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TV-Bilder zeigen einen wütenden Trainer, mit dem Schiedsrichter hadernd. In den Amateurligen kann der Ärger und die Wut auch schon mal zu Handgreiflichkeiten führen.

Berlin. Gewalt im Fußball ist ein oft diskutiertes Thema. Dann geht es um Vereine wie Dynamo Dresden oder auch Eintracht Frankfurt. Unbeachtet bleibt oftmals die Gewalt im Amateurfußball. Erst wenn etwas Gravierendes wie zuletzt in den Niederlanden passiert, findet diese Thematik Aufmerksamkeit. Dabei geschieht es an vielen Spieltagen, von den Junioren bis zu den Alten Herren.

Beispiel Solingen

In den Kreisligen des Fußball-Kreises Solingen kommt es immer wieder zu unschönen Szenen. Im Oktober wurde ein Schiedsrichter bei einem Stadtderby vor mehreren hundert Zuschauern von Spielern bedroht sowie bedrängt und von Zuschauern aufs Übelste beleidigt. Der Verein, dem diese Gruppe von etwa 30 Fans angehört, reagierte nicht, Schlachtrufe wie „Schiri, du Hurensohn“, „Wir wissen, wo du wohnst“ und „Wir bringen dich um“ gehören offenbar zum schlechten Ton - selbst wenn Kinder direkt daneben stehen und sich dieses Geplärre anhören müssen.

„Der Respekt vor Schiedsrichtern ist zuletzt sukzessive gesunken“

Valentino Usein ist Vorsitzender der Schiedsrichtervereinigung im Fußball-Kreis Solingen. Er sagte Goal.com: „Der Respekt vor Schiedsrichtern ist zuletzt sukzessive gesunken. Vor allem die lautstark geäußerte Kritik an den Entscheidungen unserer Leute hat zugenommen.“ Erst vor Kurzem kam es in Baden-Württemberg zu einer Attacke auf den Unparteiischen. Ein Spieler des A-Kreisligisten GFV Odyssia Esslingen hat den Schiedsrichter Levent Kabaoglu per Kopfnuss niedergestreckt. Kabaoglu leidet noch immer unter dem tätlichen Angriff, kann nicht richtig arbeiten, hat Sehstörungen. Der Spieler wurde vom Sportgericht bis zum Mai 2015 gesperrt und sein Ausschluss aus dem Landesverband ist beantragt. 

Auch Attacken im Jugendbereich

Doch wer denkt, dies sei lediglich im Erwachsenenbereich der Fall, der irrt. Leider. Immer wieder kommt es auch in den Ligen der jüngsten Fußballer zu Attacken beziehungsweise Pöbeleien in Richtung des Schiedsrichters.

Die Eltern sehen in ihren Kindern oftmals den kommenden Michael Ballack oder Mario Gomez, so sollen sie dann auch behandelt werden und wenn es am Ende doch nicht mit dem Tor oder dem Sieg klappt, ist ganz klar der Schuldige gefunden. Der Mann mit der Pfeife ist aber in den Jugendspielen oftmals ein Teenager, kann daher kaum auf die Erfahrungen eines älteren Kollegen oder gar Bundesligaschiedsrichters zurückblicken und die Angiftungen einfach abschütteln. Selbst den erfahrenen Leuten fällt dies schwer.

So ist es kaum verwunderlich, dass „vielen Nachwuchs-Schiedsrichtern aufgrund der Anfeindungen die Lust zu pfeifen vergeht“, wie Usein Goal.com erklärte: „Wir haben ein großes Nachwuchsproblem, immer weniger Jugendliche wollen Schiedsrichter werden.“ Der Umgang nicht nur in der Bundesliga, auch in den unteren Liga ist wenig beispielhaft für den Nachwuchs. 

„Druck wird immer größer“

Erst vor einigen Wochen musste ein Pokalspiel im Juniorenbereich im Kreisverband Leipzig unterbrochen werden, weil die Eltern lauthals aufeinander und auf den Unparteiischen losgingen. Wohlgemerkt war der Schiedsrichter ein Jugendlicher, auch die Spieler selbst waren Heranwachsende. Die Kinder werden all diesen Pöbeleien ausgesetzt und „es ist absurd, wenn einem 15-Jährigen von 20 Erwachsenen, die am Rand stehen, vorgeworfen wird, er sei schlecht und parteiisch. Das ist nicht gut für das Selbstbewusstsein dieser jungen Schiedsrichter. Der Druck wird immer größer, und so können sich dann tatsächlich Fehler einschleichen. Das ist menschlich.“

„Die leiden teilweise unter Wahnvorstellungen“

Es verwundert nicht, dass jugendliche Schiedsrichter immer wieder von einzelnen Attacken berichten und verängstigt ihren „Job“ antreten. Seien es kleinere Fehler im Spiel, wenn sie Fouls übersehen oder die Kinder ermahnen. Immer sind  die Unparteiischen schuld. Der Druck ist enorm, Spaß beim Fußball ist nicht immer dabei. Usein mahnte bei Goal.com: „Viele Leute wissen gar nicht, was sie bei den Schiedsrichtern anrichten. Einige ziehen die Entscheidungen der Schiedsrichter in Zweifel, obwohl sie nicht mal die Regeln kennen. Die leiden teilweise unter Wahnvorstellungen.“

Und weiter: „Ich habe mit Grauen und Schrecken wahrgenommen, welche Bedrohungspotenziale teilweise entstehen. Wir haben unsere Schiedsrichter angewiesen, in diesen Situationen die Kapitäne zu sich zu rufen und die Mannschaften für fünf Minuten in die Kabine zu schicken, damit sich alle bewusst werden, dass es hier um Fußball geht. Schiedsrichter sind kein Freiwild.“ 

„Man sollte darüber nachdenken, das Geld direkt vom Spieler zu fordern“

Der ehemalige Dachauer Schiedsrichter-Obmann Hans-Jürgen Schreier schlug im Deutschlandradio ein Umdenken in der individuellen Bestrafung vor: „Zum einen sollten die Strafen erhöht werden. Zum anderen habe ich den Vorschlag gemacht, die Geldstrafen vom Spieler selbst zu fordern. Bisher läuft das über die Vereinshaftung. Das heißt: Der Spieler bekommt drei Spiele Sperre, 50 Euro und 20 Euro Verfahrenskosten werden dem Verein abgebucht. Man sollte darüber nachdenken, das Geld direkt vom Spieler zu fordern, denn der eigene Geldbeutel ist wichtiger als der des Vereins. Dann würde ein Spieler vielleicht wieder überlegen.“ In einigen Vereinen wird der Spieler direkt mit den Verfahrungskosten belastet. Egal welchen Alters, welcher Herkunft oder sozialen Klasse er oder sie entstammt, somit sind sie noch direkter für das eigene Handeln verantwortlich, spüren es finanziell und werden zur Kasse gebeten.

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