thumbnail Hallo,

Ein Gericht in Madrid will Beweise zerstören lassen, die Spieler eindeutig mit Dopingmitteln in Verbindung gebracht hätten. Ein herber Schlag ins Gesicht des Anti-Doping-Kampfes.

ANALYSE
Von Peter Staunton

Wenn einer der notorischsten Dopingärzte schechthin angibt, er habe auch mit Fußballern gearbeitet und das nicht ausreicht, die Dopingbehörde in Alarmbereitschaft zu versetzen und Maßnahmen zu veranlassen, was dann?

Eufemiano Fuentes, der Arzt, der gerade für "Gefährdung der öffentlichen Gesundheit" von einem spanischen Gericht verurteilt wurde, hat seine Glaubwürdigkeit als Mediziner wieder und wieder durch Verstrickungen in die schmutzige Welt des Dopings ad absurdum geführt.

Ein Jahr Bewährung und ein vierjähriges Berufsverbot, so lautete das Urteil am Dienstag. Fuentes wurde wegen der Bereitstellung von Blutkonserven an Radfahrer verurteilt. Er war verstrickt in die Operationen Puerto und Galgo und wurde nun wegen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit verurteilt, da Doping zum Tatzeitpunkt in Spanien noch nicht illegal war.

Der Prozess ist nun offiziell beendet und Richterin Julia Patricia Santamaria will alle Beweise zerstören lassen. Die Spanische Anti-Doping-Agentur (AEA) und die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) können somit die 211 eingefrorenen Blutproben nicht nutzen, um diese eindeutig Sportlern zuzuordnen. Die AEA hat noch zehn Tage Zeit, Einspruch gegen diesen Beschluss einzulegen, was sie auch tun werden. "Wir sehen den Prozess noch lange nicht am Ende. Wir werden alle Quellen, die wir nutzen können auch nutzen, um alle Hintergründe zu erforschen", sagte AEA-Chefin Ana Munoz der britischen BBC.

Werden die Blutproben zerstört, ist eine große Möglichkeit vertan, den Dopingskandal bis zu den Wurzeln aufzuklären. Doch bereits zu Beginn des Gerichtsprozesses machte Richterin Santamaria klar, keine weiteren bisher unbekannte Namen von Dopingsünder öffentlich zu machen.

Spanien ist nicht gerade als knallhart im Umgang mit Doping bekannt. Das Urteil in diesem Verfahren ist ein Desaster, gerade wenn man in Richtung 2020 schaut - dann sollen in Madrid die Olympischen Spiele stattfinden. Auch der Präsident des Nationalen Olympischen Kommitee, Alejandro Blanco, zeigte sich in der Vergangenheit kritisch gegenüber der Aufarbeitung des Skandals.
DIE OPERATION PUERTO
Die Operation Puerto war eine polizeiliche Ermittlung im Zusammenhang mit den Dopingpraktiken von Fuentes. Sie begann 2006 nach Bekanntwerden des Blutdopings von Jesus Manzano. Sie führte im Radsport zu Entlassungen und Supendierungen unter anderem von Ivan Basso und Jan Ullrich. Die Operation Galgo hingegen rückt den Fokus auf das Doping in der Leichtathletik.

Die Rechnung ist sehr einfach. Schafft es die spanische Justiz nicht, die Kontrolle zu behalten, könnten alle bisherigen Errungenschaften im Kampf gegen Doping, sei es im Tennis, Fußball oder Basketball, zerstört werden.

Fuentes hat schon im Prozess gesagt, er habe beste Kontakte in alle Bereiche des Sports. "Es waren Sportler aus allen Bereichen. Es könnte ein Radfahrer sein, ein Fußballer, ein Tennisspieler oder ein Boxer. Sie sind alle Athleten", sagte er im Februar.

Wie tief geht der Skandal in den Fußball?

Fuentes hat gute Beziehungen in den Fußball, das ist nichts Neues, doch solange ein Mantel des Schweigens über die Vorgänge gehüllt wird, bleibt vieles unentdeckt. Fuentes selbst hatte unmissverständlich seine guten Beziehungen in den spanischen Fußball zugegeben: "Wenn ich reden würde, dann würde Spaniens WM-Titel 2010 aberkannt werden."

Angel Maria Villar, Präsident des spanischen Fußballverbandes und Nationaltrainer Vicente del Bosque sind nur zwei von vielen spanischen Sportpersönlichkeiten, die bestreiten, dass Spanien ein Dopingproblem habe.

Ihnen entgegen tritt unter anderem der ehemalige Präsident von Real Sociedad, Inaki Badiola, im Amt von 2008 bis 2009. Er sagte in einem Interview mit der AS, dass der Verein in den Jahren 2001 bis 2008 leistungssteigernde Mittel bekommen habe. Und es sei Fuentes selbst gewesen, der die Medikamente geliefert und dafür auch Geld bekommen habe.

