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Die Bürde der Favoritenstellung, die sie nie wirklich annehmen kann, ist das zentrale Problem der Halbmond-Nation. Kommts diesmal anders? Nimmt Türkiye den Kampf an?

Istanbul. Auf die Türkei warten zwei schwere Duelle in der WM-Qualifikationsgruppe D. Erste Hürde wird am Freitag Rumänien sein, das Land gegen das die Türken bis dato die meisten Partien bestritt - allerdings mit negativer Bilanz. Anschließend wartet mit Ungarn ein Gegner, der nicht zu unterschätzen ist.

Favoritenrolle als ewiger Stolperstein?

Es ist allseits bekannt, dass die Türkei sehr ansprechende Leistungen gegen vermeintlich stärkere Konkurrenten zeigt. Noch bekannter ist jedoch der Umstand, dass man in der favorisierten Rolle gegen potenziell schwächere Gegner stets seine Probleme hat. So kam es oft, dass gerade gegen die Teams, gegen die man die Punkte sicher haben sollte, besagte Zähler verlässlich liegen gelassen wurden. Doch das war in der Vergangenheit. Sieht es in der Gegenwart anders aus und hat sich etwas an dieser unfreiwillig eingeschlichenen Mentalität geändert?

Und täglich grüßt das Murmeltier

Der Start in die Qualifikationsphase für die WM 2014 in Brasilien war ganz in Ordnung. So verbuchte man in den ersten beiden Begegnungen der Gruppe D je einen Sieg und eine Niederlage. Wobei die Pleite gegen Vize-Weltmeister Niederlande für die im Neuaufbau befindliche junge türkische Auswahl nicht unerwartet oder aus dem Nichts kam. Doch nun steht man da, wo man schon so oft stand - nämlich vor zwei Spielen, die man als auf dem Papier stärkere Mannschaft gewinnen sollte und muss, um endlich den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.



Kommt es dieses Mal anders?

Wird die Türkei - gegen jede Erfahrung - beide Partien souverän gewinnen und von sechs möglichen Punkten auch sechs einfahren? Die Antwort fällt wie immer auf dem Rasen. Aber die hypothetische Vorhersage verneint diese Möglichkeit. Die fehlende Konstanz und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor machen dieses Unterfangen für die stolzen Türken mehr als schwer. Die schwankenden Leistungen und die Eigenschaft, den Kopf schnell hängen zu lassen, wenn man in Rückstand gerät, sind Umstände, die vier Punkte aus den beiden Begegnungen als sehr erfolgreiche Basis erscheinen lassen. Zugegeben, unter Fatih Terim, dem Imperator auf der Trainerbank, steckten die Türken nie auf. Doch dieser Fortschritt in der Mentalität scheint wieder der alten Schludrigkeit gewichen zu sein. Daher muss die Türkei unbedingt darauf achten, dass sie selbst in Führung geht und nicht einem Tor hinterher laufen muss.

Erfolg bringt stets auch Überheblichkeit

Gewann die Türkei ihre Partien im Vorfeld, so offenbarte sich eine andere Schwäche der Ayyildizlar: Hochmut und Arroganz machten sich breit, was zu Unkonzentriertheiten führte, die sich nicht selten rächten. Von dieser Einstellung muss man abrücken und dem Team mehr Disziplin einimpfen. Nur dann ist eine konstant erfolgreich spielende türkische Elf denkbar.



Bausteine, fehlende Puzzleteile und zukünftige Erfolgsgaranten?

Für den Teamerfolg ist es unabdingbar, dass die individuelle Klasse von Spielern wie Nuri Sahin in das Teamspiel integriert wird. Der Mittelfeldregisseur ist einer der großen Hoffnungsträger in seiner Heimat. Dass er ein junges Team zu triumphaler Performance und Titeln führen kann, hat der Spielmacher in seiner Zeit bei Borussia Dortmund eindrucksvoll gezeigt. Doch im Nationalkader konnte er weder solch eine tragende Rolle einnehmen, noch spielerisch überzeugen. Parallel zur Nationalmannschaft muss auch Sahin einen Schritt nach vorne machen. Verletzungen und mangelnde Einsätze bei Real Madrid warfen den jungen Maestro, zum Leidwesen seiner Landsleute, in seiner Entwicklung zurück. Doch in Liverpool reift Sahin nicht nur mental, sondern beginnt, Verantwortung in einem Team zu übernehmen, das sich gerade findet - exakt wie die türkische Mannschaft. Seine steigende Formkurve könnte der Schlüssel sein, um die genialen und entscheidenden Momente im leider oft viel zu vorhersehbaren Spiel der Türken zu kreieren.



Torflaute vorbei?

Es gibt (noch) vieles im Teamgefüge der Türken zu bemängeln. Heißt das, dass man sich auf keinem Gebiet weiterentwickeln konnte? Nein, das heißt es definitiv nicht. Zwar tut sich die Türkei nach wie vor schwer, ihre herausgespielten Chancen effizient zu nutzen, aber nach Jahren ohne echte Knipser in der Spitze hat man in diesem Bereich nun Leute, die jeder gegnerischen Mannschaft viele Kopfschmerzen bereiten können. Burak Yilmaz und Umut Bulut bringen Bewegung ins Spielgeschehen, reißen Lücken auf und verwerten hochprozentig, wenn sie entsprechend in Szene gesetzt werden. Und hier muss die Türkei über ihr qualitativ und technisch hochwertiges Mittelfeld die Diskrepanz zwischen besagtem Mittelfeld und Angriff überwinden und beide Mannschaftsteile perfekt verbinden. Dann können die Mannen von „Jäger“ Abdullah Avci jede Mannschaft als potenzielle Beute ansehen.

Resümieren wir: Es ist, obwohl nicht auf den ersten Blick zu erkennen, eine langsame, aber stetig verbesserte Entwicklung im Gange. Die Türkei ist noch nicht so weit, ihr Potenzial konstant auf den Rasen zu bringen. Von daher wird es wohl erneut nicht gelingen, Rumänien und Ungarn zu besiegen. Doch der Prozess schreitet voran und der Tag, an dem das Team seine Favoritenrolle erfolgreich annimmt, scheint nicht mehr so weit entfernt zu sein, wie noch vor wenigen Jahren. Das lässt den Raum für Überraschungen – auch gegen Rumänien und die Ungarn?


Für Türkei-Updates folge Christian Ehrhardt oder auf und Anıl P. Polat  

EURE MEINUNG: Kann die Milli Takim überraschen und sechs Punkte einfahren?
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