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Große Erwartungen weckte die Offensive der Blues in diesem Jahr, doch ein erhöhtes Alter im Mittelfeld bremst die Bemühungen aus, auf beiden Seiten des Platzes erfolgreich zu sein.

TAKTISCHE ANALYSE
Von Liam Twomey

London. Nach dem erfolgreichen Start in die Premier-League-Saison war die Kapitulation des FC Chelsea gegenüber Atletico Madrid im Finale des europäischen Supercups für viele ein Schock. Doch in Wirklichkeit waren die Warnsignale auch schon zu sehen, bevor ein entfesselter Falcao die Abwehr des Champions League-Siegers auseinanderpflückte.

Die Feuerkraft im Angriff, die Roberto di Matteo zur Verfügung steht, sorgte dafür, dass Wigan, Reading und Newcstle allesamt komfortabel abserviert wurden, aber in diesen Spielen wurde trotzdem deutlich, dass die außergewöhnliche Disziplin in der Defensive, die Chelseas wundersamen Sieg in der Königsklasse erst möglich machte, noch nicht wieder erreicht werden konnte.


IN TIEFER POSITION
ALTE HERREN: Terry und Lampard stören die taktische Revolution des FC Chelsea.
Die Außenbahnen scheinen ein Thema zu sein, was ein logisches Resultat eines offensiven 4-2-3-1 ist, das der Italiener bisher bevorzugt. Mit dieser Strategie hat sich der Angriff bisher spektakulär entwickelt, wobei Eden Hazard und Juan Mata im letzten Drittel teils fantastisch kombinieren und Fernando Torres schließlich doch noch seine alte Klasse wiedergefunden hat.

Doch mit drei offensiv orientierten Mittelfeldspielern, die Torres zuarbeiten, sind die Außenverteidiger Ashley Cole und Branislav Ivanovic oft auf sich allein gestellt und müssen es mit Gegnern in der Überzahl aufnehmen, was gegen Wigan und Reading immer wieder deutlich wurde.

Um diesem Problem zu begegnen, müssten die Mittelfeldspieler auf den Außen ihren defensiven Einsatz verstärken und mehr nach hinten arbeiten. Und auch, wenn ein Flügelspieler nicht unbedingt für Ballgewinne zuständig ist, wäre seine schiere Präsenz im Defensivspiel ein Faktor, der es dem Gegner schwerer machen würde, durchzubrechen.

Es gibt jedoch noch drängendere Probleme, die nicht so einfach zu lösen sind – eins, das in der Premier League bereits durchschien, jedoch für ganz Europa schonungslos von Atletico aufgedeckt wurde: Die totale Bewegungslosigkeit im Mittelfeld.

Im Verbund haben Jon Obi Mikel und Frank Lampard sicherlich ihre Qualitäten, aber Antrittsschnelligkeit zählt nicht dazu. Was Atletico dann demonstrierte, nachdem sie einmal in Führung waren: Sie erlaubten dem Duo, ihren massiven Defensivverbund zu attackieren, um dann den Ball zurückzuerobern und schnell und zahlreich an den beiden vorbei zu attackieren, um die Abwehr der Blues bloßzustellen.

Das gab Falcao, einem der gefährlichsten Stürmer auf diesem Planeten, genau die Zeit und den Raum, den er brauchte, um einen lupenreinen Hattrick in der ersten Hälfte zu vollenden. In Wirklichkeit hatte er die Möglichkeiten, sogar noch mehr Tore zu erzielen.

Natürlich kann Chelsea viel besser spielen als in Monaco gezeigt, doch das Problem im zentralen Mittelfeld bleibt – insbesondere solange Lampard im Herzen dieses Mannschaftsteils seinen Platz verteidigt.

