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Ist Robin Dutt der Richtige für Werder Bremen?

Die Grün-Weißen haben die Trainerbank nach der Trennung von Schaaf zügig neu besetzt, ob er die Voraussetzungen dort erfüllen kann, muss sich noch erweisen.

ANALYSE
Von John C. Brandi

Bremen. Der neue Trainer ist also da: Werder Bremen verpflichtet Robin Dutt als Nachfolger von Thomas Schaaf, der DFB entlässt den Fußball-Lehrer zähneknirschend aus seinem Vertrag, und an der Weser spricht man zufrieden vom "Wunschkandidaten". Alles gut also?

Fragen bleiben, aber wenn man ehrlich ist, wäre abgesehen von Fabellösungen a la Arsene Wenger und Konsorten wohl jeder Nachfolger des Urgesteins Schaaf mit Misstrauen beäugt worden, hat man hier doch die schwere Übergangsphase nach der Ablösung von Rehhagel noch in allzu schlechter Erinnerung.

Die verflixte zweite Station

Doch da ist natürlich die verflixte zweite Station von Dutt in Leverkusen, wo er zwar international mit Siegen gegen Chelsea, Valencia und in der Bundesliga gegen den FC Bayern teils erfolgreich war, aber mit einem 1:7 gegen Barcelona auch die höchste Europapokal-Niederlage des Vereins zu verantworten hatte. Ein Auf und Ab also – die Tiefpunkte manifestierten sich am Ende, sodass Dutt am Ende bei Bayer nach fünf Pleiten am Stück die Koffer packen musste.

Die Chemie zwischen dem in Freiburg noch sehr erfolgreichen Trainer und einigen Führungsspielern sowie den Fans in Leverkusen hatte nie wirklich gestimmt; die höchste Heimniederlage im Rheinderby gegen den 1. FC Köln überhaupt (1:4) machte die Sache nicht besser, und so war der vorzeitige Abschied nach nicht einmal einer Saison irgendwann unabwendwar.

Der richtige Ton

Das führt zu einer der Schwächen Dutts: Als versierter Kommunikator und authentischer Coach, der die Sprache der Fans spricht, gilt der bei Stuttgart aufgewachsene Sohn eines Inders und einer Deutschen nicht gerade, sein Image entspricht eher dem eines Fußball-Fachmanns, eines Technokraten, der akribisch arbeitet, aber nicht immer den richtigen Ton trifft. Bei seiner Vorstellung sprach Dutt davon, dass er mit "Fingerspitzengefühl" vorgehen wolle: "Meine Vorstellung ist eine Mischung aus Professionalität und Menschlichkeit."

Seine Trainerlizenz erwarb Dutt mit Jahrgangs-Bestnote, die Qualität ist also da, zudem konnte er sich die ersten Lorbeeren in der Liga beim SC Freiburg verdienen, wo er Langzeitcoach Finke beerbte, in der Hinsicht stimmen die Voraussetzungen also. Bei der gestrigen Vorstellung in Bremen gab es auch selbstkritische Töne von ihm, er gab zu: "Leverkusen war nicht meine beste Performance. Da habe ich gerade in der ersten Zeit zu viele Fehler gemacht" - Fehler, aus denen er die richtigen Schlüsse für sein jetziges Engagement ziehen wolle.



Relaunch, zweiter Anlauf

Bei Werder Bremen ist nun nicht weniger als ein echter Relaunch vonnöten: Drei Jahre ohne internationalen Fußball haben Nerven und Kassen strapaziert, zudem ist die Handschrift der ehemals attraktiv und offensiv ausgerichteten Mannschaft verloren gegangen. Mit Allofs und Schaaf sind die Protagonisten weg, die der Ära mit sechs Champions-League-Teilnahmen, dem Double 2004 und zwei weiteren DFB-Pokalsiegen ein Gesicht gaben, das Duo scheiterte aber auch an der schweren Aufgabe, die Neuausrichtung erfolgreich zu vollziehen.

Die Verschlankung des Budgets, die eine Trennung von Leistungsträgern wie zuletzt Wiese, Pizarro und Naldo bedeutete, führte auch letztlich dazu, dass Werder immer passiver und unattraktiver spielte, am Ende der vergangenen Saison fast abstieg – ein klarer Abwärtstrend war zu erkennen, die Neuen waren nicht in der Lage, den Qualitätsverlust aufzufangen, Schaaf nicht imstande, aus den auch von ihm mitgetragenen Verstärkungen eine wirklich wettbewerbsfähige, hungrige und erfolgreiche Mannschaft zu formen.

Hier soll Dutt nun ansetzen und mit klugen Transfers, die wenig kosten dürfen, das Team in eine neue Ära führen. Das ist eine Herkulesaufgabe. Zudem ist die Systemfrage virulent: Nach der Abkehr von der Raute konnte weder das 4-5-1, noch das  4-2-3-1 dem Verein wirklich Sicherheit geben, die Ausrichtung auf mehr Aktion über Außen mit Elia und Arnautovic brachte offensiv keinen Erfolg und machte Werder noch anfälliger für Fehler in der Viererkette, was in der abgelaufenen Saison überdeutlich wurde.

Schwierige Situation auf dem Transfermarkt

Da wird dem ausgewiesenen Fußballexperten Dutt sicher etwas einfallen, doch was Transfers angeht, sollte man nicht zu viel erwarten. Nach 20 Millionen Minus in den letzten zwei Spielzeiten kann man keine großen Sprünge machen, zudem zeigt die jüngste Vergangenheit, dass Werder deutlich an Attraktivität für interessante Spieler eingebüßt hat, was die Verhandlungen komplizieren wird, zumal einiges zu tun ist nach den Abgängen von de Bruyne und Sokratis.

Daher betonte man die Affinität Dutts zu Jugendspielern als großes Plus, hier war zuletzt nicht viel passiert, Nachwuchsakteure wie Felix Kroos, Özkan Yildirim und insbesondere Niklas Füllkrug wurden nur zögerlich bis gar nicht integriert. Das soll anders werden.

Alles in allem werden die Ansprüche an Robin Dutt im Hinblick auf die neue Saison sicher nicht himmelhoch sein, sofern er der Mannschaft ein offensives und proaktives Auftreten einimpfen kann. Weniger ein internationaler Startplatz als eine einstellige Platzierung wird wohl vorerst das Ziel sein, eine gewisse Stabilität, Ruhe im Umfeld und vor allem eine sportliche Perspektive. All das sind bereits hohe Anforderungen, an denen sich Dutt wird messen lassen müssen. Er bringt die meisten Voraussetzungen dafür mit, nicht zuletzt etwas Glück und Geschick wird er wohl auch benötigen.

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