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Milans „La Masia“: Wie die Rossoneri ihre eigene Akademie nach Barcas Vorbild gestalten

Die italienischen Giganten haben den Schwerpunkt in der ersten Mannschaft verlagert auf eine Gruppe von jungen Spielern, doch dieser Fokus geht dank des Vismara Centers noch weiter

Report
Von Kris Voakes | Italien-Korrespondent

Wenn es in Gesprächen um die Geheimnisse des Erfolges im Fußball geht, wird mit Stichworten oft nicht gegeizt, ohne Rücksicht auf Klischees: Real Madrid? Die „Galaktischen“. Manchester United? Die „Goldene Generation“ von Eric Harrison. Barcelona? La Masia. Beim AC Mailand weisen viele direkt auf das idyllische Rückzugsgebiet des Milanello hin und auf das berühmte MilanLab, das den Status von einem der größten Klubs ausmacht.

Doch im Vorfeld der Partie gegen Barcelona, die man am Mittwochabend im Achtelfinalhinspiel der Champions League zu Gast hat, lohnt ein Hinweis auf den neuen Schwerpunkt in puncto Nachwuchsspieler. Der Applaus, den die Katalanen regelmäßig für ihr berühmtes Nachwuchssystem einheimsen, wurde auch in Norditalien nicht überhört, wo der Klub, der einst als „Altenheim“  verspottet wurde, nun selbst ein höchst erfolgreiches Jugendsystem installiert hat.

Während „Milanello“ das Stichwort bleibt für Mailands harte Arbeit hinter den Kulissen, wird der neue Schwung hauptsächlich 61 Kilometer entfernt im weniger ansprechenden Süden der Stadt generiert – im Centro Sportivo Vismara, einem 230.000 Quadratmeter großen Jugendtrainingszentrum. Unter der Ägide von Filippo Galli, dem Direktor der Jugendabteilung, sind große Schritte nach vorn gemacht worden beim Versuch, der glorreichen Vergangenheit des Klubs einen wunderbaren und hausgemachten Entwurf für die Zukunft zur Seite zu stellen. Und ein gerade unterzeichneter Vertrag mit der Stadtverwaltung garantiert, dass Milan bis 2022 auf Vismara als Schaltzentrale der Nachwuchsabteilung bauen kann.

JUNGE NACHWUCHSKRÄFTE

Mastour und Coach Inzaghi

MATTIA
DE SCIGLIO
Geboren in: Mailand
Alter bei Verpflichtung: 10
BRYAN
CRISTANTE
Geboren in: San Vito al Tagliamento
Alter bei Verpflichtung: 14
HACHIM
MASTOUR
Geboren in: Reggio Emilia
Alter bei Verpflichtung: 14
MIHAEL
MODIC
Geboren in: Baja Luka (Bosnien/Herz.)
Alter bei Verpflichtung: 14
Um die 24 Millionen Euro sind in den letzten zwei Jahren in den Aufbau der Akademie geflossen, was dabei half, junge Talente wie Mattia De Sciglio, Bryan Cristante, Hachim Mastour und Mihael Modic zu rekrutieren und auszubilden. Bedenkt man, dass allein Mario Balotelli 22 Millionen kostete, wird klar, warum der Verein lieber mehr Geld darauf verwendet, junge Spieler möglichst früh zu verpflichten, besonders in der Ära von Financial Fair Play.

Während Di Sciglio, inzwischen fester Bestandteil der ersten Mannschaft mit 28 A-Einsätzen, einer aus der großen Anzahl von Milan-Jungprofis aus der lokalen Sichtung ist, findet auch rund um den Erdball exzellentes Scouting statt.

Die Milan Junior Camps, die jeden Sommer an unterschiedlichen Orten stattfinden, geben Spielern von sieben bis 17 die Möglichkeit, unter Top-Coaches zu trainieren, wobei die Teilnahme von ehemaligen Profis fast überall garantiert ist. Dazu kommt, dass die Herausragenden jeweils die Chance bekommen, am Ende eine offene Trainigssession in Vismara zu absolvieren – vor den Augen der leitenden Talentscouts der Rossoneri, gefolgt vom Besuch eines Heimspiels im San Siro.

Und das Personal des Vereins ist durchdrungen vom Milan-Spirit: Filippo Ingaghi ist der berühmte Coach der Allievi Nazionali, dazu sind Villiam Vecchi, Davide Pinato und Walter De Vecchi alle entweder aus dem Jugendprogramm der Diavolos oder kamen schon früh in ihrer Karriere zu Milan.

