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Dossier: Wie Arsenal gegen formidable Bayern bestehen kann

Den Ballbesitz den Bayern überlassen und gegen hoch stehende Gegner durch Walcott auf Konter lauern: So könnte Arsenal gegen die starken Bayern bestehen.

ANALYSE
Von Ewan Roberts

Nach dem demütigenden FA Cup-Aus gegen die Blackburn Rovers, derzeit Achter in der zweiten englischen Liga, sind die Arsenal-Fans mit Blick auf das Achtelfinale der Champions League gegen das deutsche Powerteam aus München verständlicherweise pessimistisch.

Die Roten haben in dieser Saison wettbewerbsübergreifend nur zweimal verloren, 84 Tore erzielt und nur 15 Gegentreffer hinnehmen müssen. 2013 hat Jupp Heynckes' Mannschaft alles gewonnen, dabei 13 mal getroffen und nur ein Tor gegen sich kassiert. Zum Vergleich: Arsenal hat in allen Wettbewerben nur 19 seiner 39 Spielen gewonnen und insgesamt sechs mal eine weiße Weste behalten - 10 mel weniger als die Bayern. Die solide Defensive des deutschen Tabellenführers verdankt sich zu einem Großteil dem eigenen Ballbesitz, der dem Gegner nur wenige Gelegenheit zu Angriff bietet. In den fünf Topligen in Europa hat nur Barcelona (69,6%) durchschnittlich mehr Ballbesitz als die Bayern (63,9%). Und nur Juve (33%) hat mehr Zeit in der gegnerischen Hälfte verbracht als die Deutschen (32%).

Das Duell bringt zwei von Europas passstärksten Teams zusammen, wobei Arsenal einen durchschnittlichen Ballbesitz von 58,5 % aufweist und Rang vier auf dem Kontinent belegt. Aber: Nur eine der beiden Mannschaften wird ihr gewohntes Spiel aufziehen und den Ball durch die eigenen Reihen laufen lassen können - nicht beide. Der Kampf um den Ball wird Priorität haben. Ein Blick in die Geschichtsbücher legt nahe, dass eher Arsenal den Kürzeren zieht.
WIE ARSENAL BAYERN WEH TUN KANN
Die Gunners müssen den Raum hinter Bayerns Verteidgung nutzen -  vor allem der schnelle Walcott

In vier Spielen gegen Barcelona (2010 und 2011) genossen die Nord-Londoner nur einmal 40% Ballbesitz. Insgesamt erzielt man gegen die Katalanen nur einen mageren Durchschnittswert von 38,7%. Sollten die Gunners gegen die Bayern einen ähnlichen Wert zeigen, werden die die wenigen Gelegenheiten, die sich bieten, nutzen müssen. Bevor Wolfsburgs Diego letzten Freitag Manuel Neuer mit einem Freistoß testete, hatte München über vier Stunden keinen Schuss auf den eigenen Kasten hinnehmen müssen.

Ein Topwert: In den fünf Topligen Europas hat kein Team weniger Tore gegen sich zugelassen als die Bayern (7,6 pro Spiel), wohingegen Arsenal in der Champions League nur auf mickrige vier Torschüsse pro Partie kommt. Von 32 Teams ist das nur Platz 24, hinter Celtic oder BATE Borisov. In diesem Kontext wirkt Arsene Wengers Schachzug, Oliver Giroud draußen zu lassen (Goal.com berichtete exklusiv am Dienstag) wie clever. Der Franzose hat von seinen 19 Torchancen nur vier verwandelt (21%), während Lukas Podolski, der Mann, der ihn aller Vorausssicht nach ersetzen wird, auf einen Wert von 50% kommt.

Es wird von enormer Wichtigkeit sein, dass Arsenal nicht in die Falle tapt, seinen schönen und offensiven Kavaliers-Fußball zu spielen, wenn sie eine Chance auf das Weiterkommen haben wollen. Bayerns Form ist beständig, zuhause (72% gewonnen, Tordifferenz +24) wie auswärts (90% gewonnen, +26). Und sollten die Gunners ins offene Messer laufen, werden sie auseinander genommen. Sollte man im eigenen Stadion zu viel auf Angriff spielen, riskiert man, dass es im Rückspiel um nichts mehr geht.

Der Kampf um Ballbesitz, ein Schlüsselduell, wird sich wahrscheinlich im zentralen Mittelfeld abspielen, wo die Bayern nicht ganz so unbezähmbar sind wie Barca, auch wenn sie enorm stark aufgestellt sind. Mit einem durch die Mitte spielenden Podolski wird Santi Cazorla wohl auf dem linken Flügel eingesetzt werden. Die natürliche Neigung des Spaniers, sich tief fallen zu lassen, das Spiel zu steuern und sich landeinwärts zu bewegen, könnte helfen, gegen die Bayern eine Überzahl zu schaffen und zu überraschen. Der frühere Regisseur Malagas würde für einen numerischen Vorteil in der Mitte des Feldes sorgen und Toni Kroos zwingen, tiefer zu stehen, um Schweinsteiger und Martinez zu unterstützen. Gleichzeitig würde Mario Mandzukic isoliert werden.

