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In der gesamten Türkei erheben sich weite Teile des Volkes gegen die Politik des islamisch-konservativen Premier Recep Tayyip Erdogan. Mittendrin die Fußballfans – Seite an Seite!

KOMMENTAR
Von Christian Ehrhardt

Türkei. Seit Tagen toben in der gesamten Türkei die massivsten Demonstrationen seit Amtsantritt der regierenden AK Parti (Adalet ve Kalkınma Partisi, deutsch Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) und deren Frontmann Recep Tayyip Erdogan. Und dieser Widerstand treibt nun wunderbare Blüten – im Sinne des friedlichen Fußball-Miteinanders. „Todfeinde im Fußball“ zeigen sich nicht nur versöhnt, sondern gemeinsam Seite an Seite gegen die Obrigkeit.

Fenerbahce-Fans wollen einen gemeinsamen Süper Kupa (Super-Cup) zelebrieren

Nachdem in den härtesten Widerständen gegen die Polizeigewalt die Fans von Besiktas (Carsi), Galatasaray (ultrAslan) und Fenerbahce (Genc Fenerbahceliler) Seite an Seite standen, sich gegenseitig halfen, sich gegenseitig sicherten, sich gegenseitig deckten und gemeinsam für das Istanbuler Volk – wie auch das türkische Volk – operierten, kam nun von Seiten der FB-Fans eine revolutionäre Aufforderung. Die eigentlich verhassten Gegner von Galatasaray und Besiktas wurden eingeladen, gemeinsam mit den FB-Fans die Süper Kupa zu einem Fest ohne Polizei zu machen.

Offizielle Fan-Plattform von FB (12 Numara) lädt ein

"Nach dem im Gezi Park gezeigten Widerstand und der Brüderlichkeit wollen wir einen Schritt weiter gehen und laden dazu ein, beim Spiel der Süper Kupa die Tribünen gemischt zu besetzen. Das Bild der ab dem 31. Mai gezeigten Einigkeit und Gemeinsamkeit möchten wir nun auch im August auf den Tribünen des Atatürk Olympiastadions wiederspiegeln. Wir wollen keine Polizeikräfte beim Super-Cup-Spiel. Zu diesem Spiel möchten wir auch die Besiktas-Fans einladen, um damit dem schlechten Image des türkischen Fußballs ein Ende zu setzen!
Unsere Aufforderung mag am Anfang lächerlich erscheinen und es ist auch absehbar, dass beim ersten wichtigen Spiel oder nach öffentlichen Vereinserklärungen dieses Gebilde wieder zusammenbrechen kann. Das mag alles richtig sein, allerdings können wir Fans ab jetzt mit gesundem Menschenverstand verhindern, dass die Verantwortlichen uns dahin gehend blockieren. Deshalb unser offener Appell an alle Tribünengruppen und Fans: Kommt und lasst uns das Super-Cup-Spiel Schulter an Schulter anschauen."

Ein gemeinsames Trikot zur Süper Kupa

Wie ernst es auch den Fans im Netz damit ist, sieht man an den spontanen Reaktionen des FB-Fans-Twitteraccounts mit rund 500.000 Followern. Es wird überlegt, ein gemeinsames Trikot zu fertigen, in welchem die Farben der drei Istanbuler Vereine Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas anläßlich dieses Spiels vereint sind. Aus drei Großen wird ein ganz Großes – Bugün 3 büyük yok, tek büyük var! Doch woraus ist das nun genau entstanden?

600 Bäume im Gezi Park waren der Auslöser

Der Zwist entzündete sich an der Tatsache, dass die AK Parti (kurz AKP) und deren Leader Recep Tayyip Erdogan einen Park im Herzen von Istanbul dem Erdboden gleich machen wollte. Gebaut werden sollte dort stattdessen ein Einkaufszentrum, von denen Istanbul bereits gefühlte 1.000 hat und eine Moschee, von denen Istanbul gefühlte zwei Millionen hat. Das sahen die Bürger von Istanbul nicht ein und protestierten dagegen. Der friedliche Widerstand wurde in der Folge mit überbordender Polizeibrutalität im wahrsten Sinne des Wortes niedergeknüppelt. Tränengas kam im Überfluss zum Einsatz - die Demokratie, die Meinungsfreiheit, Menschenrechte und das Demonstrationsrecht wurde binnen weniger Stunden bis ins Mark erschüttert.

