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KOLUMNE | Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

es ist an der Zeit, wieder ein wenig Dampf aus dem HSV-Kessel zu lassen. Ich muss zugeben, dass ich in den letzten Tagen und Wochen zunehmend frustrierter durch die Gegend laufe, wenn ich über diesen Verein nachdenke. Frustriert deshalb, weil ich das, was ich vermute, nicht beweisen und somit auch nicht schreiben kann. Noch nicht. Umso mehr Hintergründe ich kenne und Mechanismen im HSV begreife, desto schwerer fällt es mir, bei der Thematik sachlich zu bleiben. Aber ich versuche es.

Bei der Überschrift zumindest konnte ich mir einen Seitenhieb gegen Klaus-Michael Kühne nicht verkneifen. Mit seiner Omnipräsenz in jeglichen Medien verkommt er zu einer Karikatur seiner selbst. Ein Milliardär mit überschwänglichem Mitteilungsbedürfnis wedelt mit dem Portemonnaie und stellt Bedingungen, ohne es zu merken. Womit er natürlich Druck erzeugt, der derzeit völlig fehl am Platz ist. Zudem gleicht das Verhältnis zwischen ihm und Teilen des Vorstands eher einer Komödie als einer seriösen Geschäftsbeziehung, weil sie ausschließlich medial geführt wird. Unabhängig davon, ob man zu der Meinung gelangt, dass er recht habe mit dem was er kritisiert: Wer ist Kühne überhaupt, um aus der Ferne täglich Urteile zu fällen? Er kennt Oliver Kreuzer nicht, diffamiert ihn aber als Drittliga-Manager. Wem ist denn damit geholfen?

Niemandem. Und wenn Kühne, wie er selbst klarstellt, keinen Einfluss nehmen möchte, dann muss er sein öffentliches Auftreten überdenken. Ich kann mir zudem nicht vorstellen, dass andere Unternehmer, die im Falle einer erfolgreichen Ausgliederung als potenzielle "strategische Partner" infrage kämen, mit ihm in einem Boot sitzen möchten. Aber auch hier ist es durchaus denkbar, dass Kühne zur Äußerung von Kritik instrumentalisiert wird. Früher war das Uwe Seeler – seine Worte haben bei den Traditionalisten Gewicht. Ihm fehlt aber das Geld, um sich in der Strukturdebatte wirklich einzumischen. Außerdem ist er eine der prägenden Figuren des Vereins und somit der Öffentlichkeit nicht als "Reformer" zu verkaufen. Womit ich niemandem persönlich etwas unterstellen will. An ein systematisches Vorgehen glaube ich dennoch.

Kühne ist längst Teil der HSV-Mühle geworden, in der er zermahlen wird wie alle anderen. Er lässt sich dazu verleiten, Zahlen zu nennen, die dem HSV überhaupt nicht weiterhelfen. Was könnte man in der Bundesliga mit den von ihm genannten 25 Millionen erreichen? Zwei, maximal drei starke Spieler. Verletzt sich einer und der andere setzt sich nicht durch, ist der Effekt verpufft. Was die Gläubiger des Vereins zu einem unerwarteten Geldregen sagen würden, sollte dabei ebenfalls nicht untergehen. Man muss begreifen, dass sportlicher Erfolg nicht planbar ist. Dazu spielen Faktoren wie Glück und Zufall eine viel zu große Rolle. Ein Pfostentreffer oder verschossener Elfmeter kann entscheidend darüber sein, ob der Verein mit 140 oder 180 Millionen Euro Umsatz rechnen kann. Das ist weit von dem entfernt, was sich in konventionellen Unternehmen abspielt. Nichtsdestotrotz ist unbestritten, dass der HSV Geld braucht. Nur zu welchem Preis nimmt er es an?

Das größte Problem ist leider weder mit Geld noch mit einer Strukturreform behoben: die Kommunikation. Man kann sie steuern, kontrollieren und beeinflussen. Einzig der Glaube fehlt mir, dass der Verein Bestrebungen in dieser Hinsicht konsequent durchzieht. Anders ist das Bild, das der HSV nach außen abgibt, nicht zu erklären. Man muss zu härteren Maßnahmen greifen, auch gegen sich selbst. Es ist unverständlich, wie man es zulassen kann, dass der Kapitän noch vor der offiziellen Entlassung von Fink ein Statement abgibt, Inhalte eines späteren Disputs zwischen ihm und dem Sportchef aus der Kabine an die Öffentlichkeit gelangen oder von einer angeblichen Kandidatenliste die Rede ist, auf der sich zu keinem Zeitpunkt der Name Lothar Matthäus befindet? Und es gibt noch viele weitere Beispiele.

Natürlich lässt sich nicht alles verhindern. Zum Beispiel kann man Bert van Marwijk aus der Ferne nicht den Mund verbieten, weil er noch kein offizieller Angestellter ist. Aber verhindert der HSV überhaupt etwas? Wehrt er sich dagegen, wenn von einer Blamage oder Posse bei der Trainersuche gesprochen wird? Die verlief doch völlig unspektakulär. Innerhalb einer Woche konnte man einen Nachfolger für Thorsten Fink präsentieren und trotzdem wird der Eindruck vermittelt, dass das Chaos regiert. Sportlich mag das stimmen. In der Trainerfrage und Findung hat der HSV die richtigen Schlüsse gezogen und zügig eine Lösung gefunden. Wenn jetzt auch noch das Weiterkommen im Pokal gelingt, kann van Marwijk seinen Job mit etwas mehr Ruhe antreten.

Der Verein täte gut daran, sein kommunikatives Problem zu lösen und die Maulwürfe ausfindig zu machen. Dies ist nämlich, trotz anderslautender Berichterstattung, nicht der Fall. Solange Maulwürfe ihr Unwesen treiben, wird keine Ruhe einkehren. Was sie ausmachen können, hat das Derby bewiesen. Wenn Antworten und Lösungen auf Fragen danach gefunden sind, wie zum Beispiel der Aufsichtsrat noch vor den üblichen Sitzungen an Informationen kommt, um diese der Presse zu stecken und für Trubel zu sorgen; erst dann, wird auch eine ausgegliederte Profiabteilung von den Problemen verschont bleiben, die erfolgreiche Arbeit beeinträchtigen. In Ruhe lässt es sich auch viel besser darüber nachdenken, was man mit dem Geld von Onkel Dagobert alles anstellen kann, um den Erfolg auf dem Rasen – einzig darum geht es – zurückzuholen.

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