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Warum Rosell Neymar unbedingt nach Barcelona holen wollte

Zwei Jahre langer und anstrengender Verhandlungen sind zu Ende: Der 21-Jährige kommt diesen Sommer ins Camp Nou. Aber warum eigentlich genau jetzt?

ANALYSE
Von Ben Hayward | Spanien-Experte

Barcelona hat endlich seinen Wunschspieler. Danach sah es schon lange aus, spätestens seit 2011 die Verhandlungen mit Real Madrid scheiterten und Barca einen 10-Millionen-Vorschuss an Neymars Vater zahlte. Seitdem jedoch hat die Saga mehr Täuschungen und Finten gesehen als eines von Neymars Dribblings. Nun hat sie ein Ende und Sandro Rossels Vorzeige-Verpflichtung ist an Bord, endlich. 

Seit er die Präsidentschaft von Joan Laporta übernommen hat, war es Rosells Bestreben, sich vom Vorgänger-Regime zu distanzieren, dem er selbst zwei Jahre lang, von 2003 bis 2005, angehörte. 2005 trennte sich Rosell wegen Differenzen mit Laporta von den Katalanen, blieb aber stets stolz auf die bemerkenswerten Erfolge, welche diese spezielle Mannschaft sich sicherte: Zwei La Liga-Titel und eine Champions League zwischen 2003 und 2006. Zurecht: Immerhin war er es, der 2003 den Geniestreich hatte, Ronaldinho zu verpflichten.

Der Brasilianer wurde der erste Markenfußballer der Laporta-Ära, doch es war Rosell, der damals seine guten Kontakte nach Brasilien nutzte und den heiß Umworbenen von Paris Saint-Germain nach Katalonien lockte, obwohl auch weitere Europäische Giganten ihr Interese bekundeten, unter anderem Manchester United. Nun will er etwas Ähnliches mit Neymar: Einen Spieler, den er ausgesucht hat und der fortan mit seiner Amtszeit in Verbindung gebracht wird, und nicht mehr mit Laportas.


Brasilianischer Charme | Neymar soll bei Barca Ronaldinho beerben

Rosell ist entschlossen, die Marke Barca mit Neymar weiter auszubauen. Das von ihm und Nike (zwischen 1996 und 2002 arbeitete Rosell für den Sporthersteller, die letzten drei Jahre in Brasilien) hergestellte Blaugrana-Shirt hat lange auf einen solchen Elite-Kicker warten müssen. Andres Iniesta, Gerard Pique und Carles Puyol stehen alle bei Nike unter Vertrag, sind aber im Vergleich mit den Topstars der Welt und im martkwirtschaftlichen Sinne keine Merchandising-Riesen. Lionel Messi natürlich schon, doch der Argentinier gehört zu Adidas. Neymar hingegen bedient alles: Als Spieler gehört ihm die Öffentlicheit, wo er auch hinkommt; und er gehört zu Nike.

Während seines Wahlkampfes stand Rosell mit einem anderen Nike-Star, Fernando Torres, in Kontakt. Es ging um eine Verpflichtung, doch die damalige Vorstandsriege machte den Plan schnell zunichte und holte stattdessen noch vor den Wahlen im Juli 2010 einen anderen spanischen Stürmer, David Villa (Adidas).

Ein Jahr später, als Barca seine erste Saison als Präsident gerade mit dem Meistertitel und der Champions-League-Krone beendete, war Rosell verzückt. Aber: Der Präsident wusste, dass er mit der Zusammenstellung dieser Mannschaft nicht allzu viel zu tun gehabt hatte. Ronaldinho war schon lange weg, während Trainer Pep Guardiola und die meisten Spieler aus der Laporta-Ära stammten.

NEYMAR
5. Februar 1992
AGE: 21
CLUB STATS
LIGASPIELE
103
KONTINENTAL-WETTBEWERB
29
SPIELE INSGESAMT
225
TORE INSGESAMT
136
INTERNATIONAL
U20-SPIELE
7
U21-TORE
9
A-MANNSCHAFT
32
A-MANNSCHAFT TORE 20

Rosell hat viele Verbindungen zum vorherigen Vorstand gekappt, indem er in seiner ersten Woche Johan Cruyff die Ehrenpräsidentschaft nahm (ein Geschenk Laportas), aus Barcelona Atletic wieder Barcelona B machte oder den Trainerstab bei den Jugendmannschaften ausdünnte. Auch die Beziehung zu Pep war - im Vergleich zu seinem Vorgänger - kühl. Und seit auch Guardiola weg ist (dem der gegenwärtige Vorstand nach Angaben Laportas nur halbherzige Angebote machte, zu bleiben) ist es voll und ganz Rosells Barcelona.

