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Der FC Bayern streicht Auswärtsdauerkarten für DFB-Pokal und Champions League und installiert Drehkreuze vor der Fankurve. Einige Fans zeigen dafür wenig Verständnis.

BERICHT
Von Fabian Roßmann

Das weltweite Ansehen des FC Bayern könnte dieser Tage wohl nicht mehr viel besser sein. Sie zelebrieren attraktiven und erfolgreichen Fußball, haben die besten Spieler Deutschlands – wenn nicht gar Europas – in ihren Reihen und sammeln weltweit Sympathiepunkte. Ein Image, das sich der Verein nur ungern von unliebsamen Fans beschädigen lassen will. Zwei Maßnahmen sollen dazu dienen, die Anhängerschaft besser unter Kontrolle zu bekommen: Die Installierung von Drehkreuzen vor der Südkurve und die Abschaffung von Auswärtsdauerkarten.

Hohe Investitionen, um die Sicherheit zu gewährleisten

Mit den Drehkreuzen soll verhindert werden, dass Fans ohne entsprechendes Ticket in die Stimmungsblöcke 112 und 113 gelangen können. Im Gegenzug wird die Kapazität in diesem Bereich um 300 Stehplätze erhöht. „Nach zwei Jahren der intensiven Analyse und des ständigen Dialogs mit allen Beteiligten, hat der FC Bayern die anwesenden Fanclubvorsitzenden […] darüber informiert, dass es ab der neuen Saison 2013/14 eine elektronische Zugangskontrolle in Form von Drehkreuzen zu allen Blöcken im Unterrang der Südkurve geben wird. […] Der FC Bayern investiert einen hohen Betrag, um die Sicherheit seiner Zuschauer zu gewährleisten“, erklärte der Klub in einer Mitteilung.

Den Fans ist diese Entscheidung ein Dorn im Auge. Ist die Stimmung in der Allianz Arena bislang schon ausbaufähig, so werden nun Anhänger, die die Mannschaft unterstützen wollen, vom Stimmungsbereich ausgeschlossen. Die Ultragruppierung „Schickeria“ äußerte sich in einer Stellungnahme deutlich zu den Veränderungen: „Diese Drehkreuze sind Ausdruck für den Wunsch der Offiziellen, eine totale Kontrolle auszuüben. Sie haben für die Vereinsführung den netten Nebeneffekt, kritische Stimmen mundtot machen zu können und unliebsame Fans auszusperren, da der Kurvengänger durch die elektronischen Drehkreuze zum gläsernen Fans wird. Sie zerstören die Fankultur in der Südkurve. Denn Fankultur lebt von Spontanität und Freiräumen und stirbt bei totaler Kontrolle.“

Die Krönung sei laut der Gruppierung, dass der Verein von einer „einvernehmlichen Lösung“ spreche, denn davon könne nicht die Rede sein. Die Verantwortlichen hätten „die Entscheidung über die Köpfe hinweg und gegen den Willen der Fans getroffen“, obwohl es von Fanseiten mehrmals Anfragen zu Gesprächen gegeben habe, um Alternativen vorzustellen und zu diskutieren. Die Ziele der Fans? „Eine Südkurve mit Stehplätzen von Eckfahne bis Eckfahne ohne Drehkreuze […] und einen ehrlichen Dialog, wie er fast überall in der Bundesliga möglich ist. Wir wünschen uns endlich eine neue und ehrliche Art des Umgangs miteinander.“

„Richtige Fans unwirtschaftlich – ‚Klatschpappenpublikum‘ geldbringend“

Der nächste Streitpunkt ist die Abschaffung der Auswärtsdauerkarte für DFB-Pokal und Champions League. Sie schränkt vor allem diejenigen Fans enorm ein, die den Verein überallhin begleiten wollen, die „Allesfahrer“ der Bayern. Für die Pokalwettbewerbe müssen sie sich nun Runde für Runde selbst um Eintrittskarten für die Gastspiele ihres Klubs kümmern. Grund dafür ist aus Vereinssicht vor allem das Fehlverhalten einiger Fans. „Leider mussten wir in der vergangenen Saison […] erneut das Abbrennen von pyrotechnischen Gegenständen im Stadionbereich der Auswärts-Dauerkarten-Inhaber beobachten. Nicht nur, dass UEFA bzw. der DFB in diesen Fällen hohe Geldstrafen gegen uns verhängt haben, birgt der Einsatz von Pyrotechnik immer auch enorme gesundheitliche Risiken in sich. Daher haben wir uns dazu entschlossen, die Optionen Tickets für alle Auswärtsspiele in den UEFA-Clubwettbewerben sowie Tickets für alle Auswärtsspiele im DFB-Pokal im Rahmen der (U21)-Auswärts-Dauerkarte ab sofort nicht mehr anzubieten und mit Beginn der Saison 2013/14 ersatzlos zu streichen“, argumentiert der FC Bayern in einem Schreiben an die Fans. Außerdem behalte man sich vor, bei weiterem Fehlverhalten auch die Auswärts-Dauerkarte für die Bundesliga abzuschaffen.



