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Luiz Felipe Scolari ist zum zweiten Mal Nationaltrainer Brasiliens und soll zusammen mit Carlos Alberto Parreira den sechsten WM-Titel sichern. Kein leichter Weg für das Duo.

Passo Fundo. Luiz Felipe Scolari und Carlos Alberto Parreira sind in der Verantwortung für die Heim-WM 2014 in Brasilien. Beide sollen die „Selecao“ zum sechsten Titel führen, doch es wird kein leichtes Unterfangen, wie auch Scolari selbst zugegeben hat.

Mano Menezes ist Geschichte, daneben auch seine Idee, sein Konzept von Fußball. Nach dem Turnier in Südafrika erwachte die Verbandsspitze aus einer Art Tiefschlaf und sah das Schrecken in Form der WM 2014 in heimischen Gefilden kommen. Sie sahen eine wacklige Zukunft, die getragen von Superstar Neymar auf den ersten Blick glorreich anmutete, doch auf den zweiten keineswegs goldig war.

Scolari und Parreira mit enormer Erfahrung

Die Verbandsspitze setzte rasch auf die Jugendarbeit, verbannte einige namhafte Spieler wie Kaka ins Abseits und wollte so unschlagbar werden. Das Aus bei der Copa America 2011 ließ die Spitze das erste Mal aufhorchen, doch zu diesem Zeitpunkt verpassten sie letzte Korrekturen. Nun zogen sie rund 18 Monat vor Anpfiff des Eröffnungsspiels die Notbremse und warfen Scolari und Parreira in den Ring.

Beide haben einen enormen Erfahrungsschatz vorzuweisen. Parreira führte die Selecao bereits dreimal, dabei 1994 zum vierten Titel und Scolari ist zum zweiten Mal im Amt. Sowohl der Weltmeistertrainer von 1994 als auch jener von 2002 haben zu dem einige nationale Erfolge auf ihrem Konto, mehrere Meistertitel und Pokalsiege zählen dazu. In Europa gelang Scolari vor allem durch seinen Erfolg mit Portugal 2004 und seiner Zeit beim FC Chelsea zu einiger Bekanntheit.

Die Erfolge beider Männer im Überblick

Luiz Felipe Scolari


Carlos Alberto Parreira
2 Nationale Meistertitel
2
4
(Copa do Brasil u. a. 1998 und 2012)
Nationale Pokalerfolge
1
3
(u. a. Copa Libertadores 1995, 1999)
Internationale Vereinserfolge
0
1
(Vize-Europameister 2004)
Titel mit Nationalmannschaften (ohne WM) 6
(u. a. Copa 2004, Confed Cup 2005)
2 WM-Teilnahmen 6
(Rekord)
1
(2002)
WM-Titel 1
(1994)

Auch 2002 nur wenig Zeit mit der „Selecao“

Doch all diese Erfolge sind nur zweitrangig, denn es geht um DEN Erfolg. Bereits bei Scolaris letzter Amtszeit hatte er nur wenig Zeit, konnte nicht viele Spieler testen oder beobachten. So werden die kommenden Freundschaftsspiele und der Konföderationenpokal zu elementaren Bestandteilen auf dem Weg zum geplanten WM-Erfolg. Gerade die Nominierungen für das Turnier im Juni 2013 werden daher mit Spannung erwartet, denn hier wird „wahrscheinlich ein sehr großer Anteil der Spieler ermittelt werden, die am Ende bei der WM dabei sein werden“, wie Scolari unlängst bei fifa.com erläuterte.

Kurzfristige Änderungen nicht ausgeschlossen

Das ist wohl auch eines der größten Argumente für den 64-Jährigen gewesen, er bewies bekanntlich bereits vor zehn Jahren, dass er mit Stars unter Druck innerhalb kürzester Zeit das Optimum heraus holen konnte, auch wenn er nicht viel Zeit mit der Mannschaft verbringen durfte: „Ich erinnere mich noch daran, dass ich vor der WM 2002 nie mit einer Dreierkette in der Abwehr gespielt habe, aber nach einer gewissen Zeit und als ich die Spieler besser kannte, fand ich es ganz entscheidend, das Team so aufzustellen. Heute habe ich also eine gewisse Vorstellung. Aber wenn dann alle Spieler da sind und ich versuche, diese Vorstellung in die Praxis umzusetzen, kann es durchaus sein, dass ich noch einige Dinge ändere, auch in taktischer Hinsicht“, so der neue Trainer im Gespräch mit fifa.com weiter. Doch vor zehn Jahren überzeugte die „Selecao“ in der Gruppenphase, strauchelte in den K.o.-Spielen und setzten der deutschen Nationalmannschaft im Finale mit dem tragischen Helden Oliver Kahn zu.