Aber auch wenn das seine Wunsch-Konstellation ist: Sandro erlebte im Camp Nou alles andere als eine einfache Saison. Fragwürdige Verpflichtungen letzten Sommer, die Krankheit von Tito Vilanova und ein fehlender Plan B bedeuteten schon jede Menge Ärger. Aber die große Abhängigkeit von Messi sowie dessen andauernde Verletzung und das katastrophale Aus gegen die Bayern im CL-Halbfinale haben Rosells Regime noch mehr ins Rampenlicht gerückt. Dass Vereinssprecher Toni Freixa letzten Monat verkündete, Tito bestehe "alle Vergleiche mit Guardiola", half da nur wenig. Unter Druck - und bisher auch unter Wert: Rosell brauchte dringend neuen Antrieb und so hatte Neymar schnell höchste Priorität.

IN ZAHLEN
Barca, Brasilien, Nike & Neymar
6 Rosell arbeitet sechs Jahre für Nike, drei davon in Brasilien.
7 Neymar verdient 7 Millionen pro Jahr bei Santos, nun soll er dasselbe in Barcelona kriegen.
8 Der Brasilianer besitzt bereits acht Sponsorenverträge - mit gerade mal 21.
27.5 Ronaldinho kostete die Katalanen 2003 27,5 Millionen, das meiste davon nahm man durch Trikot-VErkäufe wieder ein.
28 Barca zahlt Santos 28 Millionen, aber auch an Neymar selbst gehen zusätzliche 30 Millionen.
Dem Präsident war schnell klar: Neymar würde diesen Sommer kommen. Der Spieler selbst war schon lange bereit und seine Weigerung, bei Santos zu verlängern, beendete die Hoffnung der Brasilianer, ihn noch bis 2014, wenn sein Vertrag endet, oder darüberhinaus zu halten. Man wollte ihn auf keinen Fall umsonst ziehen lassen und Neymar wollte auf keinen Fall woanders hin. Santos hätte ihn an sonstwen verkaufen können, aber ohne Neymars Zustimmung würde es erst gar keinen Verkauf geben.

Barca hatte also seinen Mann, während Santos noch darauf spekulierte, die Verhandlungen bis nach dem Confederations Cup am Leben zu erhalten - in der Hoffnung, dass Interesse und Preis noch steigen könnten. Rosell sah das kommen und entsandte rasch einige Vertreter nach Brasilien, um zu einer finalen Übereinkunft zu kommen. Am Ende stand ein Deal zwischen 50 und 60 Millionen - ca. 28 Millionen für den Transfer selbst und schätzungsweise 30 Millionen für den Spieler. Dazu wird Barca Neymar noch ein Gehalt von rund sieben Millionen pro Saison zahlen. Andererseits erhalten die Katalanen 50% dessen, was Neymar durch Werbeverträge einspielt während er bei ihnen unter Vertrag steht.

Rosells Hoffnung ist, dass sein neu vepflichteter Star der Katalysator eines neuen, spektakulären Projekts wird, welches die dritte und komplizierte Saison des 49-jährigen Geschäftsmann ablöst. Real Madrid im Rennen um einen Top-Spieler geschlagen zu haben, dürfte ebenfalls Antrieb gewesen sein. Aber vor allem will der Präsident in der Mitte seiner Amtszeit seine Karten verbessern, indem er die Mannschaft und die Marke Barca weiter ausbaut, um national wie international zu dominieren. 2016 steht seine Wiederwahl an und Laporta hat bereits angedeutet, dass auch er dann nocheinmal in den Ring steigen könnte.

Neymar mag also ein schlacksiger 21-Jähriger ohne Europa-Erfahrung sein, aber schon vor seiner Ankunft erwartet ihn ein schwerer Rucksack aus Erwartungen. Aber sein Erfolg oder Misserfolg im Camp Nou können Rossels Regime als Präsident entweder stützen - oder stürzen. Die jetztige Führungsriege brauchte einen wie Neymar. Jetzt fehlt nur noch, dass er liefert.

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