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Sowohl Guardiola als auch Xavi sind Ikonen beim FC Barcelona. Beide stehen in den Geschichtsbüchern des Vereins. Goal.com vergleicht die Spielmacher.

ANALYSE
Von Ben Hayward

Der junge Xavi Hernandez weinte unkontrolliert. Es war Mai 1992 und der 12-jährige Junge aus Terrassa hatte von seinen Eltern gesagt bekommen, dass er nicht nach England ins Wembley-Stadion reisen dürfe, um sein Idol Pep Guardiola im Finale des Europapokal der Landesmeister für seinen geliebten FC Barcelona spielen zu sehen.

Knapp zwei Jahrzehnte später war Xavi der Kapitän und Guardiola der Trainer, als die Katalanen die Trophäe – diesmal unter dem Namen Champions League – erneut gewannen; die beiden Männer standen zusammen in London im selben Stadion – der Kreis war geschlossen. Guardiola war Johan Cruyffs „Kopf“ im Mittelfeld des Traumteams – die Verlängerung des Trainers auf dem Platz. Für Pep war dieser Mann Xavi.

Als Fußballer war Guardiola der Pin-Up-Spieler für die Mehrheit der aufstrebenden jungen Talente in La Masia. „Wie für die meisten Mittelfeldspieler in Barcelona war mein Vorbild Pep“, sagt Xavi. Die beiden wurden Teamkollegen und sind nun sehr gute Freunde, aber in dem damals sehr großen Schatten des Klubkapitäns zu sein, machte das Leben für den Teenager Xavi sehr schwer. Die ständigen Vergleiche brachten den jungen Mann beinahe dazu, den Klub zu verlassen.

„Ich kam mit 17 oder 18 in die erste Mannschaft und die Vergleiche ließen es eine schwere Zeit werden“, erklärte Xavi auf Canal Plus. „Ich wusste, dass eine Person vor mir war [Guardiola], mit dem ich nicht oft würde zusammen spielen können.“

In diesen frühen Tagen wurde Xavi oft eingewechselt, um sein Idol abzulösen und gelegentlich spielten sie auch in der selben Mannschaft. Zu diesem Zeitpunkt waren die Vergleiche jedoch unvorteilhaft: Pep war auf seinem Karrierehöhepunkt, ein gestandener Nationalspieler und Europapokalsieger, der Herzschlag und das Symbol von Barcelona. Xavi war ein junger Mann mit unbestrittenem Potenzial, aber der Spitzname „der nächste Guardiola“ in den Medien blockierte nur seinen Fortschritt. Und beinahe ging er.

GUARDIOLA vs. XAVI - DIE STATISTIK
PEP GUARDIOLA
XAVI HERNANDEZ

 470 Spiele / 26 Tore SPIELE / TORE INSGESAMT
665 Spiele / 79 Tore
 47 Spiele / 5 Tore SPIELE / TORE NATIONALTEAM
119 Spiele /12 Tore
 2 Spiele / 1 Tor SPIELE / TORE WM
 14 Spiele / 0 Tore
 40 Spiele / 0 Tore SPIELE / TORE EUROPAPOKAL
133 Spiele / 10 Tore
 1x Olympiasieger
6x Spanischer Meister
2x Copa del Rey
1x Europapokal der Landesmeister 1x Europapokal der Pokalsieger
2x Uefa Super Cup
4x Spanische Supercopa
ERFOLGE
1x Weltmeister
2x Europameister
6x Spanischer Meister
2x Copa del Rey
3x Champions League
2x Uefa Super Cup
2x Club World Cup
5x Spanische Supercopa

Glücklicherweise für Barcelona tat er es nicht – und er hat jetzt mehr Spiele für den katalonischen Klub gespielt als irgendjemand sonst in der Geschichte des Vereins. Hat er also Guardiola in den Schatten gestellt? Wenn es nach Pep geht, hat er das. „Es gibt keinen Vergleich“, sagte der 42-Jährige, als er noch Trainer im Camp Nou war. „Er ist viel besser als ich jemals war. Mein Vorteil war, dass ich gegangen bin, bevor er mich in Rente geschickt hätte. Er macht viele Dinger besser als ich sie getan habe.“

Xavis Antwort? „Pep weiß, wie er mich motivieren muss – er ist ein guter Coach. Er war immer ein Bezugspunkt für mich und ist es heute noch.“

Guardiola machte zwischenzeitlich einem Journalisten klar, dass er selbst im aktuellen Team keinen Platz fünde. „Diese Spieler sind besser als ich jemals war“, sagte er. „Ich käme nicht in die Mannschaft.“

Dies war wahrscheinlich ein Gemisch aus Bescheidenheit und Motivation, dennoch ist es interessant zu sehen, dass sich Xavi nicht in eine Kopie von Guardiola verwandelte, was viele vorhergesagt hatten. Und obgleich es Ähnlichkeiten in ihrer Technik, ihrem Einfluss auf dem Platz bei der Spielkontrolle und ihrer Macht in der Kabine gibt, sind ihre Rollen definitiv unterschiedlich.