Unter anderem war Jose Luiz Astiazaran in der angegebenen Zeit Präsident des Vereins, nun ist er verantwortlich für den Ligaverband. Er bestreitet jede Verstrickung in Doping: "Zu meiner Zeit als Präsident von Real Sociedad (2001-2005) hatte ich nie Kenntnisse von illegalen Praktiken in der medizinischen Abteilung. Sie haben immer ethisch einwandfrei und hoch professionell gearbeitet. Hätte ich irgendetwas erfahren, hätte ich sofort reagiert und die nötigen Schritte eingeleitet."

Während des Fuentes-Prozesses geriet Real Madrid in den Mittelpunkt des Dopings. Der Verein ging unter anderem gerichtlich gegen die französische Zeitung Le Monde vor, die in einem Artikel von Verstrickungen des Vereins in den Fuentes-Skandal berichtete. Die Zeitung habe Unterlagen aus Fuentes' Privathaus auf Gran Canaria erhalten, die durch die Razzien in Madrid nicht erfasst worden waren. Aus diesen Papieren gehen die Trainingspläne von Real Madrid und dem FC Barcelona hervor. Sie seien mit Dopingcodes versehen. Auch Valencia und Betis Sevilla wurden von dem Blatt in Verbindung mit Fuentes gebracht.

Der Arzt selbst gab an, auch für einige Fußballklubs tätig gewesen zu sein, sagte aber nichts Konkretes. Real Madrid brachte ihn damals als Kronzeugen vor. Fuentes sagte: "Ich bin nicht und war nie ein Arzt bei Real Madrid, weder direkt noch indirekt. Ich habe einem Madrid-Spieler nie mehr als eine Aspirin gegeben."

Ist Fußball der neue Radsport?

Jörg Jaksche, ein ehemalige Radprofi, beendete seine Karriere, nachdem bekannt wurde, dass er in den Doping-Skandal verwickelt war. Der Deutsche ist der Überzeugung, dass Fuentes während der Weltmeisterschaft 2006 Spieler mit Mittelchen versorgt habe. Jaksche kooperierte mit den Behörden und wurde befragt, ob Fuentes ihn im Jahr 2006 in Frankfurt kontaktiert habe.

"Normalerweise würde er doch nur nach Deutschland fahren, wenn es dort eine Etappe der Tour de France gebe, doch die Wahrheit ist, dass im Jahr 2006 die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland stattfand. Die deutsche Polizei hatte einen Verdacht, aber nicht alle Informationen", so Jaksche. So habe Fuentes nach Bekanntwerden des Skandals seine Arbeit nach Deutschland verlegt. Im Juni 2006 soll er laut ARD in einem Hamburger Hotel Blut bei Radsportlern entnommen haben. Zudem soll Fuentes damals ein nahezu perfektes, weil kaum nachweisbares EPO aus der Bundesrepublik erhalten haben. Lieferant damals war Dr. Markus Choina aus Bad Sachsa.

Er lieferte Dopingmittel, die in Spanien teilweise nicht zugelassen waren und daher aus dem Ausland importiert werden mussten.

Jesus Manzano hat auch Fußballer in der Fuentes-Klinik ein- und ausgehen sehen. Pikanterweise war diese Klinik in Madrid und angeblich leicht zugänglich für Kicker.

Jesus Manzano brachte den Skandal ins Rollen und gab auch an, Fußballer in der Madrider Klinik von Fuentes gesehen zu haben. Sie sollen dort ein- und ausgegangen sein. Die AEA hat nun den Polizisten Enrique Gomez als Sonderermittler beauftragt. Er hat zuvor für die Guardia Civil als Ermittler an der Operation Puerto mitgearbeitet. Manzano habe schon mehrmals mit ihm gesprochen und ihm Namen genannt.

Der Doktor selbst gab bereits an, mit den Ermittlern zusammenarbeiten zu wollen. "Wenn mich die Behörden als hilfreich ansehen, dann würde ich ihnen auch helfen. Ich weiß aber nicht, ob sie die Informationen gebrauchen könnten", sagte Fuentes während der Verhandlungen.

War es nur ein letzter, verzweifelter Versuch sich in ein besseres Licht zu rücken? Die Karriere des Arztes ist zerstört und er muss wohl versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Auch auf den Fußball könnte bald ein ähnliches Problem wie auf den Radsport zukommen.

EURE MEINUNG: Droht dem Fußball auch ein Dopingskandal?

Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal.com auf
oder werde Fan von Goal.com auf !

Dazugehörig