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Die Demütigung gegen die Bayern zeigt: Barcelona ist nicht die größte Mannschaft aller Zeiten

In den letzten Jahren gab es diesen wachsenden Konsens: Barca ist die beste Mannschaft aller Zeiten! Unser Autor Carlo Garganese ist spätestens nach Mittwoch anderer Meinung.

KOMMENTAR
Von Carlo Garganese

"Barcelona ist die größte Mannschaft aller Zeiten."

Marcello Lippi, Sir Alex Ferguson, Zlatan Ibrahimovic und Ronald Koeman sind nur eine handvoll bekannter Namen, die das gegenwärtige Barca als das beste Team aller Zeiten sahen.

Viele der Superlative, die dem fünfmaligen Champions League-Sieger in den letzten Jahren angehängt wurden, sind hoch verdient. Kein Zweifel daran, dass die Blaugrana zu den besten in der Geschichte des Ballsports zählen - angetrieben von einem unvergleichlichen Lionel Messi und den zwei ikonischen Mittelfeldspielern Xavi und Andres Iniesta. Aber viele der Lobeshymnen sind kurzsichtig und blenden Teile der Vergangenheit aus. Gerade deswegen lohnt es sich, einen Blick auf Barcelonas zweites CL-Aus im Halbfinale nacheinander zu werfen: Gegen Bayern München gab es insgesamt eine krachende 0:7-Niederlage, die vermutlich das Ende der katalanischen Dominanz in sich trägt. 

Mannschaften aus verschiedenen Epochen zu vergleichen, ist stets eine undankbare Aufgabe. In den letzten Dekaden hat sich der Fussball mit einer rasenden und kaum zu messenden Geschwindigkeit weiterentwickelt. Modifikationen wie der abgeschaffte Rückpass oder das Abseits haben ansehlichen Angriffsfussball hervorgebracht, wohingegen synthetische Bälle oder strengere Regelauslegung einen ganz anderen Einfluss hatten.

Verbesserungen in Technologie, Training und Medizin bedeuten, dass Fussballer auch weiterhin schneller, fitter und stärker werden - was aber nicht heißen soll, dass heutige Spieler alleine deswegen besser sind. Sie passen nur viel besser in das neue Umfeld des Sports.

THE GREATEST EVER
Gewonnene Europapokale goldener Generationen
R.Madrid '56-60
Ajax '71-73
Bayern '74-76
Liverpool '77-81
Milan '89-94
Benfica '61-68
Inter '64-65
Milan '03-07
Barca '08-13
Die Definition von Größe ist eine offene Debatte. Aber hängt sie nur von Erfolgen ab? Argentiniens Weltmeistertrainer von 1986, Carlos Bilardo, war ein notorischer Vertreter einer Um-jeden-Preis-gewinnen-Philosophie: "Fussball wird gespielt, um zu gewinnen. Du musst Erster sein. Zweiter ist schlecht, Zweiter ist ein Misserfolg."

Wenn das stimmt, kann das aktuelle Barcelona nicht als das größte Team aller Zeiten gesehen werden. Nimmt man Pep Guardiolas Verpflichtung 2008 als Startpunkt dieser Barca-Phase, dann haben die Blaugrana seitdem zwei Champions League-Titel in fünf Spielzeiten gewonnen und standen bei den drei weiteren Malen im Halbfinale.

Barcelona hat es nicht geschafft, die europäische Krone zu verteidigen wie es einst Milan 1990 als letztes Team geschafft hat, unter Arrigo Sacchi. Sieht man in jener Rossoneri-Generation schon den Ursprung dessen, was sein Nachfolger Fabio Capello erreichen sollte, dann hat sich Milan in fünf Jahren dreimal die Krone aufgesetzt und das Finale zwischen 1989 und 1995 fünf mal erreicht. Zahlen, die noch mehr beeindrucken als Barcas heutige Statistik.

Alfredo Di Stefanos Real Madrid stemmte damals den ersten Europapokal in die Höhe, Johan Cruyff inspirierte Ajax zu drei Titeln in Folge bevor in den 1970ern dann Franz Beckenbauer dasselbe mit den Bayern wiederholte. In den 1960 spielte sich Eusebios Benfica zu fünf Endspielen in acht Jahren und gewann zwei davon), während das Liverpool von Bob Paisley zwischen 1977 und 1981 bei drei Gelegenheiten gewann. All diese Mannschaften haben an der Spitze Europas mehr erreicht, als das Barcelona von heute. Übrigens auch das AC Milan con Carlo Ancelotti - drei Finals in fünf Jahren, davon zwei gewonnen. Würde diese Diskussion auf dem südamerikanischen Kontinent fortgeführt, könnte man die Helden der Copa Libertadores und des Intercontinental Cup heranziehen - wie das Santos von Pele oder Penarol mit Alberto Spencer.

