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Es ist amtlich: Mario Götze wird (vorerst) nicht mehr für Borussia Dortmund auflaufen. In einem offenen Brief schildert ein BVB-Fan seine Emotionen rund um den FCB-Wechsel.

Von David Schäfer

Lieber Mario,

auch über einen Monat nach der Bekanntgabe Deines Wechsels zum FC Bayern sitzt der Stachel bei vielen Dortmundern noch tief. Als leidenschaftlicher BVB-Fan will ich das Ganze dennoch einmal aus einer etwas nüchterneren Perspektive betrachten.

Als Jan Aage Fjortoft am Abend des 22. April auf Twitter verkündete, die Bildzeitung würde um Mitternacht eine Transferbombe platzen lassen, beschlich mich bereits ein ungutes Gefühl, das ich mir selber kaum zu erklären vermochte. Wenige Minuten später dann der Schock: Mario Götze wechselt zum FC Bayern München. Nachdem ich einige Sekunden lang ungläubig auf meinen Monitor gestarrt hatte, erfasste mich eine große Leere. Natürlich war die Meldung zu diesem Zeitpunkt nur ein Gerücht, aber es war wohl allen klar, dass an dieser Geschichte etwas dran sein musste.

Am nächsten Morgen folgte dann die Bestätigung vom BVB. Zunächst war ich einfach nur enttäuscht. Dass „unser“ Mario sich für den nationalen Konkurrenten entschieden hat, schien mir unerklärlich. Spätestens seit Deinem Torjubel mit dem Dede-Trikot im ersten Meisterjahr glaubte ich fest daran, dass sich dieses Ausnahmetalent voll und ganz mit dem Ballspielverein identifiziert. Andererseits muss ich gestehen, dass ich, abgesehen vom Zeitpunkt des Wechsels, nicht wirklich überrascht war. Mir war eigentlich immer klar gewesen, dass Dir selber eine Weltkarriere vorschwebt, für die Du Dinge wie Loyalität und Vereinstreue auch mal hinten anstellen würdest. Ein Wechsel zum FC Bayern München erscheint zwar vielen Borussen wie ein Verrat, ist aber nüchtern betrachtet wohl nur die logische Konsequenz aus Deinem Ehrgeiz.

Ein Wechsel zum FC Bayern München erscheint zwar vielen Borussen wie ein Verrat, ist aber nüchtern betrachtet wohl nur die logische Konsequenz aus Deinem Ehrgeiz.

Die Münchener haben drei der letzten vier Champions-League-Finals erreicht und schicken sich an, auf Jahre hinaus die dominierende Mannschaft in Europa zu werden. Gepaart mit dem Reiz, den der Welttrainer Pep Guardiola ausübt, ist es nachvollziehbar, dass du Dich gegen einen späteren Wechsel ins Ausland und für den umstrittenen Schritt in den Süden der Republik entschieden hast. Ich bin mir sicher, dass auch die Verlockung von jährlich zwölf Millionen Euro im Jahr einen gewissen Eindruck bei Dir hinterlassen haben. Wenn man die Fakten genauer betrachtet, gibt es für die gebrochenen Herzen vieler Dortmunder Fans also gar keinen Grund, oder? Ganz so einfach ist es leider – oder glücklicherweise – dann doch nicht.

Der Fußball ist von so vielen Emotionen beherrscht wie kaum eine andere Sportart, und besonders die Menschen im Ruhrgebiet entwickeln ganz besondere Gefühle für ihre Fußballvereine, deren heftige Ausmaße mich schon das ein oder andere Mal erschreckt haben. Auch ich habe mich in der Vergangenheit der Illusion hingegeben, dass die Regeln des Fußballgeschäfts nicht in vollem Maße auf diese Dortmunder Mannschaft zutreffen. Man hatte immer das Gefühl, dass dort ein paar Freunde einen gemeinsamen Traum verfolgen und sich eher zweitrangig für Geld und Glamour interessieren. In diesem Zusammenhang mag man nun die Wechsel von Shinji Kagawa und Nuri Sahin anführen, doch der junge Japaner erfüllte sich mit dem Wechsel nach England einen Kindheitstraum und Nuri verließ den BVB in einer völlig anderen Situation.