Ein Problem könnte für Arsenal jedoch daraus entstehen, wenn man zu nah dran ist. Dadurch können Bayerns Außenverteidiger nach vorne drücken. Sowohl Philipp Lahm als auch David Alaba haben großen Anteil am Ballbesitz-Spiel, das Jupp Heynckes eingeimpft hat. Und speziell Ersterer könnte auf seiner rechten Seite eine Menge Platz vorfinden, wenn Cazorla reinzieht. Was die Kontrolle des Mittelfeldes angeht, könnte Arsenal den Gästen die Initiative überlassen.
DIE MÜNCHNER MASCHINE

BAYERN SEIT DER WINTERPAUSE
Spiele
gewonnen
Tor
Gegentore
Torschüsse pro Spiel
Zugelassene Torschüsse
Ballbesitz
5
5
13
0
13.6
6.4
67%

Thomas Müller, Franck Ribery und Arjen Robben, der seit Weihnachten nur noch begrenzt zum Einsatz kommt, ziehen ebenfalls gerne rein. Einerseite kommt das Thomas Vermaelen entgegen, der lieber zentral verteidigt, aber gleichzeitig bietet sich Lahm so ein unangenehmer Freiraum, in den ihm Cazorla folgen muss, wenn er die linke Seite nicht völlig entblößen will. Mit solchen dem Abenteuer geneigten Außenverteidigern, die den Willen zeigen, früh anzugreifen und agressiv ran zu gehen (was Arsenal wenig Zeit und Raum geben wird), werden die Bayern hoch stehen. 

So ist es nicht ohne Ironie, dass das Überlassen des Ballbesitzes und das Zulassen einer hoch stehenden Bayern-Verteidigung Arsenals beste Chancen auf einen Erfolg bringen könnten. Die Gunners haben 2011 zuhause Barcelona duch Konter geschlagen und Chelseas von Andre Villas-Boas installierte hohe Defensive letzte Saison an der Stamford Brigde zerpflückt, mit fünf Toren. Mit einem von Podolski geführten Angriff haben die Gunners genügend Speed, um in den Raum hinter Bayerns Abwehr vorzustoßen.  
 
Am meisten davon profitieren würde Theo Walcott. Der 23-Jährige wird es direkt mit David Alaba zu tun kriegen, der ebenfalls hoch steht und Raum hinter sich lässt. Dafür sind er und auch der linke Innenverteidiger Dante extrem schnell auf den Beinen und können mit Walcott allemal mithalten. Andererseits: Von dem belgischen Abwehr-Veteran Van Buyten kann man das nicht behaupten.

Der 35-Jährige ist das schwächste Gleid im bayrischen Verbund und anfällig wenn es schnell und beweglich zugeht. Es ist zu erwarten, dass Podolski und Walcott das durchaus registriert haben. Letzterer wird vermutlich öfter reinziehen, um die Innenverteidiger mit gut getimten Tempoläufen zu splitten. Dass kein anderes Team in der Premier League mehr Konter-Tore als Arsenal erzielte (fünf), wird aber dennoch kaum einen Vorteil bringen.
 
Wenger wird auf Jack Wilshere hoffen, und dass dieser eine ebenso signifikante Wirkung haben wird, wie gegen Barcelona vor zwei Jahren. Damals spielte der junge Engländer 46 Pässe mit einer Erfolgsquote von 93,5%, die meisten davon im letzten Drittel des Spielfeldes und gegen ein Team voller Welt- und Europameister. Sollten die Bayern das Spiel machen, so könnte Wilshere für Arsenal auf die Bremse treten - so wie gegen Barca, als er Arshavin anschließend auf die Reise zum Siegtreffer schickte. Die Kombo aus Wilshere und Walcott könnte so für erfreuliche Glanzpunkte sorgen.
 


Auf Konter zu setzen und Bayerns hoch stehende Verteidigungslinie zu entblößen, birgt aber auch Risiken. Zum Beispiel, dass Arsenal abwarten und enormen Durck aushalten muss, ohne die nötige defensive Intelligenz oder Stabilität zu besitzen, mit der beispielsweise Chelsea die Bayern im Finale der Königsklasse frustrierte. Arsenal hat durch 22 eigene Fehler gegnerische Schüsse zugelassen - 13 davon wurden zu Toren. Ein Topwert.

Die Verletzung von Laurent Koscielny könnte Bacary Sagna in die zentrale Defensive spülen und Carl Jenkins auf den Platz rechts in der Viererkette. Das Duell zwischen dem 21-Jährigen und Franck Ribery, der dieses Jahr in einer überwätigenden Form ist, birgt aber auch ein potentielles Desaster. Auch deswegen steckt Arsenal in einem Dilemma: Konter durch den schnellen Walcott und das schnelle Umschaltspiel von Wilshere versprechen am ehesten Torerfolg. Aber zur gleichen Zeit bleibt eine große Verantwortung an einer wackligen und verletzungsgeschwächten Defensive.
 
Statistiken von www.whoscored.com und www.eplindex.com
 
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