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Vom Triple-Glanz ließ Bayern wenig erahnen: Statt Offensiv-Show wurde Magerkost geboten, bedingt durch eine taktische Meisterleistung Wolfsburgs.

München. "Es war eine Schlüsselszene", versicherte Dieter Hecking. Wolfsburgs Übungsleiter merkte man den Frust richtiggehend an, als er vor die Pressemeute trat. Er meinte damit nicht etwa das einzige Gegentor der 0:1-Pleite am siebten Spieltag beim FC Bayern München. Nein, spielentscheidend sei vielmehr ein Vorfall in der 26. Minute gewesen.

Plötzlich kippte nämlich die kollektive Wiesn-Glückseligkeit in der Allianz Arena: Nach einem Zweikampf mit Bastian Schweinsteiger krümmte sich Diego auf dem Rasen, hielt sich schmerzverzerrt den Kopf. Von der Tribüne wurde er mit einem gellenden Pfeifkonzert der Schauspielerei bezichtigt. Doch was passierte wirklich?

An der Seitenlinie deckte der VfL-Spielmacher gekonnt den Ball ab. Schweinsteiger rempelte ihn – in den Rücken, danach gegen den Kopf. Erst die Wiederholung entlarvte den Übeltäter. Mit der Gelben Karte war dieser noch gut bedient: "Das ist Rot, er hat ihn ja geschlagen", erklärte Ivica Olic. Provokant fabulierte der frühere FCB-Angreifer: "Wenn Diego das gemacht hätte, wäre er nicht mehr auf dem Platz gestanden."

Taktische Meisterleistung des VfL

So hatten die 71.000 Zuschauer ein neues Feindbild: Jede Szene des Brasilianers wurde fortan mit lautstarker Polemik quittiert. Diego, der zunächst mit einem hämischen Applaus reagierte, nahm es mit etwas Abstand gelassen: "Es gibt solche Entscheidungen, die wir einfach respektieren müssen. Nachdem nur die gegnerischen Fans pfiffen und nicht unsere, mache ich mir da keine Gedanken."


"Wir haben gewonnen und werden uns verbessern"

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Pep Guardiola nach dem 1:0 gegen Wolfsburg


Eine Erklärung, warum sich Schweinsteiger zu dieser Tätlichkeit hinreißen ließ, offenbarte Diego nicht. Vermutlich entnervte den Mittelfeldstrategen schlicht das aggressive Defensivverhalten der Gäste. Jene gewährten dem hoch gehandelten Triple-Sieger kaum Räume, verteidigten ab der Mittellinie konsequent.

Koo Ja-Cheol sowie Marcel Schäfer, die offensiven Flügelspieler im 4-2-3-1-System, zogen nach Ballverlust gen Mitte, machten den Laden dicht. Schweinsteigers Wirkungskreis wurden damit stark eingeengt.

Thomas Müller, der gegenüber Toni Kroos den Vorzug erhielt, und Mario Mandzukic fanden keinerlei Bindung – bei Franck Ribery und Arjen Robben vermisste man die üblichen Genieblitze. Eine taktische Meisterleistung.

Kreative FCB-Köpfe ruhen

"Wir haben die Schaltzentralen erkannt. Philipp Lahm rückt im Spielaufbau von der Sechs nach hinten in die Dreierkette, das haben wir versucht, mit Diego und Olic zu unterbinden. Jerome Boateng ließen wir bewusst frei, weil wir dachten, er tut weniger weh als Lahm und Dante mit den Pässen aus der Abwehr heraus", gab Hecking Einblicke in seine Überlegungen.

Bayerns Kreativabteilung kaltgestellt, hatte Rückkehrer Luiz Gustavo sogar die Führung auf dem Kopf. Manuel Neuer rettete in der siebten Minute, danach war der Torhüter zur Untätigkeit verdammt. "Sie haben uns nichts geschenkt. fast auf dem ganzen Platz Mann gegen Mann gespielt. Nicht der modernste Verteidigungsstil - aber sie haben viele Spieler, die hart und viel laufen", analysierte Thomas Müller.



Trotz über 70 Prozent Ballbesitz fehlte das Feintuning. Gefährlich wurde es zumeist nur bei ruhenden Bällen. Sehenswerte, zielstrebige One-Touch-Kombinationen, wie sie Mastermind Pep Guardiola gerne predigt, bekam das Publikum selten geboten. "Wir mussten erst eine Lösung finden, aber wir haben gewonnen und werden uns verbessern", so der Spanier.

"Großer Aufwand umsonst"

Guardiolas goldenes Händchen war es, welches schließlich doch die erhoffte Festtagsstimmung entfachte. Toni Kroos steckte auf Xherdan Shaqiri, beide kamen wenige Sekunden zuvor, durch. Der umtriebige Schweizer tat das gleiche, verschuf Ribery auf Links endlich Platz. Ungestört passte dieser quer zur Mitte, wo Müller aus spitzem Winkel die Erlösung brachte.

"Alles in allem war es verdient", resümierte der Matchwinner. "Ich habe nicht viel von Wolfsburg in der Offensive gesehen – außer bei zwei Standardsituationen." Und in der 60. Minute: Schäfer entledigte sich im Strafraum Rafinhas und stand bereit, Koos perfekt getimte Flanke einzunicken. Eine leichte, aber folgenschwere Berührung störte den 29-Jährigen entscheidend.

Für den Leidtragenden sei es nicht mal eine strittige Aktion gewesen, er haderte: "Wenn man in vollem Lauf nur gegen den Körper geht, reicht die kleinste Berührung, damit ich aus dem Tritt komme. Plötzlich macht man eine Bewegung, die nicht vorgesehen war und man kommt nicht mehr heran."

Der VW-Klub prolongierte damit seine Auswärtsmisere in der laufenden Saison: Gleich vier Mal traten die Niedersachsen punktelos die Heimreise an, warten seit Dezember 2001 vergeblich auf einen Punktgewinn in München. "Wir betrieben großen Aufwand, leider wieder umsonst", so Schäfer. Indes war es für Bayern der fünfte Triumph en suite – nicht zuletzt dank einer Fehleinschätzung in der 26. Minute.

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