Wie für die meisten Mittelfeldspieler in Barcelona war mein Vorbild Pep Guardiola. Er war immer ein Bezugspunkt für mich und ist es heute noch.

- Xavi über Pep

Guardiola war die klassische Nummer 4 bei Barca: ein aus der Tiefe agierender, intelligenter Spielmacher, der von seinen defensiven Kollegen den Ball bekam und dann über den Platz verteilte, entweder mit cleveren kurzen Pässen oder gelegentlich mit großartigen weiten Pässen auf Teamkameraden wie Rivaldo, Luis Figo oder Luis Enrique. Er hatte eine doppelte Rolle und kombinierte sowohl defensive als auch offensive Pflichten – und er ist wahrscheinlich das beste Beispiel auf dieser Position, die der moderne Fußball gesehen hat. In den Barca-Mannschaften von Cruyff und später Louis van Gaal war die Rolle des Dreh- und Angelpunkts entscheidend und die Katalanen wurden stark abhängig von ihrem charismatischen Kapitän.

Gesegnet mit ausgezeichneter Technik und einem bemerkenswerten rechten Fuß war Guardiolas taktisches Spielverständnis allen überlegen. Selbst damals war klar, dass eine Zukunft als Trainer vor ihm lag.

Fehlende Schnelligkeit und mangelnde Produktivität vor dem Tor ließen Guardiola anfällig werden, seine Beherrschung zu verlieren. Zusammen mit Hristo Stoichkov hat er die meisten Platzverweise in der Geschichte des Vereins.

Sein echtes Problem waren aber Verletzungen. Pep konnte an den Weltmeisterschaften 1998 und 2002 nicht teilnehmen und so beschränken sich seine WM-Spiele auf zwei in den USA 1994, wo er mit einen Elfmeter gegen Bolivien traf. Er verpasste außerdem große Teile mehrerer Saisons bei Barcelona und später Brescia. Dazu sorgte ein Streit mit Spaniens Nationaltrainer Javier Clemente dafür, dass er nicht mehr als 47 Spiele für „La Roja“ absolvierte.

Es gibt keinen Vergleich. Er ist viel besser als ich jemals war. Mein Vorteil war, dass ich gegangen bin, bevor er mich in Rente geschickt hätte. Er macht viele Dinger besser als ich sie getan habe.

- Pep über Xavi

Das ist mit Xavi nicht der Fall. Der Mittelfeldspieler hat bereits 119 Spiele für Spanien absolviert und ist damit gesegnet, dass er sowohl zu der besten Generation von Spielern seines Vereins als auch zur besten Nationalmannschaft in der Geschichte Spaniens gehört. Dabei ist er aber im Zentrum von allem. Er spielt weiter vorne als Guardiola, aber verteilt die Bälle genauso und drückt Spielen auf dem höchsten Level seit Jahren seinen Stempel auf. Xavi gibt den Ton und das Tempo für das Tiki-Taka-Passspiel seines Teams vor.

Er ist weder der Schnellste oder der Längste, aber Xavis Fußball ist tief in Barcelonas Philosophie und La Masia verwurzelt, von wo Pep einer der ersten war, der aufkam. Welcher Spieler besser ist, mag eine Frage von persönlicher Vorliebe sein, aber während Pep eine Art Pionier auf seiner Position war, hat Xavi sowohl Barcelona als auch Spanien zu neuen Höhen gebracht. Dies wurde auch durch seine Präsenz in den engeren Auswahllisten für den Ballon d'Or der letzten Jahren reflektiert.

Als Fußballer hat er mehr erreicht als Pep und ist wahrscheinlich auch ein kompletterer Fußballer als sein Vorbild geworden, jedoch hat er auch davon profitiert, in besseren Mannschaften gespielt zu haben. Und es muss auch an folgende drei Fakten erinnert werden: Erstens: Ohne Guardiola wäre Xavi vielleicht niemals in dieselben Fußstapfen in Barcas Mittelfeld getreten. Zweitens: Hätte Pep das Camp Nou im Jahr 2001 nicht verlassen, hätte Xavi möglicherweise den Verein verlassen müssen und wäre niemals der Spieler geworden, der er heute ist. Und drittens und wahrscheinlich der wichtigste Punkt: Xavis Brillanz kam in den letzten vier Jahren, als er von Pep trainiert wurde.

Falls Xavi Barca zu einem erneuten Triumph im Wembley-Stadion im Mai führt und seinen Status als besten Mittelfeldspieler in der Klubgeschichte zementiert, wird er sicherlich einen Gedanken für Guardiola haben, seinen Freund, früheren Teamkollegen, Trainer und sein Idol, ein Mann, der ihm auf seinem Weg immer geholfen hat, seit den Tränen von 1992.

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