thumbnail Hallo,

Das Remis gegen ManCity hat gezeigt, dass der Spanier Solidität mehr schätzt als sein offensiv geprägter Vorgänger. Torres, Hazard, Mata und Oscar müssen ihre Instinkte zügeln.

TAKTISCHE ANALYSE
Von Jonathan Wilson

In England heißt es, dass sich Roman Abramovich in den Fußball verliebte, als er in der Champions League 2002/03 das mitreißende Match zwischen Manchester United und Real Madrid (4:3) verfolgte. Der Boss des FC Chelsea soll zudem ein glühender Anhänger der Spielweise des FC Barcelona sein und Pep Guardiola gilt als sein Lieblingstrainer.

Angeblich will Abramovich seine „Blues“ nach dem Vorbild Barcas umbauen und für einen Mann mit seinen Ressourcen ist das sicher ein löblicher Ansatz: Warum sollte man nicht jenem Klub nacheifern, der den europäischen Fußball in den letzten fünf Jahren geprägt hat?

Allerdings fehlt es Abramovich bei all seinem Reichtum an einer entscheidenden Eigenschaft: Geduld.

Barcelona wurde nicht zu dem Team das es nun ist, indem ein Trainer installiert wurde und er sechs Monate Zeit bekam. Tito Vilanovas Mannschaft ist vielmehr das Resultat einer konstanten Philosophie, die von Vic Buckingham und später Rinus Michels auf den Weg gebracht und in der La-Masia-Akademie ab 1979 propagiert wurde. Aufgefrischt von Louis van Gaal in den späten 1990ern, weiterentwickelt und neu interpretiert unter Frank Rijkaard und Pep Guardiola.

Es ist das bemerkenswerte Resultat der Fusion von niederländischen und lokalen Philosophien und vier Dekaden Evolution.

Abramovich hat massiv in seine Jugendakademie investiert. Doch jeder Trainer (neun in neun Jahren, von denen nur zwei länger als eine Saison bleiben durften) steht unter solchem Druck, dass er sich nicht traut, auf die Jugend zu setzen. Der letzte Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, der es bis in die Stammelf schaffte, war John Terry. Er debütierte 1998.

Das ständige Wechseln des Trainers verhindert natürlich, dass Etablieren einer Philosophie. In der vergangenen Spielzeit scheiterte zum Beispiel Andre Villas-Boas vermutlich, weil er zu schnell zu viel ändern wollte. Ein schnelles Kurzpassspiel schwebte ihm vor. Die Spieler sträubten sich dagegen (was zu einem Teil sicher auch Schuld des Portugiesen war, Diplomatie ist keine seiner Stärken). Ein Problem war, dass die Verteidiger, die ihm zur Verfügung standen, nicht zu seiner favorisierten, hoch stehenden Abseitslinie passten.

Es kam Roberto Di Matteo und er kehrte zur alten Marschroute zurück. Irgendwie brachte das den Titel in der Champions League, doch in dieser Saison hatte der Italiener die Aufgabe, einen attraktieren Spielstil zu kreieren. Das Zusammenspiel der Künstler Eden hazard, Juan Mata und Oscar war zeitweise überragend. Doch Hazards Vorliebe, auf der linken Seite locker auszutrudeln bedeutete, dass Chelseas Linksverteidiger ein ums andere Mal in große Probleme geriet.

Arsenal, Atletico Madrid, Shachtjor und Reading, sie alle bereiteten Chelsea über diese Seite Probleme. Juventus' Flügelflitzer Stephan Lichtsteiner zerstörte Chelsea gleich doppelt und das sorgte schließlich dafür, dass Di Matteo seinen Job verlor. Abramovich vollführte eine Rolle rückwärts und mit der Interimslösung Rafael Benitez hält wieder ein vorsichtigerer Stil an der „Stamford Bridge“ Einzug. Abramovich ist nun eine Dekade bei Chelsea in Amt und Würden, doch sein Projekt wirkt mehr denn je wie eine Aneinanderreihung von kurzfristigen Lösungen.
DAS STOPFEN DER LÖCHER
Das Angriffs-Quartett musste sich viel öfter fallen lassen und der Defensive helfen, als unter Di Matteo

Di Matteo bekam den Angriff hin, nicht aber die Abwehr. Am Sonntag funktionierte unter Benitez die Defensive, dafür strahlte die Offensive keine Gefahr aus. Chelsea behielt erstmals seit elf Spielen eine weiße Weste, blieb allerdings auch zum ersten Mal in dieser Saison daheim ohne Treffer. Er vertraute weiterhin auf Di Matteos 4-2-3-1, das er auch in Valencia und Liverpool erfolgreich hatte spielen lassen. Doch er nahm kleine Veränderungen vor.

Benitez ist ein wilder Gestikulierer an der Seitenlinie. Seine Anweisungen gingen gegen City stets in zwei Richtungen: Zunächst sollte sein Team kompakt bleiben. Fernando Torres ließ sich beim gegernischen ballbesitz zurückfallen und störte an der Seite des zentralen offensiven Mittelfeldspielers. Außerdem wies er die Flügelspieler an, konsequent die gegnerischen Außenverteidiger unter Druck zu setzen.

Es war abzusehen, dass er schließlich Hazard und Oscar tauschte. Denn der fleißige Brasilianer war geeigneter, Pablo Zabaletas Vorstöße zu unterbinden. Zabaleta gelang in der zweiten Hälfte deutlich weniger nach vorn, diese Maßnahme war also erfolgreich.

Die beiden zentralen Mittelfeldspieler, John Obi Mikel und Ramires, agierten außerdem viel konservativer als zuvor. Im Wesentlichen positionierten sie sich kurz vor den beiden Innenverteidigern. Das führte zu mehr langen Bällen in die Spitze. Benitez brachte später Oriol Romeu, für den Spanier war es der vierte Saisoneinsatz und möglicherweise ein Zeichen, dass Benitez auf dieser Position einen Passer gegenüber einem Läufer (Ramires) bevorzugt. So war es einst auch mit Xabi Alonso in Liverpool.

Im Grunde war Benitez' Aufstellung eine der Marke „auf Nummer sicher“ und das ich auch nachvollziehbar. Er ist bei Chelseas Fans nicht beliebt und eine Niederlage zum Auftakt hätte eine Annäherung noch schwieriger gemacht.

Gelingt es ihm, das Gleichgewicht zu finden, dass Di Matteo aus den Augen verlor, gibt es keinen Grund aus dem er nicht erfolgreich sein sollte. Chelsea rangiert nur fünf Punkte hinter Tabellenführer Manchester United. Ob das allerdings Chelsea näher an das Ziel bringt, das Barcelona West-Londons zu werden, ist indes ein anderes Thema.

Folge Jonathan Wilson auf

EURE MEINUNG: Wird Rafael Benitez mit Chelsea erfolgreich sein?

Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal.com auf
oder werde Fan von Goal.com auf !

Dazugehörig