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Der chilenische Offensivspieler konnte sich seit seinem Wechsel bisher nicht voll entfalten, das liegt vor allem am Spielsystem und einem starken Lionel Messi.

TAKTISCHE ANALYSE
Von Ben Hayward

Im Training nimmt Alexis Sanchez schon mal den Ball mit der Innenseite hoch, balanciert ihn mit Fuß, Knie, Brust und seinem Kopf mit einer unheimlichen Brillanz über eine Minute lang und liegt dabei noch auf dem Rücken. Nachdem er einmal fertig gezaubert hatte, kam sein Teamkollege Andres Iniesta und gab ihm einen klugen Ratschlag: „Denk dran, Alexis, beim FC Barcelona sind die besten Spieler jene, die den Ball abgeben.“

WELCHE ROLLE ALEXIS BEI UDINESE HATTE
MEHR RAUM VOR SICH: Sanchez hatte in der Serie A weitaus mehr Platz als bei Barca
Sanchez war neu bei den Katalanen, doch fand schnell heraus, dass das Leben anders werden würde. In den ersten Tagen redete der Chilene wenig und blieb für sich. Lionel Messi fragte sogar seinen Agenten, wie er dem Neuzugang beim Einleben helfen könne. Ein Jahr später sucht der ehemalige Udinese-Spieler noch immer seinen Weg in Barcelonas Spiel - aber nicht wegen seiner anfänglichen Schüchternheit.

Als er bei Barcelona ankam, sagte Pep Guardiola, der Chilene könne sowohl auf beiden Seiten als auch im Zentrum spielen. Heute agiert er vor allem auf der rechten Seite der Katalanen und dies mit wechselnden Erfolgen. Beobachter in seinem Heimatland erklären seine solide, aber nicht überragende Arbeit mit seinem Alter, seinen Verletzungen und führen auch den wichtigen Ausgleichstreffer im Dezember 2011 in Madrid (3:1-Sieg für Barca) an.

In Spanien glaubt man an Alexis, hofft noch auf viel mehr. Ein Teil des Problems ist das Spielsystem im Camp Nou. Es beraubt den Chilenen. Die Katalanen spielen sehr stark auf Ballbesitz und selbst die Abwehr beginnt früh zu attackieren, was bedeutet, dass die Offensivlinie viel höher steht als in anderen Klubs. Hier kann Sanchez mit seinem schnellen und explosiven Spiel nicht punkten, was ihn noch bei Udinese so auszeichnete.

In der Serie A, wie Kris Voakes, Italien-Experte von Goal.com erklärt, „schnappte Sanchez sich den Ball in der Tiefe, ohne aber große Defensivaufgaben zu haben“. Er lief meist hinter die Abwehrreihen und brachte Antonio Di Natale, Antonio Flores oder German Denis ins Spiel.

„Sanchez hatte den Raum, hinter die Abwehr zu laufen. Er hatte nie eine herausragende Spielstatistik, doch machte dies mit einer guten Anzahl an Tore wett“, so Kris Voakes weiter.

BARCELONA V GRANADA: 22/09/2012
WEITER VORNE: Alexis hat weniger Raum vor sich und kann daher nicht seine Schnelligkeit ausspielen
In Barcelona traf er immerhin 15-mal in der Spielzeit 2011/12, doch zu oft schaffte er es nicht, sich zu zeigen. Er verlor die Beherrschung, war frustriert und fand so keine Bindung zum Spiel. Außerdem fiel er dabei auf, es zu sehr zu wollen, ja manchmal ist er zu sehr Individualist in dem Team.

In dieser Saison hat Barca eine direktere Methode. Besonders in den Auswärtspartien reduziert das Team die Anzahl der Pässe und versucht mit Spielern, die die Räume ausweiten, den Gegner im letzten Drittel des Feldes weit auseinander zu ziehen. Eigentlich die perfekten Bedingungen für Sanchez.

Dies hat im Spiel gegen Benfica gut funktioniert, als Sanchez den Raum im Sturm besetzte und sich so in aussichtsreiche Situationen spielen konnte. Der Chilene war der herausragende Akteur des Abends, erzielte die 1:0-Führung. Leider hat er bisher noch keine vergleichbare Leistung gezeigt.

Beleg seiner zurückhaltenden Art ist es, dass Sanchez seine erste Pressekonferenz als Barca-Spieler erst Ende September gab. Zu den Reportern sagte er seinerzeit, es würde noch viel mehr von ihm kommen und er würde sich selbst nur eine Fünf von Zehn geben. Sein Trainer versuchte später seinen Spieler wieder aufzubauen, sagte, der Stürmer habe schon gut gespielt, musste aber auch zugeben, dass „Alexis ein Tor braucht“.

Sanchez kann das Feld sehr gut kreuzen, super abschließen, braucht dazu aber die Räume. Das ist auch der Grund, warum er eigentlich bei Real Madrid und Mourinhos schnellen Kontern besser aufgehoben wäre, als bei den auf Ballbesitz spielenden Katalanen.

Mit Dani Alves hatte der Chilene zuletzt einen zusätzlichen Mann hinter sich, der aber mehr als Außenspieler fungiert, denn als zentraler Spieler, wie es Isla bei Udinese tat, so hat es Sanchez noch nicht geschafft erfolgreich mit dem Brasilianer zusammenzuwirken.

Mit Chile überzeugte er vor allem in der Qualifikation zur WM 2010 als rechter Stürmer in einem 3-1-3-3-System.

Auch hier wird viel auf Ballbesitz gespielt, doch hier steht er nicht mit dem Rücken zum Tor, wie es bei Barcelona oft der Fall ist. Das ist aber der Grund, warum nur wenige Mannschaften so auf Ballkontrolle spielen können wie die Katalanen.

Zudem kann er nicht so gut mit Messi zusammenspielen, wie er es mit Humberto Suazo macht. Cesc Fabregas scheint Messi und sein Spiel blind zu verstehen, Sanchez kann es noch nicht. Er kam jedoch auch nicht über La Masia in das erste Team, von daher braucht er Zeit, sich an die Mitspieler zu gewöhnen. Doch der Chilene bräuchte einen Fixpunkt, einen zentralen Stürmer, in dessen Schatten er arbeiten könnte. So einen gibt es bei Barcelona nicht. Sein Spiel ist aufopferungsvoll - er versucht Räume zu schaffen, in der der Argentinier vorstoßen und explodieren kann. Es ist eine selbstlose Rolle, die er ohne sich zu beschweren ausfüllt.

Alexis ist kein Fehleinkauf, jedoch seine selbstkritische Betrachtung zeichnet ein Bild seiner Frustration in Barcelona. Mit Vilanova hätte er eigentlich mehr in die Mannschaft finden müssen, gerade in den Auswärtsspielen. Doch vielleicht verlangt das System im Camp Nou eine Spielweise, in der wir nie den echten Alexis Sanchez sehen werden. Es wäre wirklich eine Schande.

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