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Am Berger Feld herrscht seit Monaten ein schwelender Streit zwischen einigen Mitgliedern und dem Vorstand des S04. Grund: der Vertrag mit dem umstrittenen Tickethändler "Viagogo".

SPECIAL REPORT
Von Hassan Talib Haji

Gelsenkirchen. Am kommenden Samstagnachmittag (14 Uhr) wird in der Veltins Arena die Jahreshauptversammlung des FC Schalke 04 abgehalten. Dort beschließt der Verein mit seinen Mitgliedern den weiteren Kurs. Unter anderem stellt sich der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies zur Wiederwahl und der Vorstand hofft auf seine Entlastung.

Es wird auf Schalke dann auch in den Dialog gehen und diverse Reden werden geschwungen. Zweifelsohne wird "Viagogo" Gesprächsthema sein, und nicht wenige Beobachter gehen davon aus, dass dieses Thema viel Zündstoff in sich birgt.

Zu den Fakten

Der FC Schalke 04 hat mit dem Schweizer Ticketanbieter einen ab dem 1. Juli 2013 gültigen Vertrag über drei Jahre abgeschlossen. Viagogo ist ab diesem Zeitpunkt offizieller Ticketpartner der Gelsenkirchener, die dafür einen siebenstelligen Betrag überwiesen bekommen - kolportiert werden 1,2 Millionen Euro jährlich. Der Schalker Ehrenrat als höchstrichterliche Instanz hat den Kontrakt bereits abgenickt und als juristisch in Ordnung und satzungskonform angesehen. Es handelt sich bei diesem Deal um ein Kontingent von insgesamt 3.000 Tickets pro Spielzeit. Gestaffelt in 10x300 Karten für Bundesligaheimspiele des Revierklubs, bei denen nicht mit einer Vollauslastung der mit über 60.000 Plätzen ausgestatteten Veltins Arena gerechnet wird. Vertraglich geregelt ist, dass auf jedes Ticket maximal ein Aufschlag von 100 Prozent gewährt wird, auch die Bearbeitungsgebühr werde gedeckelt.

Zudem wandert die vereinseigene S04-Tickettauschbörse komplett zu Viagogo. Dort konnten bislang Karten zum ursprünglichen Kaufpreis, also ohne Aufschlag, abgegeben werden. Auf dem Schweizer Ticketportal werden Eintrittskarten zu sämtlichen Events angeboten, jedoch größtenteils zu horrenden Preisen. Leitsatz ist beim Ticketkauf: "Der Besitzer der Karten bestimmt den Preis", wie Steve Roest, Europa-Manager von Viagogo, Goal in einem Exklusiv-Interview Ende Mai mitteilte. Somit steht der windige Schwarzmarkthändler nicht am Stadion, er tummelt sich im Netz und nutzt Viagogo - legal. 

Nicht wenige Mitglieder des FC Schalke 04 sehen damit, das bei der letztjährigen Jahreshauptversammlung mit großer Mehrheit verabschiedete Leitbild in Punkt 4, verletzt. Doch diese Erklärung über Selbstverständnis und ihre Grundprinzipien ist nicht bindend, da sie nicht in der Vereinssatzung steht. Viele Mitglieder sind der Meinung, dass die Preisgestaltung bei Viagogo nicht mit den Grundsätzen und den Idealen des Vereins in Einklang zu bringen ist. Zudem wird angeprangert, dass es nun keine Kontrolle mehr über die zuvor dem Verein zugehörige Ticketbörse gibt. Im Vertrag mit Viagogo ist das Kontingent, wie erwähnt, auf 3.000 Stück limitiert, doch die Frage, wie viele Karten durch die Übernahme der Ticketbörse in den freien Verkauf gelangen, ist unklar. Somit lässt sich das proklamierte Limit von 3.000 Karten wohl nicht aufrechterhalten.

Im Internet hat sich eine breite Front gebildet, die sich abgeleitet aus dem Namen des Ticketanbieters "ViaNOgo" nennt. Diese wehrt sich gegen die Form der "Legalisierung des Schwarzmarktes", wie betont wird. Mit einer Unterschriftenaktion kämpften die Initiatoren Michael Eckl und Frank Zellin monatelang, um eine außerordentliche Mitgliederversammlung des S04 zu bewirken - der Deal sollte rückgängig gemacht werden. Für die außerordentliche MV benötigte "ViaNOgo" Unterschriften von zehn Prozent der stimmberechtigten Mitglieder. Das Ziel wurde knapp verfehlt.

Auf der diesjährigen JHV wird es zum direkten Aufeinandertreffen des Vorstandes und der Viagogo-Gegner kommen. Der Streit zwischen diesen beiden Parteien wurde bemerkbar offenkundig, als die ViaNOgo-Aktivisten Unterschriften auf dem Vereinsgelände des S04 sammeln wollten und dieses verlassen mussten. Es heißt: Tagesstadionverbote wurden verhängt, weil Aktivisten Flyer verteilten. Beide Seiten bezichtigten sich der Lüge, als medial über diverse Gesprächsangebote und Annäherungen sinniert wurde.

Anträge nicht zugelassen

Wie es zudem heißt, wurden die diesjährigen Anträge, die eine Abstimmung auf der Mitgliederversammlung oder eine Satzungsänderung zur Folge hätten, seitens des Vereins nicht zu gelassen. Anträge, die das Thema "Viagogo" gar nicht als Inhalt hatten, ebenfalls. Die betroffenen Mitglieder sind verärgert über dieses Vorgehen und sehen keinen "Dialog auf Augenhöhe". Oder, dass der Verein sich bei diesen "kritischen Themen", dem Leitbild entsprechend, "tolerant gegenüber anderen Meinungen" zeigt. Kritikfähigkeit werde nach außen hin großgeschrieben, kritische Stimmen nach innen jedoch versucht mundtot zu machen - so der Tenor.

Sportvorstand Horst Heldt, Marketingvorstand Alexander Jobst und Finanzvorstand Peter Peters bilden das Dreigestirn und sind die handelnden Personen, welche sich dem Zorn der Mitglieder erwehren müssen. Vor allem aber Peters und Jobst gerieten schwer in Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, den Grundsatz des "Kumpel- und Malocherklubs" mit dem umstrittenen Viagogo-Deal verraten zu haben. Zwischen der Schalker Vorstandschaft und vielen Mitgliedern schwelt dieser Streit nun schon seit langer Zeit und der vorläufige Höhepunkt dürfte die mit viel Spannung erwartete Jahreshauptversammlung an diesem Samstag sein.

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