Natürlich: Auch Erfolg in der heimischen Liga ist wichtig. Aber mit Ausnahme von Milan unter Sacchi und Ancelotti haben alle Mannschaften ihre Ligen dominiert - genau wie Barcelona, das sich mit einer Ausnahme jeden Titel in La Liga seit 2008/09 geschnappt hat.

Arsene Wenger würde argumentieren, dass Größe auch an der Ästhetik gemessen werden soll. "Die Mannschaften, die Geschichte schreiben, sind die, welche ihren Stil hatten, und nicht nur die, welche Titel gewonnen haben", sagte der Arsenal-Coach 2003. Manche der besten Mannschaften sind in Schönheit gestorben: Ungarn 1954, Niederlande 1974 und Brasilen 1982 sind nur drei internationale Beispiele - doch ihr Erbe ist tatsächlich legendär.

Darüber, wie unterhaltsam Barca war, gibt es geteilte Meinungen. Böse Zungen betrachten die Blaugrana als unvollendet und gelegentlich auch steril. Was nicht in Frage steht, ist dass es nie ein Team gab, welches Ballbesitz derartig monopolisiert hat wie Xavi, Messi und Co. Die Marke des Tiki-Taka-Passes ist absolut einzigartig und das hohe Pressing in des Gegners Hälfte fast ähnlich revolutionär. Arrigo Sacchi gestand ein, dass Guardiolas Barca die erste taktische Weiterentwicklung darstellt, seit Milan 1990 den Europapokal gewann.

"Fussball wird gespielt, um zu gewinnen. Du musst Erster sein. Zweiter ist schlecht, Zweiter ist ein Misserfolg."

- Carlos Bilardo

Aber macht dieser Fortschritt Barcelona gleich zum größten Team aller Zeiten? Nicht unbedingt. Taktische Innovation sind in der Geschichte nichts neues - vom W und M-Formationen bs zum 4-2-4 und dem 3-5-2. Erst letzte Woche bemerkte der frühere Italien-Star Gianluca Vialli, dass die CL-Finalisten bayern München und Borussia Dortmund den Fussball in eine neue Ära führen, wo Fitness und Pressing Ballbesitz und Passspiel ablösen. Wurde das Gegenmittel zu Barcas jahrelangem Geheimrezept gefunden?

Was sicher zu beachten ist, ist die Wettbewerbsstärke in einer jeweiligen Dominanz-Phase einer Mannschaft. Real Madrids fünf in Serie gewonnene Titel wurden geholt, als der Europa Cup gerade aus der Taufe gehoben wurde und so manche Liga in Europa noch semi-professionel war, auch in Deutschland. Aber die Epochen von Benfica, Inter, Ajay, Bayern Liverpool oder Milan waren alle weitestgehend vergleichbar mit heutigen Zeiten.


Dominanz | Barca konnte nie Champions League verteidigen wie Sacchis Milan

Barcelonas Epoche zeichnete sich dadurch aus, dass der europäische Fußball von einigen wenigen reichen und elitären Klubs monopolisiert wurde. Im In- und Ausland gab es nur wenige Konkurrenten für Barca und aktuell befinden wir uns in einer Phase, wo die Verteidigungslinien und die Verteidiger selbst auf dem schwächsten Stand seit rund einem halben Jahrhundert stehen. Würde Messi in den Jahren 1989 oder 1990 73 Tore in einer Saison erzielt haben? Ganz sicher nicht.

Mit Ausnahme von Benfica, Ancelottis Milan und vielleicht Madrid, dominierten alle anderen Protagonisten ihre Ligen, welche nicht nur die besten Ligen in Europa waren, sondern auch die in der Regel am härtesten umkämpften. Schon wenn man sich als Klub für die europäischen Cup-Wettbewerbe qualifiziert hatte, galt das als großer Erfolg, denn nur dem Meister war es vergönnt, am Turnier teilzunehmen – auch wenn man den Gesamtwettbewerb entspannter als heute angehen konnte.

Letztlich hat Barcelona nicht genug dafür getan, um über Teams wie Sacchis Mailand und Cruyffs Ajax zu stehen. Bis zu zehn Mannschaften waren auf dem höchsten Niveau der Vereinswettbewerbe noch erfolgreicher und das trotz der Tatsache, dass in der heutigen Zeit es die wirklich hart umkämpften Wettbewerbe so nicht mehr gibt. Barcelonas Glanz und Vermächtnis ist so nicht ausreichend. Die Spanier hätten, um den Level mit den genannten Klubs zu halten, zumindest drei oder vier Finals gewinnen müssen.

Dass dies in der Zukunft geschehen wird, ist mehr als unwahrscheinlich – gerade auch jetzt nach den demütigen Niederlagen gegen die Bayern. Carles Puyol und Xavi sind Mitte Dreißig, Victor Valdes wird den Klub verlassen und Dani Alves Stars wie auch David Villa haben ihren Zenit bereits überschritten. Das Beste und den Höhepunkt der goldenen Generation von Barcelona haben wir in der Vergangenheit sicherlich schon gesehen. So schnell ist eine Steigerung nicht mehr zu erwarten.

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