Vismara | Rasen-, Kunstrasen- und Indoor-Plätze: Alles, was das Fußballerherz begehrt

Eine dem Klub nahestehende Quelle verriet Goal.com, wie die Rossoneri das Maximum aus ihrem Status als Klub mit Historie herausholen: „Milan hat eine fantastische Geschichte, mit der man prunken kann, und das machen sie wirklich gut“, erzählt der Insider. „Viele junge Spieler wollen gern in die Fußstapfen von Spielern wie Maldini und Inzaghi treten, und wenn sie sehen, wo ihre Idole einst trainiert und gespielt haben, besitzt das eine große Anziehungskraft. Dazu ist die Möglichkeit, mit Inzaghi zu arbeiten, eine große Versuchung.“

Er fährt fort: „Nichts, was ich bei Milan gesehen habe, ist technisch im Vergleich zu anderen Klubs besonders weit vorn, doch sie sind in der Hinsicht sicher auf Augenhöhe. Aber von allem anderen abgesehen haben sie ein fantastisches Netzwerk, das den Klub sehr gut nach außen hin darstellt. Die Philosophie dahinter scheint darauf zu fußen, dass man sich als Träger des Klublogos automatisch wie ein Champion gibt.“

Es ist diese Zurschaustellung des heimeligen und gleichzeitig professionellen Images, die Spieler oftmals von nah und fern anzieht. Cristante wurde in der nordöstlichen Provinz von Pordenone als 14-Jähriger entdeckt, zwei Jahre später spielte er in der Champions League. Mastour spielte für den lokalen Verein Reggiana, bevor die Rossoneri ihn sich schnappten, auch im Alter von 14. Während es einerseits hilfreich ist, gute Kontakte zum Agenten Dario Paolillo zu unterhalten, der auch in den Deal mit Kaka involviert war, erwies es sich zudem als wichtig, dass das Milan-Netzwerk Talente früh entdeckte und so andere europäische Klubs auszustechen in der Lage war. Ein Zeichen dafür ist die Verpflichtung des Edeltalents Mihael Modic, jetzt 15 und im Einsatz für die Giovanissimi Nazionali-Mannschaft, die dank der weitreichenden Verbindungen des eigenen Scoutingprogramms gelang, wobei sein älterer Bruder Andrej ebenso auf Milans Zettel steht.

Inzwischen ist Milan immer mehr zu einem attraktiven Klub für junge Spieler gereift, weil sie wissen, dass die Rossoneri hinter ihnen stehen. Das ist der erste Schritt, eine starke Jugendabteilung aufzubauen, die auch für das erste Team relevant ist.
- Filippo Galli

Im exklusiven Gespräch mit Goal.com erklärt der Chef der Jugendabteilung, Filippo Galli, wieso man solche Talente trotz exzessiver Konkurrenz bekommt.

„Milan muss mit prestigeträchtigen Vereinen wie Inter, Brescia, Atalanta, aber auch Novara und Varese konkurrieren“, so der ehemalige Verteidiger. „Inzwischen ist Milan allerdings immer mehr zu einem attraktiven Klub für junge Spieler gereift, weil sie wissen, dass die Rossoneri hinter ihnen stehen. Das ist der erste Schritt, eine starke Jugendabteilung aufzubauen, die auch für das erste Team relevant ist.“

Trotzdem muss Milan dafür arbeiten, mit der Zeit zu gehen, wie Adriano Galliani selbst bewies, als er 2011 einen Universitätsabschluss in Sportorganisation an der Universität von Parma absolvierte.

„Es stimmt, dass zu der Zeit, als Demetrio Albertini für Milan spielte, 15 Jungs aus der Umgebung im Team waren, doch wir waren in der Lage, Marco van Basten und Ruud Gullit zu verpflichten, weil wir mehr zahlen konnten als andere Vereine. Heute würden sie zu Real Madrid oder dem FC Barcelona gehen.“

Galliani fügt hinzu: „Diejenigen, die heute das Geld haben, kaufen die Spieler schon in jungen Jahren. Barcelona hat eine großartige Jugendabteilung, aber so zu spielen wie sie kostet 450 Millionen Euro im Jahr.“

Die Rossoneri mögen nicht diese Möglichkeiten zur Verfügung haben, doch sie sind noch immer in der Lage, einige Versprechen für die nächsten Generation zu rekrutieren und auszubilden. Und solange sie den persönlichen Touch und die erfolgreiche Verbindung von Champions aus Vergangenheit und Zukunft beibehalten, werden demnächst noch viele nachkommen.

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