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Seit 18 Monaten zurück in der brasilianischen Heimat, begeistert er noch immer mit seinem Zauberfußball. Bei Atletico Mineiro blüht "R10" nochmal auf und träumt von der WM 2014.

ANALYSE
Von Viktor Coco

Belo Horizonte
. Vor wenigen Tagen im Achtelfinal-Rückspiel der Copa Libertadores zeigte Ronaldinho einmal mehr seine einzigartige Technik. Beim 4:1-Sieg hatte er bereits einen Freistoß an die Latte gesetzt und den vierten Treffer für sein Team Atletico Mineiro mit einem "No Look"-Pass vorbereitet.

Die Kür lieferte er in der Schlussminute des Spiels: Nach einem doppelten Übersteiger passt er zuerst seitlich mit der Ferse, um kurz darauf seinen Gegenspieler mit einem für ihn so typischen "Kaugummi"-Trick an der Außenlinie stehen zu lassen. Die Fans sind bereits aus dem Häuschen, aber Ronaldinho spielt kurz darauf einen Tunnel, stürmt antrittsschnell wie eh und je von der linken Seite in den Strafraum, tippt einem weiteren Gegner den Ball durch die Beine und schlenzt die Kugel ins lange Eck – vorbei am Tor.

2011 die Rückkehr nach Brasilien

Auch mit 33 Jahren hat Ronaldo de Assis Moreira nichts von seiner Spielfreude eingebüßt. Jetzt ist die Freude wieder da, könnte man sagen, denn zum Ende seiner Zeit in Europa sah dies anders aus. Nach der Zeit bei Paris Saint-Germain und dem FC Barcelona war Ronaldinho 2009/10 beim AC Mailand noch der beste Vorlagengeber der italienischen Serie A. Aber bereits in der Folgesaison fand er sich, verteufelt als übergewichtiger Partylöwe, häufig auf der Ersatzbank wieder. Die WM 2010 hatte er bereits verpasst und nachdem der damals neue Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft Mano Menezes angekündigt hatte, bei der Nominierung für die Heim-Weltmeisterschaft 2014 vermehrt auf Spieler der brasilianischen Liga setzen zu wollen, entwickelte sich bei "Dinho" der Wunsch, in die Heimat zurückzukehren.

Als erstes stand Gremio aus Porto Alegre bei Milan auf der Matte. Sein Ex-Verein aus seiner Geburtsstadt im Süden von Brasilien. Die Bewohner dort nennt man "Gaúchos", woher auch Ronaldinhos ewiger Spitzname rührt. Bei Gremio träumte man seit seinem Abschied 2001 gen Paris von einer Rückkehr. Die Verhandlungen liefen positiv, es wurde bereits eine Empfangsfeier mit zigtausenden Fans geplant. Nur steht seit jeher an Ronaldinhos Seite sein Bruder Assis, der sich als gewiefter Geschäftsmann um das –finanzielle- Wohl des Superstars sorgt.


Der Wechsel zu Flamengo – eine Enttäuschung für seinen Heimatverein Gremio

Assis hatte zusätzlich mit Flamengo aus Rio de Janeiro verhandelt, der Verein mit den meisten Fans in Brasilien. Schließlich wurde der Rückkehrer 1500 Kilometer weiter im Norden an der Copacabana gefeiert - und nicht in seiner Heimatstadt.

Ronaldinho spielte 2011 bei Flamengo durchaus guten Fußball, fehlte kaum verletzungsbedingt und wurde fast nie ausgewechselt. In der brasilianischen Meisterschaft traf er in 31 Spielen 14 mal und gab zudem sieben Torvorlagen. Als Glanzstück seiner Zeit bei "Fla" bleibt sicherlich das legendäre 5:4 gegen Neymars FC Santos in Erinnerung, als "R10" nach 0:3-Rückstand drei Treffer selbst erzielte, einen weiteren vorbereitete und so der brasilianischen Öffentlichkeit im direkten Duell bewies, wer der größte Techniker des Landes war.

