderen Topligen des Kontinents ist das 3-5-2 dagegen ungewöhnlich. Eine Ausnahme bildet da noch Alain Casanovas FC Toulouse in der Ligue Un. Wenn Juventus also in der Champions League antritt, bekommt es der Klub vornehmlich mit Rivalen zu tun, die ein anderes System spielen lassen - vorzugsweise die beliebten 4-2-3-1 und 4-3-3. Rafa Benitez' Napoli setzt als einzige italienische Mannschaft auf erstgenanntes und eine Handvoll Vereine wählt in der Regel das 4-3-3. In Italien herrscht ein Mangel an herausragenden Flügelspielern, echte Außenstürmer sterben im Land des vierfachen Weltmeisters aus. Juventus hat also kaum Übung darin, tief startende Flügelflitzer zu verteidigen.

Das war zum Beispiel ein entscheidender Faktor bei den Pleiten gegen den FC Bayern. Arjen Robben und Franck Ribery sorgten ständig über die Außenbahnen für Dampf. Und weil in einem 3-5-2 die Außenbahnspieler für den gesamte Flügel verantwortlich sind, waren Philipp Lahm und David Alaba ständig ohne Gegenspieler. Sie konnten sich nach vorn einschalten und ihre Vorderleute überlaufen. Außerdem bedeutete dies, dass Robben und Ribery nicht wie gewohnt nach hinten arbeiten mussten. Das machte die Münchener im Umschaltspiel zusätzlich gefährlicher. Gegen Mannschaften mit offensiven und defensiven Außenspielern von Spitzenformat ist Juventus taktisch anfällig.

Das zunehmende Pressing und das höhere Tempo, das Teams aus England, Deutschland und Spanien anschlagen, wird außerdem von der Formation beeinflusst. Napoli zeigte, wie man Dortmund mit den eigenen Waffen schlägt: Mit einem engmaschigen Mittelfeld, enorm viel Laufbereitschaft und möglichst wenig Raum zwischen der Abwehrreihe und Sturmspitze Gonzalo Higuain. Milan schaffte letzte Saison Ähnliches mit einem 4-3-1-2 beim 2:0 über Barcelona im gewohnten 4-3-3.

Juventus' Hauptproblem in Europa sind die großen Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen. Es gibt kein fixes Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff und gegen starke Konkurrenten ist das Spiel schnell schleppend. Carlos Tevez blüht im Moment nach seinem Wechsel von Manchester City auf und er bemüht sich, dieses Loch zu stopfen. Dennoch sind Juves Aktionen zwischen den Linien limitiert. Die Positionen sind nicht flexibel und damit besteht die Gefahr, dass die Angriffsaktionen vorhersehbar werden. Das Spiel gegen Kopenhagen war dafür ein gutes Beispiel: Juventus schlug mehr als 60 lange Bälle.

Conte könnte eine Reihe dieser Probleme eliminieren, indem er auf ein 4-3-3 oder ein 4-2-3-1 umstellt. Jedoch brächte eine solche Änderung neue Schwierigkeiten. Als erstes wäre da die Defensive zu nennen: Italiens Nationalmannschaft beweist, dass Juves formidable Dreierreihe mit Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini deutlich schwächer ist, wenn man sie in einer Viererkette packt. Bonucci ist kein guter Verteidiger gegen den Mann und jede andere Rolle als die Mitte einer Dreierreihe deckt seine Schwächen schonungslos auf. Und Chiellini müsste wieder auf der linken Seite ran, weil es dort an erstklassigen Alternativen mangelt.


Juve hat außerdem nicht die passenden offensiven Mittelfeldspieler für ein 4-2-3-1. Es dauerte mindestens eine Sommertransferperiode, um diesen Mannschaftsteil komplett neu aufzustellen. Conte hat im Trainingszentrum Vinovo verstärkt ein 4-3-3 getestet, um für einen Formationswechsel bereit zu sein. Es bleibt jedoch fraglich, ob er eine Mannschaft mit drei Stürmer aufbieten kann, die das Format haben die Champions League zu gewinnen. Nur wenn Fernando Llorente die Erwartungen erfüllen kann, steigen die Chancen darauf.

Juventus sollte sich einen Taktikwechsel gut überlegen. Das letzte Mal, dass eine Mannschaft im 3-5-2 die Königsklasse holte, war 2001. Diese Mannschaft hieß übrigens Bayern München.

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