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Nach dem Abgang von Sportdirektor Schmadtke stellt sich in Hannover die Frage nach einem passenden Nachfolger. Dieser ist nicht einfach zu finden, denn die Fußstapfen sind groß.

Hannover. Am Mittwoch war es soweit: Die Gräben waren so tief und weit, dass keine Brücke mehr geschlagen werden konnte. Ein letzter Versuch zur Kompromissfindung scheiterte, dann stand fest, dass Jörg Schmadtke als Sportdirektor und Geschäftsführer Sport den Verein Hannover 96 verlassen wird. Damit endet eine kurze, aber sehr bedeutsame Ära in der Geschichte des Klubs. Dessen Präsident Martin Kind muss sich jetzt fragen, wie es weitergeht. Und vor allem mit wem, denn erneut steht der Klub vor wichtigen Entscheidungen.

Die Ära Schmadtke

Im Juli 2009 war der gebürtige Düsseldorfer in die niedersächsische Landeshauptstadt gekommen. Bereits im August musste Trainer Dieter Hecking gehen und es übernahm der U23-Trainer Andreas Bergmann. Im November erschütterte der Suizid von Robert Enke die gesamte Liga und stürzte die Mannschaft in den Abstiegskampf. Mit Mirko Slomka wurde ein neuer Trainer verpflichtet und Schmadtke sorgte mit einigen Leihgeschäften in der Winterpause dafür, dass der Kader erstligafähig blieb.

Zur kommenden Saison brachte Schmadtke Moa Abdellaoue, Lars Stindl, Emanuel Pogatetz und Ron-Robert Zieler in die Mannschaft, die sich schnell als Leistungsträger herauskristallisierten und zur besten Bundesliga-Saison der Geschichte Hannovers beitrugen, die man auf dem vierten Platz beendete. Für die Europa-Pokal-Saison wurde mit jungen Spielern nachgelegt, der wichtigste Wechsel fand aber im Januar 2012 statt, als Schmadtke es schaffte, Mame Diouf für unter zwei Millionen Euro von Manchester United an die Leine zu locken.

Zur laufenden Saison 2012/13 gab es außer dem Rückkehrer Szabolcs Huszti nur wenige Wechsel, die sich als stark entpuppten. Felipe erwies sich nicht als sichere Vertretung für den abgewanderten Pogatetz, dazu sorgte im Winter die Posse um den Brasilianer Franca – Stichwort acht Zentimeter – für Spott und Häme aus dem Rest der Republik.

Was nun?

Unbestritten ist, dass der Verein durch Jörg Schmadtke einen enormen Sprung nach vorne gemacht hat. Seine kauzige Art kam nicht bei jedem Zeitgenossen gut an, wurde aber im Erfolgsfall nie wirklich hinterfragt, eine echte Causa wurde sie nur, als die Ergebnisse ausblieben. Immer und immer wieder wurde das Verhältnis zwischen Trainer und Sportdirektor aus allen Winkeln beleuchtet. Neue Informationen sickerten an die lokale und regionale Presse, Gerüchte wurden befeuert und verbreitet. Der Rest ist bekannt.



Jetzt braucht es einen neuen Mann. Beinahe unglaublich klingt es, dass Präsident Kind sich bei den Eigenschaften des neuen Manns an dem Vorgänger orientieren will, den scheidenden Schmadtke sogar als Berater dabei haben will, wenn es an die Auswahl geht. Waren denn nicht genau seine Attribute und sein Verhältnis zu Slomka als Gründe für das Ende kolportiert worden? Sind ähnliche Charaktereigenschaften bei einer anderen Person dann nicht als Problem anzusehen? „Wir orientieren uns an der Qualitätsstruktur von Jörg Schmadtke. Die gleiche Persönlichkeit wird es nicht geben, aber vielleicht kann man eine ähnlich mit den entsprechenden Qualitäten verpflichten“, sagte Martin Kind nach dem Spiel gegen Bayern München, welches die Mannschaft klar und hochverdient mit 1:6 verloren hatte.

