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Die Initiative HSV PLUS soll den imagegeschädigten Traditionsverein aus der Führungskrise führen. Korrespondent Daniel Jovanov wirft einen genauen Blick in das Konzept.

ANALYSE
Von Daniel Jovanov

Hamburg.
Großes Aufsehen, klare Botschaft, schicke Präsentation: Mit der Initiative HSV PLUS will Ex-Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff dem Hamburger SV eine professionellere Struktur verpassen. Die Profifußball-Abteilung soll in eine Aktiengesellschaft ausgegliedert werden und sich somit strategischen Partnern öffnen. Den Mitgliedern verspricht Rieckhoff dennoch die Wahrung ihres Mitspracherechts - „Spitzenfußball PLUS Mitgliederteilhabe“, heißt es. HSV-Korrespondent Daniel Jovanov wirft für Goal einen genauen Blick in das Konzept der Reformer.

Trennung zwischen e.V. und AG

Rieckhoff und sein bis zu zehn Köpfe umfassendes Team haben ein leicht verständliches Modell präsentiert, das die Schwächen der aktuellen Struktur beheben soll. Die ständigen Indiskretionen und Machtkämpfe im bisherigen Aufsichtsrat sollen ein Ende finden. Hierfür erfolgt eine Trennung zwischen den Interessen des Breitensports, der sich dem eingetragenen Verein (e.V.) zuordnet, vom Millionengeschäft Profifußball. Die neue HSV AG soll sich Geldgebern öffnen und die Finanzierung der Bundesligamannschaft durch Anteilsverkäufe nachhaltig sichern.

Im Kern des Modells steht ein neues Gremium: Der Beirat bzw. Wahlausschuss setzt sich aus einem Vertreter der Supporters, des Ehrenrates und der Amateurabteilung zusammen. Diese ergänzen sich selbst durch vier weitere Mitglieder aus einem Pool an Ehrenmitgliedern, die sich durch besondere sportliche oder ehrenamtliche Leistungen für den Verein verdient gemacht haben. Die Aufgabe dieses Gremiums besteht darin, geeignete Kandidaten für das Präsidium des e.V. zu finden und diese der Mitgliederversammlung, dem weiterhin höchsten Organ, vorzustellen. Das Präsidium wird somit direkt gewählt und ist zudem einziger Bestandteil der Hauptversammlung der HSV AG.

Geschäftsführung mit mehr Eigenverantwortung

Bei der Benennung der Mitglieder für den Aufsichtsrat, dem auch der Präsident des e.V. angehört, ist die Hauptversammlung an die Vorgaben des Wahlausschusses gebunden. Wirtschafts- und Sportkompetenz sind zwingende Vorgaben, um diesem Gremium anzugehören. Ein Maßstab, der von den Mitgliedern auch im jetzigen Konstrukt gelegt worden ist - mangels geeigneter Kandidaten fehlt die sportliche Kompetenz allerdings. Verwechselt wird jedoch, dass es nicht die Aufgabe des bisherigen Aufsichtsrates ist, Entscheidungen im operativen Geschäft nach sportlichen Aspekten zu beurteilen, sondern rein die finanzielle Machbarkeit.

Dass dies dennoch der Fall ist und sich einige Aufsichtsratsmitglieder sogar die Einschätzung befreundeter Journalisten einholen, ist nicht allein der Struktur geschuldet. Im Modell von Ernst-Otto Rieckhoff sollen derartige Vorgänge durch die hohe Eigenverantwortung der operativen Führung innerhalb der HSV AG verhindert werden. Vereinfacht ausgedrückt: Die Geschäftsführung kann innerhalb eines vorher festgelegten Budgets Entscheidungen ohne Zustimmung des Aufsichtsrates treffen. Somit wird an dieser Stelle der Informationsfluss, zumindest theoretisch, unterbunden.