Mats Hummels, der von der Nachricht deines Wechsels besonders geschockt schien, sagte in einem Interview wenige Tage nach der Bekanntgabe des Transfers etwas Bemerkenswertes. Auch für ihn sei Dein Wechsel eine andere Hausnummer als bei Shinji, weil du ein Eigengewächs des Klubs seist und er immer gedachte habe, dass vor allem die deutschen Spieler beim BVB das gemeinsame Ziel hätten, den Klub auf eine Stufe mit den besten der Welt zu befördern. Für ihn seien Titel und Trophäen nicht so wichtig, wie bei der Entstehung von etwas ganz Besonderem persönlich mitzuwirken. Zu einem „fertigen“ Klub wie dem FC Bayern zu wechseln, reize ihn daher nicht besonders. Dies scheint bei Dir nicht der Fall zu sein und das will ich Dir auch nicht zum Vorwurf machen, da jeder Mensch in dieser Hinsicht anders tickt. Dein Alter und vermutlich auch der Einfluss Deines Beraters und Deiner bayerischen Familie werden ihr Übriges getan haben.


Mats Hummels sagte, für ihn seien Titel und Trophäen nicht so wichtig, wie bei der Entstehung von etwas ganz Besonderem persönlich mitzuwirken. Zu einem „fertigen“ Klub wie dem FC Bayern zu wechseln, reize ihn daher nicht besonders.

Und doch kann ich mich dem Gefühl der Enttäuschung nicht ganz verschließen. Die letzten drei Saisons von Borussia Dortmund darf man getrost als märchenhaft bezeichnen. Durch den Wechsel eines langjährigen Dortmunders ausgerechnet zum FC Bayern bekommt diese Fassade nun Risse. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der ein oder andere BVB-Fan sich so gefühlt hat, als wäre er mit Gewalt aus einem schönen Traum gerissen worden. Was mich traurig stimmt, ist die Tatsache, dass Du diese große Enttäuschung der Fans billigend in Kauf genommen hast. Du wusstest, dass ein Wechsel ins Ausland einen anderen Effekt gehabt hätte. So hast Du Dir selber den gebührenden Abschied aus Dortmund verbaut. Am letzten Spieltag der Saison ist im Stadion nur Patrick Owomoyela offiziell verabschiedet worden, was angesichts der gegenwärtigen Gemütslage eine weise Entscheidung des Vereins war. Du hast Borussia Dortmund viel zu verdanken, gleichfalls verdankt der Verein Dir aber auch eine ganze Menge.

So bleibt mir nur, mich ganz herzlich bei Dir für drei grandiose Jahre zu bedanken. Es war eine wahre Freude, Dich im für mich schönsten Fußballstadion der Welt spielen zu sehen. Du warst eine der prägenden Figuren meines bisherigen Daseins als Fußball-Fan. Wenn Du nächste Saison in Dortmund mit dem Bayern-Trikot auflaufen wirst, wird sich das falsch anfühlen, und ich werde dir mit sehr viel Wehmut dabei zusehen, wie du weiterhin die Bundesliga verzauberst. Im Gegensatz zu vielen anderen Fans werde ich aber nicht in das gellende Pfeifkonzert einstimmen, das Dich vermutlich in Dortmund erwarten wird.


Enttäuschung | Viele BVB-Fans hat Götzes Entscheidung schwer getroffen

Ich weiß, dass Du für einen 20 Jahre jungen Menschen ohne viel Lebenserfahrung eine in gewisser Hinsicht nachvollziehbare Entscheidung getroffen hast. In diesem Sinne hatte ich eigentlich gehofft, dass Du rechtzeitig für das Champions-League-Finale in Wembley fit wirst, damit wir wenigstens noch einige wunderbare Momente hätten teilen können. Wer weiß, was ein Siegtor in diesem Finale so alles bewirkt hätte…

Dennoch würde der Champions-League-Sieg den Schmerz gewiss etwas lindern. Wie dem auch sei: Ich wünsche Dir jedenfalls, dass Du in München Dein Glück findest. Normalerweise verfolge ich die sportliche Entwicklung ehemaliger Borussen bei anderen Vereinen immer sehr intensiv und freue mich gelegentlich sogar, wenn sie gegen den BVB treffen. Das wird mir in Deinem Fall wohl etwas schwerer als gewöhnlich fallen.

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