Kind weiter: „Es soll ein Mann mit Qualität und einer starken Führungspersönlichkeit werden. Mit Entscheidungsstärke, Konfliktbereitschaft und Durchsetzungsstärke - und mit einem eigenständigen Profil.“ Es klingt fast so, als wünsche er sich einen Schmadtke 2.0 ins Amt. Was sagt das aber dann über Slomka? Hat der nicht gerade gegen Schmadtke einen Machtkampf gewonnen, wenn man den Medien glauben darf? Wenn er vom Präsidenten den gleichen Typ Sportdirektor wieder an die Seite gestellt bekommt, kann er dann besser mit ihm umgehen, als eine Art zweite Chance? Oder kann man das Ausscheiden Schmadtkes sowohl als Opfer sehen, als auch als einen Warnschuss für den Trainer? Nach dem Motto: „Ich bin nicht zimperlich, wenn es das nächste Mal nicht passt, bist du es, der gehen muss.“

Spekulationen über Spekulationen

Das sind natürlich nur Gedankenspiele, die aber in vielen 96-Fans vor sich gehen. Viele haben zudem ihre ganz eigene Meinung zum Präsidenten, dies ist aber noch ein ganz anderes, noch komplexeres Thema. Die Frage bleibt, wer kommt zur neuen Saison als Sportdirektor zum Niedersachsenstadion, welches dann hochoffiziell „HDI-Arena“ heißen wird?

Laut Präsident Kind hat man nicht nur rund 60 Bewerbungen auf dem Tisch, es gibt auch bereits eine Annäherung zu einer konkreten Person, die man kenne, wenn man sich mit Fußball beschäftige. Einen Favoriten gebe es aber noch nicht. Wichtig sei für ihn, dass man „niemanden aus einem Vertrag herauslösen will“.

Ein wichtiger Sommer

Fakt ist, der Standort Hannover ist bei Managern und Sportdirektoren durchaus begehrt. Über die letzten Jahre hat sich der Verein ein gewisses Standing erarbeitet und hat Entwicklungspotential. Die richtige Person jetzt ist immens, denn im Sommer kann sich entscheiden, wohin die Reise mittelfristig geht.

Die Kaderplanung steht an: Bei mehreren Spielern, die Stammspieler waren oder sind, läuft der Vertrag im Sommer aus und wird in einigen Fällen auch nicht verlängert. Als Beispiele seien Konstantin Rausch, Sergio da Silva Pinto oder Mario Eggimann genannt. Dazu kommen Spieler, die ohne den Reiz der Europa League und das Vertragsende im Sommer 2014 im Fokus anderer Vereine stehen: Die Stürmer Mame Diouf, Didier Ya Konan und Moa Abdellaoue könnten alle transferiert werden.

Für einige bis alle dieser Spieler muss voraussichtlich Ersatz besorgt werden, der das Spielsystem Slomkas unterstützt bis verstärkt. Dazu ist eine gute und ehrliche Kommunikation zwischen beiden Verantwortlichen notwendig, die auch kontrovers sein darf, dabei aber immer professionell und sachlich bleiben muss.



Schindelmeiser, Dufner, Müller, Nerlinger?

Die Liste der Namen ist, wie oben erwähnt, lang. Der ehemalige TSG-Hoffenheim-Manager Jan Schindelmeiser wurde ebenso schnell ins Spiel gebracht wie Andreas Müller, der ebenfalls zuletzt bei den Sinsheimern unter Vertrag stand. Schindelmeiser zieht es wohl nicht so schnell wieder zurück in einen Verein, seitdem er als Spielerberater tätig ist, Müller und Slomka kennen sich noch aus Schalker Zeiten. Geht es um Manager ohne momentanen Verein, ist auch Ex-Bayern-Manager Christian Nerlinger in der Gerüchteküche mit dabei.

Laut Martin Kind soll eine Entscheidung in einer bis vier Wochen verkündet werden. Bis dahin könnte sich auch Dirk Dufner dazugesellen. Der steht zwar momentan noch beim SC Freiburg als Manager unter Vertrag, wenn es nach der Bild-Zeitung geht, könnte sich das aber in den nächsten Tagen bis Wochen ändern, denn auch im Breisgau rumort es.

Wen wollen die Fans?

Hört man sich unter den Fans um, wird vor allem schnell klar, wen sie nicht wollen. Und das sind viele. Von den Sportdirektoren, die verfügbar sind, kristallisiert sich eigentlich keiner als Wunschlösung heraus, man war mit Schmadtke hochzufrieden und ist sich der klaffenden Lücke bewusst, die er hinterlässt. Am ehesten scheint man sich mit Dufner aus Freiburg anfreunden zu können, da man sieht, was dort in den vergangenen Spielzeiten erarbeitet wurde. Ob sich dieses Konzept auch in Hannover durchsetzen lässt, bleibt die Frage. Zumindest hoffen die 96-Anhänger, dass ein Nachfolger aufgrund eines passenden Konzepts und nicht aufgrund des Namens ausgewählt wird.

EURE MEINUNG: Welcher Sportdirektor passt zu Hannover 96?

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