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Dossier: Wie Argentinien endlich Barcelonas Messi-Code knackte

Mit einem Tor gegen Saudi-Arabien würde Messi einen Rekord von Gabriel Batistuta übertreffen, und das taktische Umdenken seines Trainers entlastet den Star weiter.

TAKTISCHE ANALYSE
Von Daniel Edwards

Das Ereignis in Santa Fe wird argentinischen Fans auf der ganzen Welt wohl nicht mehr aus den Köpfen gehen. Gastgeber Argentinien flog gegen den erbitterten Rivalen aus Uruguay im Viertelfinale der Copa America aus dem Wettbewerb, als man nach einem uninspirierten 1:1-Remis im Elfmeterschießen die Segel streichen musste. Bezüglich Lionel Messi zeichneten sich wieder einmal einige Fragezeichen über den Köpfen seiner Kritiker ab. Einmal mehr Champions-League-Sieger mit Barcelona und auf dem Weg den Ballon D´Or zum dritten Mal zu gewinnen, konnte man dem kleinen Genie nicht einmal eine schlechte Leistung während der Copa nachsagen, allerdings traf er vor Argentiniens Turnier-Aus nicht ein einziges Mal ins Netz.

ARGENTINIEN VS. URUGUAY, 2011
KEINE RÄUME: Batistas starres System lässt Messi und Higuain vorne zu oft isoliert, während Aguero mal in der Startelf stand und mal wieder nicht.

Nur 15 Monate später hätte sich Messis Schicksal im Nationaltrikot nicht drastischer ändern können. Nachdem Alejandro Sabella auf Sergio Batista als argentinischer Nationaltrainer folgte, ernannte er „La Pulga“ gleich in seinem ersten Spiel zum neuen Kapitän. Messi dankte es ihm mit seiner besten Saison für die Albiceleste überhaupt, womit er auch in seiner Heimat die Zweifel zerstreute, dass er seine hervorragenden Leistungen aus Barcelona nicht auch für sein Land wiederholen könne.

Während das Kapitänsamt und der bedingungslose Rückhalt seines ehemaligen Estudiantes-Trainers enorm wichtig für Leos Entwicklung waren, könnte man den wahren Grund für seine unglaubliche Renaissance bei der Seleccion auch in nüchternere Worte kleiden. Messi wird in Argentinien als Supermann gesehen, als einer, der den Gegner allein demontieren kann; doch der bescheidene 25-Jährige wäre selbst einer der Ersten, der anerkennen würde, dass es die Spieler um ihn herum sind, die ihm im letzten Jahr geholfen haben, neue Höhen zu erreichen.

Die Systemänderung wurde geschickt ausgetüftelt. Batistas Versuch, den FC Barcelona mit einer rigiden Aufstellung zu kopieren und dabei Gonzalo Higuain als einzige Sturmspitze agieren zu lassen, wurde überholt. Stattdessen setzte Sabella auf drei Angreifer und ließ Messi dabei in einer etwas vorgezogenen Rolle neben Gonzalo Higuain und Sergio Aguero auflaufen. „Pipitas“ enorme Torausbeute ist kein Geheimnis, aber gerade die Einbeziehung von Maradonas Schwiegersohn ist ein Schlüssel zu Messis und Argentiniens Wiedergeburt.

Ein angesehener argentinischer Journalist verglich das Verhältnis der beiden Stars mit der Zusammenarbeit zwischen Scottie Pippen und Michael Jordan. Manchester Citys Aguero konnte zuvor unter Batista als Ersatzmann von Ezequil Lavezzi und Carlos Tevez nichts bewirken, wurde aber durch die kontinuierlichen Einsätze unter Sabella nun wachgeküsst. „El Kun“ nimmt den „kreativen“ Druck von Messis Schultern, lässt sich tief ins Mittelfeld fallen, kombiniert dabei so hervorragend mit seinem Sturmpartner und garantiert damit, dass auch ein Torerfolg herausspringt, wenn der Barca-Star den Ball letztlich erhält.

ARGENTINIEN VS. URUGUAY, 2012
DER WIEDERGEBORENE: An der Seite zweier weiterer Stürmer und eines nachrückenden di Maria hat Messi viel Unterstützung und viele Optionen im letzten Drittel des Spielfeldes.

Ein perfektes Beispiel lieferte Messis erstes Tor bei der 3:0-Demontage von Uruguay im Oktober. Der Messi von 2011 wäre von seinen Mannschaftskameraden isoliert gewesen und hätte es im Alleingang versuchen müssen, doch nun hatte er Aguero an seiner Seite. „Kun“ hatte zwar die Möglichkeit, den Ball selbst zu nehmen, als sein Mannschaftskamerad weiter nach vorne lief, doch er überließ ihn di Maria, der den perfekten Pass auf seinen Kapitän spielte, der wiederum die Albiceleste unnachahmlich in Führung brachte.

Die kühne Einbeziehung di Marias in ein Drei-Mann-Mittelfeld sorgte ebenfalls für Diskussionen, gerade weil dem Real-Spieler dabei gleich eine Schlüsselrolle in der neu formierten argentinischen Nationalelf zukam. Vor allem als Offensiv-Option bei schnellen Angriffen der Mannschaft agiert Angel als vierter Stürmer auf der linken Seite und wird dabei von Fernando Gago und Javier Mascherano defensiv vorbildlich abgesichert. Das Sturmtrio hat die Freiheit, sich auf dem gesamten Spielfeld frei zu bewegen, so auch „Pipita, der in Sabellas System gerne auf rechts ausweicht und dann mit einem Treffer, wie gegen Chile einen für den Gegner verheerenden Effekt erzielen kann. Di Maria kommt indes eine starrere Rolle zu. Er soll es darauf anlegen, seinen Verteidiger herauszuziehen, um somit Räume hinter der Abwehrlinie zu schaffen.

Es ist dieser rücksichtslose Spielstil, der Argentiniens Defensive gelegentlich entblößt und dazu führt, dass die Abwehr weiterhin die Achillesferse der Mannschaft bleibt. Doch nach sieben von acht möglichen Siegen 2012, inklusive vier erfolgreicher WM-Qualifikationsspiele, die das Team an die Tabellenspitze der Südamerika-Gruppe katapultierte, bleiben den Kritikern die Argumente aus.

Ein toller Effekt ergibt sich auch für den Kapitän und das Idol der Albiceleste. Messi hat dieses Jahr zwölf Mal getroffen und damit den Rekord von Gabriel Batistuta eingestellt, dem dieses Kunststück 1998 ebenfalls gelang. Somit fehlt ihm beim letzten Auftritt des Jahres gegen Saudi-Arabien lediglich ein Tor, um „Batigol“ zu überflügeln. Und mit Messis unglaublicher Form sowie seinen talentierten Mitspielern, sollte es ein Leichtes sein, einen weiteren Eintrag in die Rekordbücher zu erlangen.

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