Ronaldinho: Sein letzte Einsatz für die Selecao ist vom 28.02.2012 datiert

Wird Ronaldinho wieder Stammkraft?

Menezes setzte auf ein sehr junges Team, welches kaum an internationaler Erfahrung verfügte. Scolari wird einen Mix aus älteren Spielern und jungen Talenten bevorzugen, also die bestehende Mannschaft an bestimmten Punkten austauschen und justieren. So ist es gut vorstellbar, dass Kaka wieder zu einer tragenden Rolle zurückfinden wird, außerdem ist es durchaus denkbar, dass Ronaldinho wieder eine tragende Säule in der Selecao wird. Seine Leistungen in der brasilianischen Serie A sprechen ganz klar für ihn. Der ehemalige Weltfußballer wurde in der abgelaufenen Saison zum besten Spieler des Jahres gewählt.

Mix ist wichtig

Die noch jungen beziehungsweise unerfahrenen Spieler, wie Oscar, Sandro, Rever oder Paulinho, um nur einige zu nennen, werden zu einem Teil den älteren, erfahrenen Kickern weichen müssen. Zwar gibt es für die richtige Mischung „keine festen Zahlen“. So kann es sein, dass nur „einer oder zwei oder aber auch fünf oder zehn erfahrene Akteure“ dabei sein werden. Wenn es den einen oder anderen Spieler gibt, „von dem ich meine, dass er der Selecao auch mit seiner Erfahrung helfen kann, dann werde ich ihn wahrscheinlich berufen. So bekommen wir einen Mix in der Selecao, sie besteht dann nicht nur aus jungen Spielern.“

Neymar ist der Star, muss aber nicht der Leader sein

Diese Worte sind ein Zeichen für die „alten“ Haudegen um Ronaldinho, Daniel Alves oder Thiago Silva. Diese Spieler können zu dem Kreis gehören, der die jungen Wilden zähmt und der Mannschaft die nötige Erfahrung für eine erfolgreiche Mission 2014 gibt. Bemerkenswert ist auch jene Äußerung des Trainers, wonach der umfeierte Neymar „im Hinblick auf seine Technik ein Idol sein kann, ohne dabei notwendigerweise eine Führungspersönlichkeit des Teams zu sein.“ In den letzten Monaten sollte er aber immer genau diese Verantwortung übernehmen, egal, ob von Menezes wirklich so gewollt, von den heimischen Medien war es so gefordert. Doch in seinem wichtigsten Spiel, dem Olympiafinale, war er nicht jener Leader, der er sein sollte, aber vielleicht (noch) nicht sein kann. Scolari nimmt ihm diese Bürde von den Schultern, womit das junge Talent freier und dadurch noch besser spielen kann als bisher.

Aber nicht nur Scolari, auch Parreira ist Befürworter des jungen Stürmers. Der neue technische Direktor erklärte im August: „Neymar ist außergewöhnlich. Er macht das Team zu einem der vielleicht besten, das wir in den vergangenen Jahren hatten.“ Er verleiht dem Team das gewisse Etwas, ist sicher auf ähnlichen Spuren wie einst Pele, aber noch fehlen ihm einige Erfolge und Erfahrungen, um an O Rei heranzukommen.

Zagallo kein Befürworter des Doppelgespanns

Mario Zagallo

Spielerisch wird die kommende Zeit spannend zu beobachten sein. Sowohl mit Scolari, der erst kurz vor dem WM-Turnier 2002 seine endgültige taktische Formation fand, als auch Parreira, der als Trainer die in Brasilien als beste je dagewesene Weltmeisterelf zum Titel führte, sind zwei Männer in der Verantwortung, die mit einer taktischen Mannschaftsleistung überraschen, aber auch beeindrucken können. Vergleichbar mit der EM-Elf 1972 in Deutschland, ist die WM-Elf von 1994 spielerisch und taktisch unerreicht. Man erinnere sich nur an das defensive 4-4-2 mit den beiden überragenden Bebeto und Romario in der Offensive und einem Kapitän Dunga, der in Spieleröffnung glänzte. Auch wenn Scolari am Ende das letzte Wort haben wird, werden sich beide eng verabreden und die Mannschaft prägen.

Für das Ziel Titel Nummer sechs werden sie als Duo von der Mehrzahl der 192 Millionen Nationaltrainer Brasiliens als perfekt empfunden. Einer der bekanntesten Kritiker ist aber nicht ganz ohne. Galionsfigur Mario Zagallo, selbst als Trainer oder Sportdirektor an vier der fünf WM-Titel beteiligt, sagte vor Journalisten: „Es war für mich nicht der richtige Zeitpunkt.” Ob es der richtige Schritt war, lässt sich spätestens am 13. Juli gegen 23 Uhr sagen.

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