Alvaro B. aus der aktiven Fanszene des FC Bayern, der als der Rapper AB MC für den Erhalt der Fankultur kämpft, hat eine eindeutige Meinung zum Vorgehen seines Vereins: „Die Kurve und diejenigen, die jahrzehntelang mit dabei waren, werden vom Verein systematisch abgeschafft. Es scheint, als würde unsere Fankultur einigen im Vorstand nicht passen. Ihnen geht es nur noch ums Geschäft. Die richtigen Fans sind eben unwirtschaftlich und das ‚Klatschpappenpublikum‘ ist geldbringender – das will man im Stadion haben. Fans, die in guten und in schlechten Zeiten zum Verein gestanden haben, werden einfach ausgesperrt. Dazu brauchen sie noch nicht mal mehr Stadionverbote auszusprechen – man muss ihnen nur den Zugang dorthin verweigern, wo sie sich am wohlsten fühlen: in der Kurve. Ich bin fassungslos, nun so etwas mit meinem FC Bayern erleben zu müssen.“

Unschuldsvermutung im Fall Hoeneß – Vorverurteilung bei den Fans?

Kürzlich ist noch ein weiterer Fall hinzugekommen, der das Verhältnis zwischen Fans und Verein sicherlich nicht verbessern wird. Der FC Bayern München hat Stadionverbote gegen 55 seiner Fans verhängt. Der Grund seien Auseinandersetzungen zwischen einigen FCB-Fans und Anhängern des Rivalen 1. FC Nürnberg vor dem letzten Derby gewesen. Das pikante dabei: Nach Angaben aus Fankreisen wurden vor allem gegen junge Fans Stadionverbote ausgesprochen, von denen lediglich die Personalien von der Polizei aufgenommen wurden – weder ein Strafverfahren noch eine Verurteilung lägen hierbei vor. Spricht der FC Bayern die Stadionverbote also nur aus Verdacht aus? Die Fans werfen ihm zumindest Willkür vor, der Verein wolle die Kurve „mundtot“ machen.

Viele Fans sehen auch eine Rechtswidrigkeit darin, dass die Polizei Daten an den Verein weitergegeben hat. Die „AG Fananwälte“ hatte zuletzt bereits angekündigt, gegen dieses deutschlandweit durchaus gängige Vorgehen demonstrieren zu wollen. „Diese Praxis – die in allen Bundesländern angewendet wird – ist in vielerlei Hinsicht rechtlich höchst fragwürdig. Insbesondere die Datenweitergabe der Polizei ist rechtswidrig, weil hierfür keinerlei Rechtsgrundlage besteht“, hieß es dazu in einer Pressemitteilung.

Ebenfalls stört viele Fans, dass die Stadionverbote ohne rechtliche Grundlage, ohne fairen Prozess und oftmals nur auf Verdacht ausgesprochen werden. Und das in einer Zeit, in der der Verein öffentlich in der Causa Uli Hoeneß ständig die Unschuldsvermutung einfordert. Hoeneß, der in der Fanszene sehr kritisch beäugt wird, erstattete eine Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe und darf trotzdem weiterhin als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender des FC Bayern agieren, während den Fans Stück für Stück ihre Freiheiten genommen werden – eine Situation, die bei vielen Bayern-Anhängern für Kopfschütteln sorgt. „Uli Hoeneß darf alles und Fans werden auf Verdacht ausgesperrt – das geht aus meiner Sicht gar nicht“, sagt beispielsweise Alvaro B. Einige Fans werden nun ihre Konsequenzen aus dem aus ihrer Sicht unverständlichen Verhalten ihres Vereins ziehen – so hat die Fangruppierung „Inferno Bavaria“ bereits angekündigt, in der kommenden Saison allen Heimspielen des Triple-Siegers fernzubleiben und somit durch den Boykott ein Zeichen setzen zu wollen.

Die beiden Seiten sind in diesem Fall wohl nur schwer zu vereinbaren, zu weit sind die Anliegen der verschiedenen Lager auseinander. Vielleicht sollten sich einfach Fan- und Vereinsvertreter an einen Tisch setzen und über Alternativlösungen diskutieren, denn ansonsten besteht die Gefahr, dass ich Klub und Anhänger immer weiter voneinander entfernen – und das kann im Interesse keiner der Parteien sein.

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