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„Wir haben nichts gezeigt“ - Ein zahnloser FC Barcelona vom AC Mailand in die Schranken gewiesen

Nach einer schwachen Leistung in „San Siro“ hängen die Hoffnungen der Katalanen auf einen erneuten Trip zum Finale der Champions League nach „Wembley“ am seidenen Faden.

Mailand. Es war der FC Barcelona. Aber nicht, wie wir ihn kennen. Dieselbe Gruppe von Spielern, die in den letzten fünf Jahren die Beste der Welt war, lieferte am Mittwochabend in „San Siro“ eine Vorstellung ohne Herz, Seele, Kampf und Ideen ab. Logisches Resultat war eine 0:2-Niederlage gegen einen durchschnittlichen AC Mailand. Einige Barca-Stars versuchten sich anschließend noch in Erklärungen für die Leistung, Andres Iniesta konstatierte schlichtweg: „Wir haben nichts gezeigt.“ Und das war noch untertrieben.

Barcelona mag sich noch über den ersten Gegentreffer ärgern, als Cristian Zapatas Hand mithalf, dem Torschützen Kevin-Prince Boateng die Kugel aufzulegen. Als Entschuldigung für die Niederlage taugt diese Szene indes nicht. Vielmehr bekam Barca das, was die Mannschaft am Mittwochabend verdient hatte.

Als sich die beiden Teams in der Gruppenphase der Vorsaison an selber Ort und Stelle gegenüber standen, entschied sich der damalige Coach Pep Guardiola für eine abenteuerliche 3-4-3-Formation. Barca agierte wackelig in der Defensive, hatte aber einen Mann mehr im Mittelfeld uns siegte in einer spektakulären Partie mit 3:2.

Als Barcelona dann im Viertelfinale erneut nach Mailand reiste, kehrte Guardiola zu einem konservativeren 4-3-3 zurück. Diese Aufstellung wurde bei eigenem Ballbesitz allerdings zu einem 3-4-3, weil Dani Alves stets ins Mittelfeld drängte und die Katalanen so dort einen Spieler mehr hatten. Barca war in jener Begegnung das bessere Team, ein defensiv diszipliniert agierendes Milan erkämpfte sich jedoch ein torloses Remis (im Rückspiel setzten sich die Spanier schließlich mit 3:1 daheim durch).

VERSCHOLLEN IN MAILAND
CESC FABREGAS
1,5 Fand nur schwer in die Partie und hatte teilweise große Probleme, die richtige Anspielstation zu finden.
 LIONEL MESSI
2,5 Der viermalige Weltfußballer verlor das Leder öfter als gewohnt und hatte nur wenig Zeit am Ball.
Die Topstars Zlatan Ibrahimovic und Thiago Silva verließen Mailand im letzten Sommer. Niemand bezweifelt, dass die heutigen „Rossoneri“ schwächer besetzt sind, als Allegris Elf aus dem Vorjahr. Und dennoch: Als das Spiel seinen Lauf nahm, gelang es den Italienern mit Leichtigkeit, Barca in Schwierigkeiten zu bringen. Schlüssel dazu waren zwei eng beieinanderstehende Reihen in Mittelfeld und Abwehr, welche die Räume in der Zentrale eng machten.

Barca hatte 66 Prozent Ballbesitz, konnte daraus jedoch kein Kapital schlagen. Alves unternahm keine Vorstöße, er wurde vom Mailänder Mittelfeld beschäftigt. Xavi hatte Probleme in der Balleroberung und war offensichtlich nicht in Bestform. Cesc Fabregas wirkte, als fehle es ihm an der Orientierung und Andres Iniesta machte auf der linken Seite keinen besonders glücklichen Eindruck. Lionel Messi ließ sich häufig zurückfallen, war damit aber auch nicht erfolgreich.

Obwohl sie für zwei Drittel der Spielzeit den Ball hatten, taten sich die Gäste enorm schwer, Raumgewinn zu erzielen. Ihnen gelangen nur zwei Schüsse auf den Mailänder Kasten. So wenig wie noch nie in dieser Saison und so wenig wie beim Halbfinal-Rückspiel gegen Chelsea 2009.

Damals ging es glimpflich für Barca aus, als Iniesta kurz vor Schluss zur spanischen Glückseligkeit traf. Diesmal gelang es nicht und so richtig Zug in sein Spiel brachte der Spitzenreiter der Primera Division auch erst, nachdem Sulley Muntari zehn Minuten vor dem Ende auf 2:0 gestellt hatte. Doch da war es bereits zu spät. Eine Stärke dieser Barca-Mannschaft war es, bei Rückständen stets die passende Antwort zu geben. Am Mittwoch blieb diese Antwort aus.

Nicht einmal das markante Pressing, ein Merkmal dieses Teams, funktionierte. Lediglich in Durchgang eins gelang es Pedro einmal, einen verlorenen Ball direkt zurückzuerobern. Es war ein Reminder an den großen Trumpf Barcas: Nach Ballverlusten sofort attackieren, doppeln und dem Gegner das Leder sofort wieder abnehmen. Geprägt vom Selbstverständnis, dass der Ball Barca gehört.

Eben dieser Glaube war gestern Abend nicht zu spüren. Es fehlte die Bereitschaft zu kämpfen und wenn man es nüchtern betrachtet, lieferte kein Spieler eine gute Leistung ab.

Auch nicht Lionel Messi. Der Argentinier rieb sich in Zweikämpfen mit Mailands Verteidigern auf. Er ließ sich ins Mittelfeld fallen, wurde von den Männern in rot und schwarz bis dorthin verfolgt und blieb damit wirkungslos. Er schoss nur zweimal in Richtung Abbiati-Tor, einer dieser Versuche war ein Freistoß. Von Messi war es die schlechteste Vorstellung seit langer, langer Zeit.

Solange es noch 0:0 stand, lief für Barca eigentlich alles nach Plan. Schließlich ist das Rückspiel im „Camp Nou“ ein echtes Faustpfand. Doch die Probleme in der Defensive sind nicht mehr zu leugnen: In den letzten zehn Spielen blieb der Vize-Meister mittlerweile nicht mehr ohne Gegentreffer. In der K.O.-Runde der Königsklasse kann das schnell schiefgehen.

Zu einem früheren Zeitpunkt der Saison waren diese Probleme verständlich, denn da fehlten Puyol und Gerard Pique. Nun sind sie zurück und dennoch kassieren sie Gegentreffer. Puyol war in Mailand engagiert wie immer, aber er ließ sich mehrfach aus der Viererkette ziehen und er war es, der vor dem zweiten Gegentor die Übersicht verlor. Er bleibt Barcelonas natürlicher Anführer, auch wenn ihm das Zepter in dieser Szene entglitt.

Vor Barcas Interimscoach Jordi Roura liegt als eine Menge Arbeit. Für den Vilanova-Ersatz war es eine unschöne Rückkehr an jenen Ort, an dem er sich 1989 im europäischen Super Cup schwer verletzte und anschließend seine Karriere beenden musste. Nach der Vorstellung vom Mittwoch drängt sich der Verdacht auf, dass seine Trainerlaufbahn auf allerhöchster Ebene ebenfalls nicht sehr lang sein wird.

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