thumbnail Hallo,

‚Italien vergisst Neapel an 364 Tagen im Jahr’ - Wie das Spiel Neapel gegen Juventus die kulturelle Trennung zwischen Nord und Süd symbolisiert

Am Freitag treffen beide Spitzenklubs aufeinander und dieses Duell symbolisiert, mit der gemeinsamen Geschichte beider Klubs, vielmehr Rivalität, die den Fußball weit übersteigt.

„Es ist ein großes Durcheinander“, so formulierte es ein Polit-Analyst, während das Wahlsystem in Italien als nicht ganz so modern bezeichnet wurde. In der vergangenen Woche führten die Wahlen die Südeuropäer exakt zu nichts. In den kommenden Tagen stecken nun viele ihre Köpfe zusammen, um den Weg in eine neue Regierung zu finden.

Italien kämpft mit einer hohen Arbeitslosigkeit, einer strauchelnden Wirtschaft, zunehmender Armut, die ihre Spuren im ganzen Land verteilt und hinzu kommt noch die geografische Teilung, die die 150-jährige Nation noch immer beeinflusst. Also ganz schön viel für einen Italiener in diesen Tagen.

Und am Freitag, gibt es mehr aktuelle Bedenken, denn während die politischen und ökonomischen Probleme nicht in naher Zukunft gelöst werden können, findet Juventus Turins Reise nach Neapel in jeder Saison einmal statt. Jede Spielzeit eine Art Bürgerkrieg: Die Neapolitaner sehen kaum Chancen auf ein Ende der Drogen, der Korruption, der Umweltverschmutzung, der Armut und auf eine Unterstützung des mächtigen Nordens. Nur auf dem Fußballfeld können sie die Mächtigen schlagen. Sie glauben daran, denn es geschah schon in der Vergangenheit.

Auch mit der Vereinigung 1861 blieb Italien gefühlt immer ein geteilter Staat, nur vom Namen her vereinigt. In den heutigen Tagen zeigt es ein junges Land mit tiefen Gräben.

Oft hört man, nur die Nationalmannschaft könne für ein Wir-Gefühl sorgen. Der Spieler, der diese Hassliebe am besten verkörpert und zeigt, was wirklich real ist, ist jener Mann, der den Menschen im Süden die größten Momente in ihren sportlichen Leben gab. Sie glauben noch immer an den Zwist, wegen Diego Maradona.

Napoli Fans | Fußball ist für die Neapolitaner die Flucht aus der Rivalität

Als der Argentinier in Neapel ankam, war er schon einer der talentiertesten Spieler, die je einen Fußballplatz betreten haben. Doch in den darauffolgenden Jahren stellte er unter Beweis, dass er einer der Besten seines Faches ist. Noch süßer wurde die Verpflichtung für beide Seiten, als durch Maradona auch der große, mächtige Norden darunter litt.

Keine Stadt südlich von Rom durfte je einen Scudetto-Triumph feiern, ja selbst die Hauptstadtklubs haben nur drei gewonnen. Die Erfolge teilte sich das Triumvirat aus Juve, Inter und Milan. Nicht nur im industriellen Bereich, auch später im Fußball. Wo der Süden in der Wirtschaft kaum mithalten konnten, konnten er es auch im Fußball nicht. Im sportlichen Bereich konnten sie dem Norden also auch nicht das Wasser reichen.

Maradona hat all dies geändert. In Neapel gibt es kaum einen Fan eines Nord-Klubs. Die Neapolitaner sind stets loyal gegenüber „ihrem“ SSC. Der Argentinier sah in der Hauptstadt Kampaniens die richtige Wahl. Er hat sich von unten nach oben durchgekämpft. In Neapel sah er ein zweites Villa Fiorito, er wollte helfen, den Wandel zu bringen. Und er hat es geschafft. In einer spektakulären Art und Weise.

Juventus war in jener Zeit die herausragende Kraft, hatte rund 14 Millionen Fans in ganz Italien. Da wollten irgendwie auch die Neapolitaner hin und in der Saison 1986/87 kam neben dem Titeltriumph auch ein Doppelsieg über Juventus. Michel Platini war geschlagen, die Tabellenführung erobert und sie haben sie nicht wieder hergegeben.

Als der Titel sicher war, gab es eine nie dagewesene Party. Maradona bezeichnete sich gar als „Sohn Neapels“. Es war zwar nur eine kurze Zeit, doch sie haben jeden Moment genutzt, ihren Standpunkt zu vertreten. Es war der Moment des Südens in der Sonne.

Die Neapolitaner müssen sich immer daran erinnern. Einen Tag im Jahr denkt Italien an sie, an den restlichen 364 Tagen des Jahres vergisst es Neapel.

- Diego Maradona

Als sie in Richtung Norden fuhren, gab es in jenen Tagen Willkommensbanner mit Aufschriften wie „Willkommen in Italien“, doch die Mannschaft blieb unbeeindruckt und antwortete mit Maradona auf dem Platz. Es sollte eine weitere Meisterschaft folgen und der Sieg im UEFA-Pokal 1989. Der Traum lebte weiter.

Der Traum begann jedoch zu enden, als Maradona mit seiner Nationalmannschaft im Sao Paolo im Halbfinalspiel der WM 1990 antrat. Damals warnte er: „Die Neapolitaner müssen sich immer daran erinnern. Einen Tag im Jahr denkt Italien an sie, an den restlichen 364 Tagen des Jahres vergisst es Neapel.“ Doch er stoß damit nur auf taube Ohren und wurde auf Bannern eines Besseren belehrt: „Wir lieben dich, doch wir sind noch immer Italiener.“ Die Beziehung bröckelte langsam vor sich hin und wurde irreparabel kurz danach.

Seit jenem Sommer sahen die Süditaliener eine spektakuläre Achterbahnfahrt, samt Insolvenz und Neuanfang. Der Klub kam aber langsam wieder als einzigmöglicher Verein in die Köpfe der Neapolitaner zurück und im vergangenen Sommer reckten sie den italienischen Pokal in die Höhe, nachdem der Nordrivale Juve im Finale mit 2:0 geschlagen wurde. Dieser Titel war der erste große seit dem Scudetto 1990. Die große Macht aus dem Norden wurde von den aufrichtigen Straßenkämpfern aus dem Süden wieder geschlagen.

Am Freitagabend hat Neapel die letzte Chance, Juve davon abzuhalten, den zweiten Titel in Serie zu holen. Und natürlich auch, um sich selbst noch im Rennen zu halten.

Verliert der SSC, werden die Bianconeri den Titel holen und das Leben in Italien würde weitergehen, samt Drogen, Korruption, Armut etc. Aber mit einem Sieg der Partenopei, würde eine ganze Stadt gegen diese Leute gewinnen, die sie als Ausländer, als Abwasserratten bezeichnen. An die Menschen aus Neapel: Das ist wichtiger als jede Wahl. Es ist ein Kampf, den sie gewinnen können.

Folge Kris Voakes bei

Dazugehörig