Der 34-Jährige war ein sicherer Stammspieler der Blues und hat in der erfolgreichsten Phase des Vereins eine wichtige Rolle gespielt. Unterdessen entwickelte sich Lampard sogar zu einem der torgefährlichsten Mittelfeldspieler. Aber nun ist Lampard ein alter Spieler in einem jungen Team, das nach einer neuen Identität sucht. In der neuen Hackordnung wird sich der Engländer schwertun, seinen Platz zu finden.

Mit Torres gibt es einen selbstbewussten Stürmer, der von jungen Talenten umgeben wird. Die Folge: Chelsea ist nicht mehr so abhängig von den Treffern eines Frank Lampard wie früher. Was stattdessen gesucht wird, ist ein Spieler, der die Bälle an die kreativen Stationen verteilen kann, um anschließend in der Defensive die Bälle zurückzuerobern.

Lampard besitzt die technischen Fähigkeiten dafür, doch ihm fehlt ganz einfach die Geschwindigkeit und die Dynamik, aus einer tiefen Position den Zerstörer wie Mikel zu spielen. Atletico wusste dies bereits und nutzte es. Stärkere Teams in größeren Partien werden diese Schwäche genauso ausnutzen.

Glücklicherweise hat der Verein die perfekte Alternative bereits in den eigenen Reihen. Ramires ist mit seinem unterschätzten Passspiel, seiner Geschwindigkeit und seiner Ausdauer der ideale Kandidat für die Besetzung.

VORWÄRTSBEWEGUNG
HOCH STEHEN: Di Matteos Verteidigung könnte mit Cahill statt Terry offensiver agieren.
Seine schnelle Ballbewegung im Zentrum würde das Umschalten von Verteidigung auf Offensive erleichtern, während Chelsea durch weniger Fehler im Aufbauspiel nicht mehr so leicht zu überraschen wäre.

Ihn zurückzubeordern würde den Blues zudem die Möglichkeit geben, einen weiteren Offensivmann hinter Fernando Torres zu installieren. Oscar könnte dieser Spieler sein, wenn er sich fix an die Premier League gewöhnt. Victor Moses könnte ins Spiel kommen, wenn ein physischer Spieler gefragt wäre.

Ein weiterer großer Problempunkt liegt im Herz der Defensive, wo ein weiterer Schlüsselspieler langsam in die Jahre kommt - John Terry. Nach Jahren, in denen er seinen Körper für Chelsea quälte und alles für den Verein gab, wird Terry, der Athletik nie zu seinen Stärken zählte, langsam zu einer beweglichen Statue in Chelseas Defensive.

Der enorme Kampfgeist und die Moral, die Chelsea in der Champions League-Saison ausgezeichnet haben, forderten Terry einiges ab, doch nun sind die Anforderungen gewachsen, es soll früher gestört werden. Langfristig gibt es kaum bis keine Chance für Terry, beim neuen FC Chelsea eine maßgebliche Rolle zu spielen.

Er bleibt ein hervorragender Anführer, doch Gary Cahill würde den Blues die Möglichkeit bieten, früher zu pressen und höher zu stehen. Ebenso wäre man defensiv besser vorbereitet - für Fälle, in denen David Luiz den Ball im Spielaufbau früh verliert.

Nichtsdestotrotz könnten Terry und Lampard immer noch eine Rolle spielen, ähnlich wie Paul Scholes bei Manchester United. Ihre Erfahrung und ihre Siegermentalität können die beiden weiterhin einbringen und damit Einfluss auf jüngere Spieler nehmen, was in großen Spielen durchaus von Bedeutung sein kann.

Aber wenn der taktische Fortschritt weiter voranschreitet, muss Chelsea neue Anführer finden. Es wird zu Beginn schmerzen und komisch anmuten, aber ältere Spieler auszutauschen ist zu einem gewissen Zeitpunkt nötig. Dies hinauszuzögern, würde den Schmerz nur unnötig in die Länge ziehen.

EURE MEINUNG: Was sagt ihr zu der Vorstellung, Terry und Lampard für den Erfolg zu opfern?
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