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Am Mittwochabend saß er mit Kumpel Marco Reus dick eingepackt im BORUSSIA-PARK und beobachtete seine alten Kollegen. Aber wie sehr fehlt Neustädter der Borussia eigentlich?

Mönchengladbach. Das letzte Heimspiel der Saison 2011/2012 lieferte den Anhängern von Borussia Mönchengladbach einen bewegenden Augenblick. An diesem 28. April sorgte allerdings weniger das torlose Remis gegen den FC Augsburg für den emotionalen Moment, sondern vielmehr die Verabschiedung der Leistungsträger Dante, Marco Reus und Roman Neustädter. Der Beifall für den oft unterschätzen Sechser fiel dabei eher verhalten aus, doch der 24-Jährige beackerte im Anschluss noch einmal 90 Minuten die defensive Zentrale und stellte einmal mehr seinen Stellenwert für die Fohlenelf unter Beweis. Nun schnürt Neustädter seine Fußballschuhe für den FC Schalke 04, hat inzwischen sogar sein Debüt für die deutsche Nationalmannschaft gegeben und trifft am Samstagnachmittag auf seine alten Kollegen. In Gladbach scheint er an allen Ecken und Enden zu fehlen.

Nach Startschwierigkeiten – Muster an Verlässlichkeit

Vor der Partie gegen Augsburg sparte damals selbst Gästetrainer Jos Luhukay nicht mit respektvollem Applaus. Vielleicht hätte sich der Trainer während seiner Amtszeit bei Borussia Mönchengladbach einen solch dynamischen Abräumer gewünscht. Gerade als er nach Gladbachs direktem Wiederaufstieg 2008 von der zuvor in Stein gemeißelten Mittelfeldraute auf eine Doppelsechs umstellte, was jedoch mit dem damaligen Personal nur leidlich gelang und nach einer Derbypleite gegen Köln am siebten Spieltag folgerichtig zu Luhukays Demission führte.

Doch Roman Neustädter kam erst später ablösefrei vom FSV Mainz 05, absolvierte dann im August 2009 zwei Kurzeinsätze in der Bundesliga, um anschließend in den Niederungen der Regionalliga West zu verschwinden. Es dauerte bis zum Dezember des nächsten Jahres, als der damalige Trainer Michael Frontzeck Neustädter wiederentdeckte und ihn für den abwanderunsgwilligen Michael Bradley in den Abstiegskampf warf. Seitdem war der gebürtige Ukrainer ein Muster an Verlässlichkeit und auch unter Lucien Favre nicht mehr aus der Fohlenelf wegzudenken.

Spitzenspiel gegen Bayern München: Neustädter vor „Sechser-Kollege“ Luiz Gustavo am Ball

Neustädter – der defensive Stabilisator

Im Gegensatz zum Trainer blieb Neustädters Wert für die Mannschaft vielen Anhängern verborgen. Im Trikot der Fohlenelf wirkten seine Auftritte häufig unspektakulär, waren geprägt durch Sicherheitspässe, durchschnittliche Spieleröffnungen und lediglich zwei Torbeteiligungen in insgesamt zweieinhalb Jahren. Allerdings betrieb er sein Spiel auch mit ungeheurem läuferischen Aufwand, enormer Zweikampfstärke und taktischer Disziplin. Mehr noch: Neustädter war der Taktgeber einer Defensive, die in der letzten Spielzeit lediglich 24 Gegentore zugelassen hat.

Kann Xhaka die Lücke füllen?

Hier liegen ganz offenkundig die aktuellen Probleme bei Borussia Mönchengladbach – in der defensiven Ordnung. Roman Neustädter hat ohne Zweifel eine große Lücke hinterlassen, die bislang kein Fohlen zu schließen vermochte. Auch nicht der dafür vorgesehene 8,5-Millionen-Neuzugang Granit Xhaka. Ohne Frage ist der Schweizer mit einem ordentlichen Potenzial ausgestattet und hat alle Anlagen, um seinen Platz in der Fohlenelf zukünftig zu finden. Doch mitunter steht sich der 20-Jährige dabei selbst im Wege und dem neutralen Betrachter stellte sich bereits vor Xhakas letztem Startelfeinsatz am achten Spieltag die Frage, ob dieser für den Neustädter-Part geeignet sei.

Xhaka stand als einer der Leistungsträger des FC Basel in der Champions League gegen Real Madrid und den FC Bayern München auf dem Platz und wurde nach herausragenden Leistungen zurecht von vielen großen Klubs aus ganz Europa gejagt. Allerdings bietet die Schweizer Super League ein anderes Niveau als die Bundesliga und die Königsklasse stellt ein besonderes Highlight dar, für das man sich im besonderen Maße motivieren kann. Die Bundesliga ist anders. Angetreten mit großen Ambitionen rückte sich der Youngster selbst in den Fokus, sprach von hehren Zielen, scheute keine Kamera und vergaß dabei, dass die wöchentliche Tretmühle der höchsten deutschen Spielklasse eine für ihn bisher nicht gekannte Herausforderung darstellen würde.

Vom Hoffnungsträger zum Bankdrücker: Granit Xhaka

Das kann passieren, nicht jeder talentierte Spieler schafft den Sprung in eine höhere Liga auf Anhieb. Darüber hinaus steht ihm aber auch Lucien Favres unbedingter will im Wege, die Erfolgstaktik aus der letzten Saison beizubehalten. Was mit einem Ersatz für Reus nicht klappte, funktioniert auch nicht mit einem Vertreter für Neustädter. Granit Xhaka ist ganz einfach ein anderer Spielertyp, der seine zentrale Mittelfeldrolle viel offensiver interpretiert und sich dabei bisweilen bei der anhängigen Defensivarbeit verzettelt.

Wiederentdeckter Marx

Für den Schweizer sind die Fußstapfen also zumindest noch zu groß, weshalb die Frage nach einem Partner für Havard Nordtveit auf der Doppelsechs jedoch nicht offenbleibt. Nach diversen Experimenten entschied sich Favre schließlich für Thorben Marx, den der Großteil der Gladbacher Anhängerschaft jedoch als eher hausbackene Lösung empfindet. Der 31-Jährige feierte nach einem Jahr als „Bankangestellter“ am siebten Spieltag überraschend sein Comeback in der Startformation und verleiht der wackligen Defensive der Fohlen seitdem zusehends mehr Sicherheit. Dabei ist er zwar einer der wenigen Mittelfeldspieler, der es mal mit einem Abschluss aus der zweiten Reihe versucht, strahlte dabei jedoch eigentlich keine Torgefahr aus. Nach hinten arbeitet er solide und organisiert, ohne dabei an die Effizienz und die Kompromisslosigkeit Neustädters heranzureichen. Kurzum: Auch Marx füllt die Lücke nicht komplett.

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Allerdings genießt der gebürtige Berliner nun seit acht Spieltagen das Vertrauen seines Trainers, der ungern seine Stammformation ändert. Favre experimentiert lediglich im kleinen Rahmen, weshalb vornehmlich Xhaka und Marx um die vakante Position streiten. Tolga Cigerci mangelt es an Erfahrung und er interpretiert die Rolle zu offensiv. Alexander Ring, der zunächst auch als Alternative für die Sechs galt, entpuppte sich inzwischen als der bessere Flügelspieler. Mit der letzten verbliebenen Alternative, dem gelernten Sechser Tony Jantschke, wird es der Coach schon in Ermanglung eines Ersatzes für den etatmäßigen Rechtsverteidiger nicht wagen. Am Ende bleibt also eine Lücke - die Neustädter-Lücke.

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