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Wo ist Pirlo? Barcelona- und Real-Madrid-Übergewicht zeigt, dass es der FIFPro World XI an Glaubwürdigkeit mangelt

Wie kann man die von der FIFA veranstaltete Wahl noch ernst nehmen nach der Nichtberücksichtigung des Juve- und Italien-Stars, wenn formschwache Spieler wie Alves dabei sind?

KOMMENTAR
Von Carlo Garganese

Über Fußballer macht man sich gerne lustig: „Viel Geld, wenig Hirn“ - darüber wundert sich niemand, wenn sie für Ungeheuerlichkeiten wie die 2012 FIFPro World XI verantwortlich zeichnen.

Das beste Team des letzten Kalenderjahres, wie es von schätzungsweise 45.000 Profifußballern gewählt wurde, hat eine komplett La-Liga-basierte Aufstellung hervorgebracht, mit nur einem einzigen Spieler, der nicht für Barca oder Real Madrid spielt: Radamel Falcao von Atletico Madrid.

Wenn der FIFA Ballon d'Or allgemein als prestigereichste Einzeltrophäe in Fußball angesehen wird, dann wäre die FIFPro World XI wohl das begehrteste Pendant auf Teamebene.

Allerdings ist nun jegliche Glaubwürdigkeit dieser von der FIFA vergebenen Auszeichnung, die es seit 2005 gibt, verspielt.

  FIFPro World XI
 


CASILLAS
REAL MADRID

DANI ALVES
SERGIO RAMOS
PIQUE MARCELO
BARCELONA REAL MADRID
BARCELONA REAL MADRID

XABI ALONSO
XAVI INIESTA
REAL MADRID
BARCELONA BARCELONA

MESSI
FALCAO CRISTIANO RONALDO
BARCELONA ATLETICO MADRID
REAL MADRID

Die bizarrste Entscheidung ist die für Dani Alves als Rechtsverteidiger. Zu Beginn der letzten Saison war der Brasilianer vermutlich der beste Verteidiger im Weltfußball. Doch 2012 war sein schwächstes Jahr, seit er in Spanien ankam, er hatte Probleme mit Pep Guardiola und verbrachte auch unter Tito Vilanova Zeit auf der Bank.

Es gab zahllose Rechtsverteidiger in Europa, darunter Dortmunds Lukasz Piszczek, Juventus' Stephan Lichtsteiner und Darijo Srna von Shakhtar Donetsk, um nur einige zu nennen, von denen alle, im Gegensatz zu Alves, 2012 Titel holten. Die Fußballer, die Alves wählten, taten dies aufgrund seiner Reputation und hatten vermutlich wenig bis gar keine Bundesliga, Serie A oder die ukrainische Liga verfolgt. Die meisten werden wohl wenig bis nichts von Piszczek gehört haben, geschweige denn fähig gewesen sein, seinen Namen auf einem Stimmzettel richtig zu buchstabieren.

Alves' Teamkollege Gerard Pique hatte ebenso Probleme mit Guardiola, doch seine größten Verdienste in 2012 erwarb er sich jenseits des Platzes – mit Shakira, hatte er doch viel Zeit, die er mit seiner kolumbianischen Freundin verbringen konnte, da er fast die halbe Saison 2011/12 in La Liga verpasste und danach um seine Form kämpfte, als sein Partner Carles Puyol verletzt aussetzte.

Für Pique spricht, zusätzlich zum EM-Titel 2012, dass wir uns derzeit vermutlich in der schlimmsten Ära für Verteidiger in den letzten 50 Jahren befinden. Doch Thiago Silva und Mats Hummels wären sicherlich die sinnvollere Wahl neben Sergio Ramos gewesen.

Marcelos Berücksichtigung als Linksverteidiger ist keine Schande, auch und wieder einmal aufgrund des Mangels an Spitzenkräften auf dieser Position, doch ein Spieler, der zweifach bei wichtigen Partien Real Madrids am Ende der letzten Saison nicht in der ersten Mannschaft stand (beim entscheidenden Spiel in der Liga im April gegen Barcelona und im Champions League-Halbfinalhinspiel gegen Bayern München), sollte nicht Ashley Cole vorgezogen werden, der auf Chelseas „Road to Glory“ durchgehend heroische Leistungen gezeigt hatte. Dass der Champions-League-Sieger, wie glücklich der Triumph auch immer zustande kam, keinen Spieler in der FIFPro-Weltelf stellt, ist schon fast absurd.

Annus horribilis | Dani Alves hatte 2012 sowohl unter Guardiola als unter Vilanova seine Probleme

Doch die ultimative Beleidigung war die Nichtberücksichtigung von Andrea Pirlo. Der italienische Magier wird als einer der besten zentralen Mittelfeldspieler aller Zeiten in die Geschichte eingehen, und 2012 war sein annus mirabilis, in dem er Juventus zum Scudetto führte, ohne ein einziges Spiel zu verlieren, bevor er Man-of the-Match-Auszeichnungen bei der EM 2012 abräumte und Italien ins Finale führte. In der aktuellen Spielzeit ist er ebenso dominant.

Die Tatsache, dass 45.000 Wähler nicht genug Stimmen für Pirlo zusammenkratzen konnten, lässt einen den Glauben an die Demokratie verlieren, insbesondere, da der ehemalige Milan-Star seit seinem Meisterstück im EM-Viertelfinale gegen England weltweit von der Presse praktisch täglich gefeiert wurde.

Der Fußball der Gegenwart mag inzwischen von einer kleinen Gruppe elitärer, reicher Vereine monopolisiert worden sein, doch Barcelona und Real Madrid – von denen keiner es ins Champions-League-Finale 2012 schaffte – sind nicht die einzigen Klubs im Weltfußball.

Andres Iniestas Wahl ins Dreier-Mittelfeld versteht sich von selbst, doch die Addition von Xavi und Xabi Alsonso vor Pirlo zeigt eine peinliche Parteilichkeit zugunsten des Clasico-Pärchens.

Sogar die Auswahl von Atletico-Superstar Falcao gemeinsam mit Cristiano Ronaldo und Ballon-d'Or-Sieger Messi ist diskutabel, wenn man die Präsenz ebenso brillanter Kandidaten wie Robin van Persie, Didier Drogba und Zlatan Ibrahimovic bedenkt, doch es ist die Abwesenheit von Pirlo, die zurecht für all die Schlagzeilen sorgte.

Der FIFA Ballon d'Or hat zuletzt gerechtfertigte Kritik einstecken müssen, von der Ignoranz gegenüber Wesley Sneijder 2010 bis zur zu diesem Zeitpunkt bizarren Inklusion von Pep Guardiola in die Top drei der Trainer.

Doch seine Glaubwürdigkeit ist trotzdem gerade noch intakt. Dies ist – traurig genug – nicht mehr der Fall bei der FIFPro World XI.


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