Spontane Solidarität der Fußballfans

Überall in der Türkei, nicht nur in Istanbul, gingen dann das Volk und die Fußballfans auf die Straßen. Ankara, Bursa, Trabzon und so weiter – die Fan-Feindschaften fielen binnen weniger Stunden komplett in sich zusammen. Schulter an Schulter zeigten sich die Fußballfans vereinsübergreifend mit dem Volk solidarisch. In Istanbul selbst sah sich die Polizei urplötzlich einer Macht aus Fans von BJK, GS und FB gegenüber, die sich schützend vor die attackierten Demonstranten stellten und noch stellen. So okkupierten Fans von BJK und FB zum Beispiel gemeinsam den attackierten Park, während Fans von GS davor die Straßen sicherten. In weiten Kreisen der Bevölkerung sind die organisierten Fans nun die Helden des Widerstandes.

Um was geht es den Demonstranten?

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die regierende AK Parti dafür gesorgt hat, dass die Türkei wirtschaftlich sehr gut dasteht. Es ist aber eben auch nicht von der Hand zu weisen, dass viele dieser Mehreinnahmen in regierungsnahen Taschen versandeten. Ferner scheint Premier Erdogan die letzte Wiederwahl im Jahr 2011 zum Anlass zu nehmen, eine schleichende Islamisierung der Türkei durchsetzen zu wollen. Nur so sind die Verhaftungen regierungskritischer Journalisten sowie Militärs, Alkohol-Verkaufsverbote zwischen 22 und 6 Uhr, Alkoholausschankverbote 100 Meter rund um Moscheen, exzessiver Neubau von Moscheen, Aufforderungen, das Küssen und Händchenhalten in der Öffentlichkeit und so weiter zu unterlassen, zu werten. Da war die Mitteilung zum Abriss des Gezi Parks, hinsichtlich dessen das Volk nicht befragt wurde, der berühmte eine Tropfen, der das Fass Türkei zum Überlaufen brachte.

Freie Geister Fußballfans

All die Beschneidungen der Meinungsfreiheit kann und wird den Fußballfans nicht schmecken und schmeckt ihnen nicht, wie wir deutlich am Beispiel der Türkei erkennen können. Sie sind freie Geister, wollen sich nicht von regierenden konservativ-islamischen Möchtegern-Sultanen als Alkoholiker brandmarken lassen, nur weil sie auf den Sieg oder Titel ihres Klubs einen Raki oder ein Bier zischen. Und das tun sie aktuell über alle Grenzen der Vereinsfarben hinaus. In Istanbul sehen wir die verfeindeten Fans von FB, GS, BJK, TS und Bursa Seite an Seite stehen. Vereint in einem Kampf gegen Ungerechtigkeit, Polizeigewalt und arrogante Alleinherrscherallüren. Und da die öffentlichen – regierungsnahen und regierungskontrollierten – Medien das Geschehen völlig ignorierten, funktionierte man kurzerhand Facebook, Instagram, Twitter, Tumblr und Co zum Sprachrohr in die Welt um. Diese Revolution findet nicht im TV, sondern via Twitter und Facebook statt.
Und auch dort wird die Schere angesetzt, denn zuletzt wurden 25 Personen verhaftet, weil sie via Twitter zum Protest gegen die Regierung Erdogan aufriefen. Nach zehn weiteren Personen wird gefahndet.


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Eure Meinung: Wird sich diese neue Fanfreundschaft länger halten oder ist mit Saisonbeginn alles vergessen?

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