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Es verrückt zu nennen, wäre wohl noch untertrieben. 4:0 führte die DFB-Elf schon gegen Schweden, dann brach sie völlig ein - und am Ende steht ein 4:4.
Berlin. Joachim Löw war restlos bedient. Der Bundestrainer konnte nicht glauben, was da auf dem Platz geschah. Mit 4:0 hatte die deutsche Nationalmannschaft gegen Schweden schon geführt, eine knappe Stunde war da gespielt, als seine Elf komplett einbrach und das Spiel noch aus der Hand gab. Endstand: 4:4. 72.369 Zuschauer trauten ihren Augen nicht. So etwas hat es in der Geschichte des deutschen Fußballs noch nicht gegeben.Keine Erklärung
„Ganz ehrlich, kurz nach dem Spiel finde ich keine Erklärung. Einen 4:0-Vorsprung aus der Hand zu geben, ist normalerweise nicht möglich“, sagte Joachim Löw, der spätestens nach dem 2:4 nicht mehr auf der Trainerbank zu halten war. Mikael Lustig hatte gerade getroffen, da sprang Löw, wild rudernd mit seinen Armen, von der Bank auf, um sich bei seinen Spielern Gehör zu verschaffen und sie aufzuwecken. Doch es half nichts. Niemand hörte seine Warnungen, das Unheil nahm seinen Lauf.
Toller Start
„In der Kabine herrscht Totenstille. Alle liegen auf den Bänken oder der Massagebank und sind total sprachlos. 60 Minuten waren absolut hervorragend, wir haben alles im Griff gehabt. Dass wir uns so aus dem Rhythmus bringen lassen, habe ich nicht erwartet“, sagte Löw. Die erste Hälfte war das vielleicht Beste, was die deutsche Nationalmannschaft seit langem gezeigt hat. Einsatz, Willen, tolle Kombinationen – alles stimmte. Schon nach zwei Minuten hatte Thomas Müller mit einem Pfostenschuss ein Warnsignal an die Schweden gesandt.
Reus bereitet doppelt vor
Weitere sechs Minuten später stand es dann 1:0. Marco Reus legte schön auf Miroslav Klose zurück, der mühelos einschieben konnte. Überhaupt wieder dieser Reus, der eine famose erste Hälfte spielte und zum Dreh- und Angelpunkt des deutschen Offensivspiels wurde. Das 2:0, wieder durch Klose, bereitete der Dortmunder erneut vor. Die Schweden waren zu diesem Zeitpunkt völlig abgemeldet. Ohne Ideen im Spiel nach vorne und mit einigen Schwächen in der Abwehr.

4:0 - und dann?
Die Deutschen wussten diese Unzulänglichkeiten perfekt auszunutzen. Kurz vor der Pause erzielte Per Mertesacker das 3:0. Die Partie war praktisch gelaufen. Nachdem die DFB-Elf die zweite Hälfte etwas gemächlicher angegangen war, und Bastian Schweinsteiger mit einem Weitschuss noch gescheitert war, erhöhte Mesut Özil, der nun in vier Länderspielen in Folge getroffen hat, noch auf 4:0. Der Jubel war groß, doch mit diesem letzten Tor endete die Konzentration der deutschen Mannschaft. Warum? Das versuchten einige der Beteiligten später zu erklären.
Zu wenig gemacht
„Ich weiß nicht, wie so etwas passieren kann“, sagte Toni Kroos. „Wir müssen in der Lage sein, nach dem 1:4 oder 2:4 Sicherheit in unser Spiel zu kriegen. Doch die Unsicherheit wurde stattdessen immer größer.“ Bastian Schweinsteiger wurde noch etwas deutlicher in seiner Spielanalyse. „Ich hatte das Gefühl, dass jeder vielleicht ein bisschen weniger gemacht hat, dann passiert so etwas“, sagte er, um gleich anzufügen: „Das darf nicht sein, dass wir noch Remis spielen. Man muss weiter Fußball spielen und auch nach einem 4:0 hellwach sein.“

Ibrahimovic läutet Aufholjagd ein
Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff erklärte, dass „man knallhart die Fehler ansprechen muss“ und „nicht zur Tagesordnung übergehen darf“. Unerklärliche Nachlässigkeiten schlichen sich nach dem 4:0 in das deutsche Spiel, eine Organisation in der Defensive gab es nicht mehr. Zlatan Ibrahimovic traf nach 62 Minuten zum 1:4, zwei Minuten später war Lustig zur Stelle. Lustig hätte weitere zwei Minuten später sogar auf 3:4 verkürzen können, verpasste jedoch knapp. Nun waren es die Deutschen, die völlig ideenlos wirkten. Eine Viertelstunde vor Schluss war es Johan Elmander, der den nächsten Treffer der Schweden erzielte.
Große Enttäuschung
„Wir sind alle sehr enttäuscht. Wenn man so souverän spielt, darf man nicht so zurückfallen. Unmöglich, dass Schweden nochmal zurückkommt“, sagte Per Mertesacker. „Aber wenn jeder ein bisschen weniger macht, reicht es eben nicht.“ In der Nachspielzeit traf Rasmus Elm zum 4:4. Dass Ibrahimovic zuvor Per Mertesacker im Luftduell nicht ganz fair angegangen hatte, spielte da keine große Rolle mehr. Viel zu groß war der Schock, das Spiel wirklich noch aus der Hand gegeben zu haben. Deutschland hat nun aus vier WM-Qualifikationsspielen zehn Punkte geholt und bleibt Tabellenerster. Dazu ist man seit nunmehr 14 Qualifikationsspielen ohne Niederlage.
„Wir sind jetzt wahnsinnig enttäuscht, aber auch das wird uns nicht aus der Bahn werfen. Das ist vielleicht ein Spiel, wo man für alle Zeiten etwas lernen kann“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Man wird sehen.
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