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Am Samstag kommt es zum Showdown zwischen dem BVB und Bayern - bereits einen Tag vorher wird London von deutschen Fans besiedelt. Die Preise für ein Final-Ticket sind horrende.

SPECIAL REPORT
Von Tim Röhn in London

Dass Borussia Dortmund am Freitag von einer britischen Zeitung zum "Underdog" gekürt wurde, passt den drei BVB-Fans, die im Hotel Aloft Excel in der Nähe des Flughafens London-City eingecheckt haben, überhaupt nicht. "Underdog?", fragt einer, der in der Lobby sitzt: "Die werden sich morgen ganz schön wundern. Wir werden den Pott holen."

Siegesgewissheit allerorten

Es ist egal, ob man in diesen Stunden in der englischen Hauptstadt mit Dortmund- oder Bayern-Anhängern spricht: Einen Tag vor dem Champions-League-Finale gehen sie alle davon aus, dass ihre Mannschaft triumphieren wird. Bei den Tausenden deutschen Fußball-Fans, die bereits hier sind, herrscht eine riesige Vorfreude auf die Begegnung. Für Angst vor einer Pleite ist da kein Platz – genauso wenig wie für gegenseitige Anfeindungen. Bislang ist es ruhig auf Londons Straßen und in Londons Pubs; entweder feiern die Fans beider Klubs gemeinsam, oder es bleibt bei Schmähgesängen.

Im deutschen Café Zeitgeist in der Londoner Innenstadt sitzen Fans von Bayern und Dortmund gemeinsam an den Tischen, trinken Bier und essen Bratwurst mit Pommes Frites. Der Ausfall von BVB-Mittelfeldspieler Mario Götze wird diskutiert und die Frage, ob sein Sturmkollege Robert Lewandowski am Samstag wohl zum letzten Mal das Trikot der Schwarz-Gelben tragen wird. Die Atmosphäre ist nicht nur hier völlig entspannt. "Aber morgen", sagt die Kellnerin auf Deutsch, "wird hier die Hölle los sein. Wir erwarten 3.000 Gäste, die das Spiel auf Großbildleinwänden gucken werden." Bis dahin ist noch eine wichtige Sache zu erledigen: An der Bar hängen ein BVB-, Deutschland, und Köln-Schal übereinander. Was fehlt, ist ein Schal des FC Bayern. Bislang hat es glücklicherweise kein Münchner gemerkt.

Warnung vor Betrügern

Am Spieltag werden Hunderte von ihnen das Café Zeitgeist besuchen. Scotland Yard rechnet insgesamt mit bis zu 10.000 deutschen Fans, die in London Endspiel-Luft schnuppern wollen, obwohl sie kein Ticket haben. Zumindest noch nicht. Die Behörden warnen eindringlich davor, ohne Eintrittskarte anzureisen, weil womöglich Betrüger ihr Unwesen mit gefälschten Tickets treiben und die Stadt ohnehin hoffnungsvoll überfüllt ist. Abhalten lässt sich von derlei Warnungen aber kaum jemand.

Im Caffe Nero am Green Park berichtet ein Bayern-Fan, er sei schon am Flughafen gefragt worden, ob er sein Ticket für einen hohen Betrag hergeben würde. "Für kein Geld der Welt würde ich meine Karte abgeben", erklärt er und fügt hinzu: "Bieten Sie mir 10.000 Euro. Ich werde ablehnen."

Üppige Ticketpreise

90.000 Zuschauer werden am Samstag im Wembley-Stadion zu Gast sein, je 25.000 Tickets vergaben der BVB und die Bayern an ihre Fans. Bei beiden Klubs gab es 20 Mal so viele Anfragen für Eintrittskarten, fast eine Million Fans ging leer aus. BVB-Fan Tim Kratz aus Solingen gehörte dazu, wird aber trotzdem live dabei sein. Der 25-Jährige ersteigerte er am Mittwoch ein Ticket bei Ebay, 905 Euro blätterte er dafür hin. Im Vergleich zu den beim umstrittenen Ticket-Händler Viagogo aufgerufenen Preisen war es ein Schnäppchen. Dort kostete eine Eintrittskarte Mitte der Woche 1500 Euro inklusive Gebühren, erst am Freitag fielen die Preise auf knapp 1000 Euro. 905 Euro sind immer noch das 13-fache des Originalpreises, "aber ich konnte einfach nicht anders. Ich muss dabei sein. Wenn ich mir vorstelle, dass wir gewinnen und ich nicht im Stadion feiern kann – das geht nicht."

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Das Risiko, dass er aufgrund der Tatsache, dass die Tickets personalisiert sind und die Uefa zumindest stichprobenartige Kontrollen durchführen will, draußen bleiben muss, geht er wie viele andere Fans ohne über den offiziellen Weg gekaufte Tickets ein. Kurzentschlossene werden am Samstag zum Wembley-Stadion fahren und mit jenen Menschen verhandeln, die wie im Vorjahr beim Finale in München  Pappschilder mit der Aufschrift "Need tickets?" hochhalten. Damals erzielten die Schwarzmarkthändler vor dem Stadion unglaubliche Gewinne. In der hektischen Gemengelage eine Stunde vor dem Anpfiff wechselten Tickets für bis zu 2.500 Euro die Besitzer. Ähnliche Szenarien sind auch in Wembley zu erwarten.

Dickel dreht Videos

Bevor es so weit ist, jubeln vor dem Buckingham Palace zwei Dutzend BVB-Fans dem Dortmunder Stadionsprecher Norbert Dickel zu, der auf einem offenen, schwarz-gelb bemalten Doppeldeckerbus durch die Stadt kutschieren lässt und Videos dreht. "Fairytale" steht auf dem Bus geschrieben, das heißt Märchen. Und "Real Love", echte Liebe.

Am Flughafen London-City werden die Passagiere von jungen Frauen in Fußball-Kostümen empfangen. Eine Gruppe Bayern-Fans singt an den Taxiständen vor dem Terminal Anti-Dortmund-Lieder, sie wirken schon jetzt nicht mehr ganz nüchtern. Später am Nachmittag reckt ein Dortmund-Fan vor dem Hotel Ritz Carlton einen Champions-League-Siegerpokal aus Pappe in die Höhe und singt: "Europapokal, Europapokal, Europapokal."

Die Einheimischen schauen den Mann erst verwirrt an, dann realisieren sie: Nicht ManUnited, nicht Chelsea, nicht ManCity oder Arsenal, sondern die "Krauts" werden Samstagnacht zu Europas Fußball-Königen gekrönt. Ausgerechnet auf englischem Terrain.

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