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Barcelona, Bayern, Juventus, Manchester United - warum die alten Mächte Europa beherrschen

Die Ligen des Kontinents werden 2012/13 wohl von den üblichen Verdächtigen gewonnen - auch weil der Abgrund zwischen den etablierten Eliten und den Herausforderern wächst.

ANALYSE
Von Ben Hayward

Die alten Mächte regieren wieder unangefochten. Sollte sich nichts Unvorhergehenes von dramatischen Ausmaßen mehr ereignen, werden sich Barcelona, Bayern, Juventus und Manchester United in ihren heimischen Ligen die Krone aufsetzen. Die Tage der Überraschungsmeister, welche die etablierten Eliten durchbrechen und ihnen Titel streitig machen, scheinen erstmal weit in der Vergangenheit zu liegen. Und vielleicht kehren sie auch nicht mehr so schnell wieder.

Barca führt La Liga mit 13 Punkten Vorsprung auf den Erzrivalen Real Madrid an: Der Erste und der Dritte im Ranking um den Uefa-Koeffizienten und zwei der reichsten Teams in Europa. In der jüngsten Deloitte Rich List, die im Januar veröffentlicht wurde, war Madrid Spitze, mit über 500 Millionen eingenommenen Euro in der Saison 2011/12. Barcelona landete nur knapp dahinter, mit etwas weniger als einer halben Milliarde im selben Zeitraum. Unter den Top 20 fand sich allerdings keine weitere spanische Mannschaft mehr. Die beiden größten Konkurrenten in der Heimat, Atletico und Valencia, kamen auf über 100 Millionen, während Malaga - ein Team, das die großen Zwei einst mit einem ambitionierten Plan ärgern wollte - inzwischen aus dem europäischen Wettbewerb verbannt wurde. Damit ist dieser Plan erstmal zunichte.

In Deutschland können die Bayern mit einem Sieg über Hamburg schon an diesem Wochenende den Titel klar machen. Derzeit führen sie die Tabelle mit beispiellosen 20 Punkten Abstand auf Borussia Dortmund an. Die Münchner scheinen vor einer neuen Epoche der nationalen Dominanz zu stehen, nun kommt auch noch Pep Guardiola diesen Sommer. Mit ihrem gesunden Europa-Koeffizienten machen sie Barca und Madrid bereits den Rang streitig. Und auch mit den Finanzen steht es prächtig: Die Bayern erwirtschafteten nach Deloitte 2011/12 368,4 Millionen Euro und sind damit der viertreichste Verein des Kontinents.

Ob es das nochmal geben wird... ?
 ABERDEEN (1979-85)

Unter der brillanten Ägide von Alex Ferguson gewinnen die Dons vier schottische Meisterschaften, einen Europapokal der Pokalsieger und den Uefa Super Cup. Heutzutage kaum noch vorstellbar.
 DEPORTIVO LA CORUNA (1993-2004)

Nach dem Aufstieg 1991 landete Depor neunmal unter den ersten drei in der Primera und holte sich 2000 den Titel. Heute sind die Galizier Letzter in La Liga.
 HELLAS VERONA (1984/85)

Sie nannten es damas schon 'das Wunder', gegenwärtig könnte man sich das kaum vorstellen: Das kleine Verona erstaunte die Serie A 1984/85 mit dem Scudetto. Zur Zeit spielen sie in der Serie B.
 NOTTINGHAM FOREST (1977-80)

Angeführt vom genialen Brian Clough gewann Forest 1978 die heimische Liga und anschließend zweimal  in Folge den European Cup. Momentan spielt Forest in England unterklassig.
 WOLFSBURG (2008/09)

Wolfsburg gewann die Bundesliga 2009 völlig verblüffend. Es folgten Auflösungserscheinungen, momentan ist eher die Relegation ein Thema.
Dritter bei Deloitte ist Manchester United, das auf der Insel gerade der Konkurrenz um den Titel davon galoppiert, nachdem dieser in der letzten Saison wie durch einen Betriebsunfall noch an den Lokalrivalen City ging. Sir Alex' Männer haben ein 15-Punkte-Polster und verfügen zudem über das größte und stimmungsvollste Stadion der EPL (in das 75 000 passen). Diesen Sommer kann also getrost investiert werden. Die 395,9 Millionen Euro aus der Saison 2011/12 machen es möglich.

Wie sieht es in Italien aus? Juventus hat sich von der Zwangsabstieg-Saison 2006 längst erholt und ist zurück an der Spitze. Dass die Turiner zurückkehren würden, konnte allerdings nie ernsthaft bezweifelt werden. Juve hat mehr Anhänger als jeder andere Klub in Italien, einen starken finanziellen Rückhalt und neben einem brandneuen Stadion auch das Potential, in den kommenden Jahren noch stärker zu werden. Nach einiger Zeit in den Niederrungen der zweiten Liga arbeitet sich Juve auch in Sachen Uefa-Koeffizient wieder nach oben, findet sich in der Deloitte Rich List aber nur auf Rang 10. Doch auf Europas Gipfel werden die Einnahmen wieder steigen, ebenso wird sich der Koeffizient in den kommenden Spielzeiten verbessern, vor allem weil zuhause der zweite Titel infolge in Reichweite ist. Neun Punkte Vorsprung auf Napoli sollten reichen. Die erste CL-Viertelfinal-Teilnahme seit 2006 spricht da für sich.

