thumbnail Hallo,

Dem Klub aus Dagestan droht eine ungewisse Zunkunft: Sein schwerreicher Besitzer will die Kosten senken und zahlreiche Stars stehen nun zum Verkauf.

KOMMENTAR
Von Kris Voakes

Das geflügelte Wort vom "Milliardärsspielzeug" ist mittlerweile ein gängiger Teil des Fußballlexikons. Und Suleiman Kerimov taugte mit Anzhi Makhachkala eine Zeitlang als bestes Beispiel dafür. Er verwandelte den unbekannten Klub aus Dagestan in eines der meistdiskutieren Projekte des Weltfußballs. Er lockte einige der größten Stars mit schwindelerregenden Gehältern. Nun will er die Kosten senken und der Traum, den er einst schürte, der wird nun platzen.

Anzhi war tatsächlich nur Fachleuten ein Begriff, ehe Kerimov den Verein im Januar 2011 kaufte. Er versprach sofort, einen Klub aufbauen zu wollen, der künftig auch um die Champions League kämpfen sollte. Die Verpflichtungen von Spielern wie Samuel Eto'o, Lassana Diarra und Willian kosteten ihn etliche Millionen Euro. Er musste tief in die Tasche greifen, um Stars zu locken, die sonst unerreichbar waren. Immer in der Hoffnung, Anzhi zu einer Macht im Weltfußball zu formen.
ANZHIS AUSVERKAUF
Stars , die wechseln könnten
Mbark Boussoufa
Igor Denisov
Lassana Diarra
Samuel Eto'o
Willian
Yuri Zhirkov

Kerimov verkündete auch, er wolle die Wirtschaft und den Ruf der Republik Dagestan aufpolieren. Schnell taten sich ihm jedoch einige Hindernisse auf. Die Mannschaft musste ihre Europapokalspiele fern der Heimat absolvieren und die Spieler trainierten lieber in Moskau, um dann nur zu den Heimspielen einzufliegen.

Nun, 31 Monate nach seiner Übernahme, hat Kerimov sich eingestanden, dass seine Mission gescheitert ist. Er wollte mit am Tisch der großen Einsätze pokern und hat nun wutentbrannt die Karten geschmissen und den Raum verlassen. Eine Serie von schlechten Ereignissen, wie einer Negativserie auf dem Rasen, Krach innerhalb der Mannschaft, die Entlassung von Trainer Rene Meulensteen nach 16 Tagen Amtszeit und ein geplatzter Geschäftsdeal haben dazu geführt, dass der Oligarch seine großen Pläne ad acta gelegt hat.

Der Beginn der Saison 2013/14 lief bei Anzhi aber mal so gar nicht nach Plan: Nach zwei Punkten aus vier Spielen legte Cheftrainer Guss Hiddink sein Amt nieder. Der Titel in der russischen Premier Liga war damit in noch weitere Ferne gerückt. Das war vielen Experten klar.

Dazu kam der Streit vieler Spieler hinter den Kulissen. Igor Denisov war mit viel Getöse von seinem Jugendklub Zenit St. Petersburg geholt worden, nachdem er dort Stress mit Mannschaftskameraden hatte. Seine Integration in Anzhis Team entpuppte sich als alles andere als ein Neustart.

Bei Zenit hatte er es sich verscherzt, weil er unbedingt soviel verdienen wollte wie Hulk und Axel Witsel. Nun, in Makhachkala, brachte er die Ordnung innerhalb der Kabine ebenfalls durcheinander. Er stellte die hohen Gehälter von  Samuel Eto'o, Lassana Diarra und Mbark Boussoufa in Frage und sorgte damit für eine Spaltung des Kaders. Diarra reagierte mit einem über-aggressiven Tackling gegen Denisov im Training. Eto'o und alle anderen nicht-russischen Spieler verließen geschlossen den Platz.