Bruder Assis lies Trikots aus dem Fanshop mitnehmen

Aber im Mai 2011 stieg Bruder Assis auf die Barrikaden. Da man seinem Bruder Gehaltszahlungen in Millionenhöhe schuldete, spazierte der Geschäftsmann in den offiziellen Fanshop von Flamengo und ließ über 25 Trikots mitnehmen. "Der Verein bezahlt meinen Bruder nicht, also zahle ich auch nicht", motzte Assis die verdutzten Verkäufer an. Das Vertrauensverhältnis war zerstört und zum Monatsende stieg Ronaldinho aus dem hochdotierten aber komplizierten Vertrag aus, in dessen Finanzierung auch die zwielichtige Vermarktungs- und Spielvermittlungsfirma Traffic involviert war.

Ronaldinho Gaucho war wieder auf dem Markt. Zu Gremio konnte er nun aber nicht mehr wechseln. Bei dem Auswärtsspiel mit Flamengo in Porto Alegre hatte er einen Spießroutenlauf erlebt. "Söldner" war noch das freundlichste, womit ihn die enttäuschten "Gremista" beschimpft hatten.

Innerhalb von vier Tagen stand dann überraschend Atletico Mineiro aus Belo Horizonte als neuer Arbeitgeber von Ronaldinho fest. Es sah alles danach aus, als sollte der Weltfußballer des Jahres 2004 und 2005 dort den gemütlichen Herbst seiner Karriere erleben. Aber nach knapp einem Jahr bei Atletico lässt sich sagen: Es ist ein zweiter Frühling.


Alte Weggefährten aus Barca-Tagen

Ronaldinho glänzt in Südamerikas Königsklasse

In seiner ersten Saison erreichte die Mannschaft die brasilianische Vizemeisterschaft, nachdem der Heimatverein von Dortmunds Legende Leonardo Dede im Vorjahr noch fast abgestiegen war. Und auch die erste Sommerpause und den Karneval überstand Ronaldinho scheinbar topfit. In der seit Februar laufenden Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions League, trumpfte der Zehner mit dem markanten Lächeln bisher stark auf. Er stand bisher in allen acht Spielen über 90 Minuten auf dem Feld und ist mit vier Toren und fünf Vorlagen der Topscorer des Wettbewerbs. Nachdem man im Achtelfinale wie zuvor erwähnt eindrucksvoll den nationalen Konkurrenten FC Sao Paulo an die Wand gespielt hatte, erwartet das Team um den von Dortmund umworbenen Bernard und die beiden Stürmer Jo und Diego Tardelli nun im Viertelfinale eine machbare Aufgabe gegen den mexikanischen Meister Tijuana.

Und am kommenden Sonntag könnte Ronaldinho mit seinem Team bereits den ersten Titel der Saison feiern. Im Finalrückspiel um die heißumkämpfte Regionalmeisterschaft des Bundesstaates Minas Gerais trifft das Team auf den großen Lokalrivalen Cruzeiro. Das Hinspiel hatte man 3:0 für sich entschieden und die Lokalpresse umjubelte Ronaldinho als den "Dirigenten des großen Orchesters".

Nicht für den Konföderationscup nominiert – aber die Fans wollen ihn in der "Selecao"

Und die Nationalmannschaft? Für viele Beobachter überraschend, hatte ihn der neue Coach Felipe Scolari nicht für den Konföderationscup im Juni nominiert. Felipao und Ronaldinho sagt man eigentlich eine gute Beziehung zu, denn man kennt sich aus gemeinsamen Zeiten bei Gremio und gewann zusammen die Weltmeisterschaft 2002. Aber "Dinho" entäutschte zuletzt im Testspiel gegen England und vergab zudem einen Elfmeter. Dennoch gaben vor kurzem 88 Prozent brasilianischer Fußballfans bei einer Umfrage an, dass Ronaldinho unbedingt in die Selecao gehöre. Und was sagt der derzeitige Superstar selbst? "Natürlich ist nicht mehr viel Zeit bis zur WM", wurde er zuletzt in der brasilianischen Sportzeitung Lance zitiert. "Aber es ist immer noch mein Ziel bei dem Turnier dabei zu sein. Ich bin so motiviert wie noch nie", sagte er. Man merkt es ihm an. Ronaldinhos Geschichte ist noch längst nicht zu Ende geschrieben.

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