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Er galt lange als Deutschlands einziger Weltstar: Michael Ballack hat dem Fußball hierzulande viel Ruhm gebracht, doch wurde am Ende von der Entwicklung überholt.

Düsseldorf. Ein Abschied mit Wehmut? Die Nachricht von Michael Ballacks Rücktritt dürfte zumindest bei vielen Fans für nostalgische Gefühle und einen Hauch Melancholie gesorgt haben, Ballack selbst gab sich von den üblichen Floskeln abgesehen zugeknöpft. Doch leicht wird es ihm nicht gefallen sein, die große Bühne Fußball nach den letzten Stationen Bayern München, FC Chelsea und nochmal Bayer Leverkusen zu verlassen.

Mit 36 ist allerdings irgendwann auch das Ende der Fahnenstange erreicht: „Die Zeit ist reif, aufzuhören“, ließ der Capitano mitteilen, und tatsächlich ist diese Entscheidung auch folgerichtig und konsequent: Warum sich noch einmal die Tingelei durch Katar, die USA oder Australien zumuten, wie so viele Altstars es vorgemacht haben, wenn man spürt: Es ist vorbei?

Identifikationsfigur, als die Hierarchien noch steil waren

Nun könnte Ballack als der große Unvollendete in die Geschichte des Fußballs eingehen, dem der letzte Schritt zum großen Titel immer verwehrt blieb. Doch es bleiben unvergessene Bilder, die über sein nunmehr letztes und etwas unwürdiges Kapitel in Leverkusen hinweg den Fußballer Michael Ballack verewigen und noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass da jemand lange, insbesondere in der Nationalelf, die Kastanien aus dem Feuer geholt hat, zu einer Zeit, als sonst wenig ging und die DFB-Elf Lichtjahre von heutiger Klasse entfernt schien. Ballack, der letzte große Leader zu Zeiten, als die Hierarchien noch steil waren...

Ballack trug Deutschland

Lässt man die Erinnerung schweifen und dreht den Film zurück, ist neben der sensationellen Meisterschaft mit Lautern nach dem Aufstieg sofort die WM in Japan und Südkorea präsent: Drei Tore, vier Vorlagen von Ballack, das Finale fand dann nach Gelbsperre ohne ihn statt, doch in diesem Turnier bewahrte Ballack gemeinsam mit Oli Kahn und der Schicksalsgöttin den deutschen Fußball vor der Bedeutungslosigkeit.

Das war, nachdem er mit Leverkusen 2001/02 das Triple in Reichweite wähnte, jedoch dreifach  den Kürzeren zog und nacheinander Dortmund, Schalke 04 und schließlich Real Madrid beim Jubeln zugesehen hatte. Ballacks Finaltrauma begann sich zu manifestieren. Mit den Bayern, zu denen er nach der WM 2002 wechselte, kam er nie über das CL-Viertelfinale hinaus, dafür holte er jede Menge nationaler Titel, doch Ballack suchte eine größere Herausforderung.

Herausforderung FC Chelsea

Im WM-Jahr 2006 bei einem aus seiner Sicht gescheiterten Sommermärchen, in dem er endgültig zum Capitano wurde, überzeugte er erneut für die DFB-Elf, war Klinsmanns Anführer und verhalf der Nationalelf zum dritten Platz, zu wenig für seine Ansprüche, die Feierei mit den Fans am Brandenburger Tor hätte man sich seiner Ansicht nach sparen können – er wollte das Ding gewinnen.

Um diesem Ziel näher zu kommen, machte er den Sprung auf die Insel zum FC Chelsea, dem Verein, mit dem er sich endlich die Krönung seiner Karriere erhoffte. Auch hier war er Führungsspieler, anerkannt bei Mitspielern und Fans, seine Rolle nun die etwas defensivere im Vergleich zum „torgefährlichsten Mittelfeldspieler Europas“, der er bei den Bayern laut Karl-Heinz Rummenigge geworden war. Im defensiven Mittelfeld saugte er nun Staub und gab den Blues Stabilität, wurde englischer Meister und räumte nicht weniger als drei FA-Cups, einen League Cup und den Community Shield ab.

Finaltrauma, die xte...

Soweit alles wunderbar, doch das eine große Spiel sollte noch kommen: Champions-League-Finale 2007/08 gegen United: Bravouröse Partie von Ballack, Elfmeterschießen, am Ende Terrys Pfostenschuss – wieder nichts. Ein Jahr später die unselige Niederlage im Halbfinale gegen Barcelona, als Chelsea mindestens zwei Elfmeter verwehrt wurden, Ballack am Ende kurz davor war, Schiedsrichter Övebrö zu würgen: Wieder eins dieser unauslöschlichen Bilder, und langsam musste es dem Capitano dämmern, dass diese seine Karriere, gespickt mit so vielen Highlights und wohlverdienten Erfolgen, schlicht kein Happy End für ihn bereit hielt - lag es an seiner ewigen Nummer 13?

Glanzlichter aus diesen Jahren zeigen einen Ballack, der bei der EM 2008 gegen Österreich einen Freistoß derart ins Tor drosch, als gelte es, alle Wut über verlorene Finals in einen Schuss zu packen. Am Ende stand, kaum anders zu erwarten, das verlorene Finale gegen Spanien.


Ballack vs Övebrö - CL-Halbfinale 2009

Zeiten ändern sich

Der Rest ist noch frisch im Gedächtnis und schnell erzählt, doch das nicht gerade würdevolle Ende des für lange Zeit einzigen deutschen Weltstars in der Nationalelf muss nun nicht nochmals aufgerollt werden; es reicht zu erwähnen, dass hier irgendwann zwei Welten aufeinanderprallten: Hier der alte Fahrensmann, immer gewohnt zu führen und mit Respekt behandelt zu werden, dort deutlich jüngere, gut ausgebildete Profis, die keine Lust hatten, sich autoritär abkanzeln zu lassen und im wahrsten Sinne zurückschlugen – siehe Podolskis Ohrfeige, die erstaunlicherweise kein Nachspiel hatte. All das Zeichen eines Generationswechsels, der Ballack beinahe das Gefühl vermitteln musste, aus der Zeit gefallen zu sein.
Da hätte es das grausame Foul von Kevin Prince Boateng gar nicht gebraucht, das ihn die WM 2010 kostete - er war in diesem Team schon vorher ein Auslaufmodell.

Dass er sich noch einmal bei Bayer die letzten Jahre vergolden ließ, dann aufgrund der übler Verletzungen jedoch nie liefern konnte, wie er es sich vorgestellt hatte – niemand wird es ihm verdenken. So sollte in diesem Moment, wo ein Großer die Bühne verlässt, jeder sachverständige Freund des rollenden Balles schlicht einen Augenblick innehalten und Anerkennung und Respekt zeigen für einen Spieler, der das Wesen dieses Sports verinnerlicht hatte. Auch wenn oder gerade weil ihm der letzte Triumph verwehrt blieb.

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