Für Kerimov kam es noch dicker. Gerüchte über gesundheitliche Probleme bei einem der einst reichsten Männer der Welt machten die Runde, und dann verlor seine Investmentfirma nach einem geplatzten Deal in Weißrussland eine halbe Milliarde Euro. Auf einen Schlag waren 15 Prozent seines Vermögens futsch. Es folgte eine Niederlage gegen Rostov, der Eigentümer verlor die Geduld und Meulensteen seinen neuen Job.

"ANZHI WIRD WOHL UMS ÜBERLEBEN KÄMPFEN"

"Jeden Tag verdichteten sich die Anzeichen für eine Krise bei Anzhi mehr. Enttäuschende Resultate und der Konflikt innerhalb des Teams haben Kerimovs Vertrauen in sein Projekt erschüttert. Als er dann mehr als 500 Millionen US-Dollar verlor, wurde es noch schlimmer.

Dieser Verlust hat seine Entscheidung beeinflusst, doch es war nicht der einzige Faktor. Der Zoff in der Kabine und seine gesundheitlichen Probleme machten es noch schlimmer.

Denisov kam nicht damit klar, dass Eto'o den Laden schmiss und alle ausländischen Spieler dies akzeptierten. Es gab ernsthaften Streit und der Vorstand unterstützte Eto'o und Co.

All das kann nichts Gutes bringen. Alle oder fast alle guten Spieler werden in dieser Transferphase gehen. Ein neues Team muss aufgebaut werden und statt um den Titel zu kämpfen, wird es um das Überleben in der Premier Liga gehen."

Artur Petrosyan, Chefredakteur bei Sport-Express.ru

Eine neue Realität hat bei Anzhi Einzug gehalten und Idealisten meinen, es würden nun Kosten wegen des Financial Fair Play gesenkt. Außerdem sollten junge Talente aus Dagestan gefördert werden. Ein ehrenwertes Ziel, allerdings das genau Gegenteil des Ansatzes, den Kerimov bis dato gewählt hatte.

Ob das neue Vorhaben gelingen kann, hängt von einer Menge Faktoren ab. Nicht zuletzt von Kerimovs Leidenschaft für das Projekt und seiner Bereitschaft, weitere Verluste auszugleichen. Er ist auch ein Lokalpatriot und ein Fußballfan. Dass er nicht mehr mit dem Scheckbuch Stars anlocken kann und der Erfolg sich nicht schnell einstellen wird, wird seine Geduld auf eine harte Probe stellen.

Das neue Budget soll zwischen 50 und 70 Millionen US-Dollar betragen, zuvor war es mit 150 Millionen Millionen US-Dollar (etwa 114 Millionen Euro) mehr als doppelt so hoch.

Der Klub hat klargestellt, dass es Verkäufe nur zu fairen Preise geben werde, Schnäppchen soll die Konkurrenz bei Anzhi nicht machen können. Aber der Druck, die Gehaltskosten runterzuschrauben, ist groß und das gilt es zu berücksichtigen, wenn die ersten Offerten ins Haus flattern.

Willian, Eto’o, Diarra und Yuri Zhirkov werden sich vermutlich verabschieden. Der Brasilianer hat sich gegenüber Goal bereits positioniert. "Ich mag und respektiere Anzhi sehr. Aber jeder weiß, dass sich meine Träume und Wünsche nicht verändert haben", sagte er im Juli, nachdem er es in die Goal 50 geschafft hatte. "Mein Ziel ist es, für einen großen Klub zu spielen, wieder im Scheinwerferlicht zu stehen und in die brasilianische Nationalmannschaft zurückzukehren."

Weniger als drei Jahre nachdem er den Klub ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gezerrt hat, sieht es so aus, als stoße Kerimov ihn unter ähnlichenm Getöse wieder in die Versenkung.

Bei Anzhi gibt es nun viel Arbeit zu erledigen, damit der Verein für den ambitionierten Traum nicht die ganz große Zeche zahlen muss. Im schlimmsten Fall wird er zu einem Negativbeispiel für einen Verein, der voll und ganz der Gnade seines reichen Besitzers ausgeliefert ist.

Dazugehörig