„Nach wie vor von den Mitgliedern regiert“

Möchte ein strategischer Partner wie zum Beispiel Klaus-Michael Kühne Anteile an der AG erwerben und dem HSV somit frisches Kapital zur Verfügung stellen, dürfen die Mitglieder ab einem Anteil von 25 % ihr Veto einlegen. Fast penetrant wird im Modell von Rieckhoff auf die Mitbestimmung der Mitglieder verwiesen und als höchstes Gut gefeiert. Doch der 61-Jährige muss das tun, wenn er die erforderliche Dreiviertelmehrheit erreichen will. Im Vorfeld unterstrich Johannes Liebnau, Sprecher der Fangruppierung „Chosen Few“, in einem offenen Brief seine Skepsis gegenüber neuen Strukturen. Fakt ist, dass sich ihm und weiteren Ausgliederungsgegnern eine beachtliche Anzahl anschließen und entsprechende Veränderungen verhindern können.

Auf der kommenden Mitgliederversammlung im Januar 2014 wird sich ohnehin nicht viel verändern können beim HSV. Zunächst muss der Vorstand durch eine einfache Mehrheit zur Umsetzung aller notwendigen Schritte für eine Ausgliederung beauftragt werden. Erst in einer darauf folgenden außerordentlichen Versammlung kann das Modell HSV PLUS zur Abstimmung gestellt werden. Die Chancen auf die notwendige Dreiviertelmehrheit könnten nach dem gestrigen Vortrag erheblich gestiegen sein. Scheitert Rieckhoff, steht sein Spezi Jürgen Hunke mit einem parallelen Modell bereit.

Schlechte Voraussetzungen für Jarchow & Co.

Die Arbeitsbedingungen für den aktuellen Vorstand werden sich durch das Ausgliederungskonzept nicht verbessern. Es ist unschwer zu erahnen, dass in einer neuen Struktur zumindest für Carl-Edgar Jarchow kein Platz mehr sein wird. Auch Sportchef Oliver Kreuzer könnte durch einen neuen Kandidaten ersetzt werden. Dass diese ihre Posten nicht freiwillig räumen, ist ebenso logisch wie die Tatsache, dass sich dadurch zwangsläufig neues Konfliktpotenzial entwickelt. Doch auch innerhalb der Ausgliederungsbewegung sind mehrere Ströme zu identifizieren.

Während Klaus-Michael Kühne und Felix Magath ihre eigenen Ideen verfolgen, könnte oder hat sich Jürgen Hunke dem Duo bereits angeschlossen. Rieckhoff galt in seiner Zeit im Aufsichtsrat als Gegner des Investorenmodells mit Kühne und steht diesem noch heute kritisch gegenüber: „Das Modell, Transferanteile an Spielern als Gegenleistung für eine gewisse Geldsumme abzugeben, gefährdet die Unabhängigkeit der sportlichen Entscheidungen und ist für uns nicht tragbar“, schließen er und sein Team aus. Eine Zusammenarbeit scheint daher fraglich.

Mehr Kompetenz oder mehr Mitbestimmung?

Wer bisher annahm, dass eines der Hauptprobleme das hohe Mitspracherecht der Mitglieder und die Konsequenzen hieruas sind, sieht im Modell HSV PLUS keinen Ansatz, dieses einzuschränken. Im Gegenteil. Für die erfolgreiche Umsetzung des Vorhabens von Rieckhoff, der betont, keine Ambitionen auf einen Posten zu hegen, kann nicht erwartet werden, dieses Problem in aller Deutlichkeit auszusprechen. Denn die Mitglieder haben jahrelang tatenlos zugesehen, ihre Teilnahmslosigkeit durch das Fernbleiben bei Wahlen an sich und durch das Wählen ungeeigneter Kandidaten aufgrund von Kurzvorträgen, der Betonung der "Raute im Herzen" und Showeinlagen eine Teilschuld am Imageproblem des Vereins.

Orientiert sich der HSV tatsächlich an den erfolgreichen Beispielen in der Bundesliga, muss das Mitspracherecht der Mitglieder eingeschränkt werden. HSV PLUS ist eher eine Ausgliederung Light, bei der Indiskretionen durch die nahezu allgegenwärtige Vertretung einzelner Gremiumsmitglieder schwer zu unterbinden sind. Die Garantie auf sportlichen Erfolg kann zudem keine Struktur der Welt gewährleisten. Einzig die vereinfachte Möglichkeit zur Akquise neuer Geldgeber wird durch die Ausgliederung in eine Aktiengesellschaft sichergestellt. Ob Geld dann Tore schießen kann, wird sich zeigen, wenn es soweit ist.

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