Und es sind nicht nur die vier großen Ligen Europas. In Frankreich führt das neurreiche Paris St.Germain die Ligue 1 an. Und dank der Zahlungen von Qatar Sports Investments sind die Pariser wohl die stärkste Kraft im Lande. In Schottland hat derweil Celtic den Zwangsabstieg der Rangers zu nutzen gewusst. Nun, da der einzige ernsthafte Mitstreiter um den Titel fehlt, thronen sie mit 15 Zählern Abstand vor Motherwell am Kopf der SPL. Und Portugal? Hier liefern sich die Traditions-Giganten von Benfica und Porto ein Rennen um die SuperLiga. In der Zwischenzeit legt Olympiakos in Griechenland ebenso einen Alleingang hin (16 Punkte Vorsprung) wie Anderlecht in Belgien. Galatasaray scheint in der Türkei Fenerbahce und Besiktas auszustechen, in Holland gibt es derweil einen Vierkampf zwischen Ajax, PSV, Eindhoven und Feyenoord. Die größten Klubs haben also durch die Bank weg das Sagen - überall auf dem Kontinent.

Die Regulierungen des Financial Fair Play sollten einen ausgeglicheneren Markt schaffen, in dem Mannschaften im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten wirtschaften anstatt mit Blick auf den schnellen Erfolg enorme Schuldenberge anzuhäufen. Allerdings verschaffen eben diese Regeln den reichsten Klubs einen beträchtlichen Vorteil, denn sie können mit ihren beachtlichen Einnahmen auch weiterhin mehr ausgeben als andere. Teams wie Barcelona, Madrid und Manchester werden zwar verpflichtet, verantwortungsvoller mit ihrem Geld umzugehen, doch der immense Geldfluss aus Eintrittsgeldern, Trikot-Verkauf, Sponsorengelden, Werberechten und -touren sowie TV-Geldern wird es Europas Elite auch weiterhin erlauben, groß einzukaufen. Mit den FFP-Regulierungen werden die Reichen noch reicher - und das scheint im Sinne der Uefa zu sein.

Auch die Regeln zum Uefa-Koeffizienten kommen großen Teams entgegen. Die Champions League wurde so entworfen, dass sie vor allem den größten Vereinen Europas Zugang gewehrt, was den wenigen Glücklichen enorme Aufmerksamkeit und Gewinne beschert. Heutzutage die Qualifikation für die Königsklasse zu verpassen, kann über Erfolg oder Misserfolg einer Saison entscheiden. Zum Beispiel Valencia: Dort wird man sich von den besten Kickern trennen müssen, wenn man es nächstes Jahr nicht in die CL schafft. Andere aus der zweiten Reihe wie die Roma, Tottenham und Atletico Madrid leiden in jeder Saison, die sie ohne die begehrten Gelder bestreiten müssen. Entweder sie sind dann extrem gut geführt (wie die Spurs) oder trennen sich von ihren besten Spielern (so wie es Atletico in den vergangenen Jahren immer wieder getan hat - und es diesen Sommer zwecks Schuldenbeseitigung wohl auch mit Radamel Falcao machen wird.)

EUROPAS ELITE | Die 10 reichsten Klubs
Verein
Einnahmen 2011/12
Real Madrid €512.6m
Barcelona €483m
Manchester United €395.9m
Bayern München €368.4m
Chelsea €322.6m
Arsenal €290.3m
Manchester City €285.6m
AC Milan  €256.9m
Liverpool €233.2m
Juventus €195.4m
In den 80er Jahren galt der Uefa Cup für viele als schwieriger als der alte Europa Cup, für den sich nur die Meister Europas qualifizierten. Die Zweiten, Dritten, Vierten und Fünften der gößten Ligen kamen in den Uefa Cup, der darin vielmehr der heutigen Champions League ähnelte. Real Madrid, Barcelona, Juventus, Napoli, Bayern, Inter, Milan, Manchester United - das waren die regelmäßigen Teilnehmer, und alle wollten sie das Ding gewinnen.

Heute sehen die meisten Teams den Nachfolger Europa League als einen Trost-Wettbewerb wenn nicht gar als unnötigen Zeitvertreib. Viele Mannschaften schicken nicht mal ihre beste Elf auf den Rasen, weil der finanzielle Ertrag kaum lohnt und es sinnvoller erscheint, die Kräfte auf die Qualifikation für die Champions League zu konzentrieren.

Es kann also noch lange dauern, ehe wir ganz oben wieder Mannschaften wie Nottingham Forest, Hellas Verona oder Deportivo La Coruna sehen. Teams, die sich mit wenigen Mitteln und clever nach oben gekämpft haben und Europas Elite durchschüttelten. Leider scheint die Priorität der Uefa heutzutage vor allem auf den Finanzen zu liegen. Fussball-Romantiker müssen das enttäuscht feststellen, und neue Wunder und Mythen wird es so schnell wohl nicht wieder geben.

Barca, Bayern, Inter, Juve, Madrid, Milan und United wird es indes freuen: Ihr Platz unter den Großen Europas wird jedes Jahr ein Stück mehr gefestigt. Denn in der aktuellen Lage werden die alten Mächte mit jedem Jahr stärker.

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