thumbnail Hallo,

Die türkische Nationalmannschaft hat nach der verpassten EM und den Misserfolgen der letzen Jahre einen neuen Weg bestritten, aber hat sich überhaupt etwas geändert?

Eine Analyse
Von Christian Ehrhardt

Ankara.
Die Nationalmannschaft der Türkei, besonders in Gestalt ihres Verbandes TFF, versprach, nachdem man in den EM-Relegationsspielen an Kroatien gescheitert war und man sich abermals nicht für ein großes Turnier qualifizieren konnte, einen massiven Umbruch, einen „Wind of Change“. Doch hat sich etwas geändert? Kann man den eigenen Ansprüchen gerecht werden? Das wird das Spiel gegen die Niederlande zeigen.

Neuer Mann am Ruder

Dem Versagen gegen Kroatien und damit der verpassten EM 2012 geschuldet musste erst einmal Chef-Trainer Guus Hiddink seinen Platz räumen. Seinen Stuhl bei der „Milli Takim“ übernahm Abdullah Avci von Istanbul BB. Man besann sich auf die mittlerweile einhellige und allgemein verbreitete Meinung, dass die türkische Mannschaft nur mit einheimischen Trainern erfolgreich sein kann. Ein türkischer Trainer sollte die Mentalität und Emotionalität der Spieler verstehen, die stets ein kulturelles Problem mit den „Fremdtrainern“ darstellte. Der Vergleich zwischen ausländischen Spielleitern und inländischen Teammanagern fällt ernüchternd deutlich zu Gunsten der türkischen Coaches aus.

Mit Senol Günes, der die Geschicke des türkischen Teams bei der WM 2002 lenkte, wurde Platz drei erreicht. Mustafa Denizli führte die „Ayyildizlar“ kurz darauf ins Viertelfinale der EM 2004 und Motivationsguru Fatih Terim, unter dem die Türken sich erstmals für die EM 1996 qualifizierten und im Jahr 2008 bis in Halbfinale des europäischen Endturniers vorstießen, untermauerte diese Ansicht in der Türkei, dass man nur mit den eigenen Trainern erfolgreich ist.

Unbändiger Wille weicht Passivität

Vor allem 2008 unter Fatih Terim - beim letzten großen Auftritt der Türkei bei einem großen Wettbewerb - war es insbesondere die Einstellung der türkischen Auswahl, die für Furore sorgte. So drehte man immer und immer wieder Rückstände oder längst als verloren geglaubte Partien. Das Team steckte nie auf und es entstand der Mythos, dass die Türken solange nicht besiegt sind, bis die Begegnung wirklich vom Schiedsrichter abgepfiffen wurde. Diese Einstellung und der Wille, sich nicht aufzugeben gingen in den Folgejahren mehr und mehr unter dem holländischen Trainer Guus Hiddink verloren, was sich in uninspirierten, lustlosen und wenig erfolgreichen Spielen und Auftritten wiederspiegelte.

Als Abdullah Avci das Traineramt der Milli Takim schließlich übernahm, erweckte dies wieder Hoffnung und eine positive Stimmung. So schwappte dem Coach und dem Team große Vorfreude entgegen, die Avci mitnehmen will - am liebsten bereits zum Auftakt der WM- Qualifikation gegen die Niederlande. Der Glaube und die Hoffnung, dass nun wieder eine andere Nationalmannschaft zu bewundern sein wird, sind in der Bevölkerung endlich wieder präsent. Jedoch muss sich erst einmal weisen, ob die Spieler diese Mentalität und das Selbstvertrauen in die eigenen Stärken wiedergefunden haben.

Neu Gesichter sollen das Team in die Zukunft führen

Den frustrierenden und von Misserfolg begleiteten Jahren folgte nach dem Qualifikations-Aus zur EM 2012 ein Umbruch. Trainer Avci will ein neues, junges Team formen, das mit den Jahren immer weiter zusammenwächst. Dabei setzt er nur noch auf einige, etablierte Kräfte. Er versucht, die richtige Mischung aus Erfahrung und Jugend zu finden. Etwas, was wirklich passieren musste, da die „goldene Generation“ der Türken ihren Zenit weit überschritten hatte. So trennten sich die Wege mit Spielern und türkischen Legenden wie Rüstü Recber, Servet Cetin, Nihat Kahveci, Yildiray Bastürk, Gökdeniz Karadeniz oder Mehmet Aurelio. So wurde Platz für jüngere Spieler geschaffen, die jetzt das Skelett der neuen Mannschaft formen sollen. Der Kern, um den die „jungen Wilden“ aufgebaut werden sollen, stellen die international erfahrenen Emre Belözoglu, Hamit Altintop, Nuri Sahin, Selcuk Inan und Gökhan Gönul. Zusammen mit diesen sollen junge Talente wie Gökhan Töre, Ömer Toprak, Hasan Ali Kaldirim, Tunay Torun, Mehmet Ekici, Sercan Saraer und Semih Kaya eine schlagkräftige Truppe formen, die zu alten Glanzzeiten zurückfinden kann.

Spielerisch weiterentwickelt oder tritt man auf der Stelle?

Die augenscheinlichen Hauptprobleme der letzten Jahre waren zum Beispiel der Mangel an effizienten Stürmern. So spielte man stets bis zum Strafraum des Gegners gut, aber schaffte es schließlich nicht, die entscheidenden Treffer zu erzielen. Was diesem Umstand zudem in die Hände spielte, war das extreme langsame Tempo im Spielaufbau, das es den Gegenspielern stets ermöglichte, sich vor dem Ball zu positionieren und so die Angriffsbemühungen der Türken erschwerte. Zumindest in der Offensive scheint sich Besserung anzudeuten, da sich hier in den letzten Monaten mit Burak Yilmaz und Umut Bulut zwei echte Knipser von internationalem Format entwickelt haben, die endlich die Fehler des Gegner unverzüglich mit Toren bestrafen können. Im Mittelfeld sollen Nuri Sahin und Selcuk Sahin das schnelle Umschalten von Abwehr in Angriff mit ihren tödlichen Pässen beschleunigen.

Doch auch die starken Eindrücke, die man unter anderem bei Spielen gegen Portugal oder die Ukraine hinterließ – Spiele, die man souverän gewinnen konnte - täuschen nicht darüber hinweg, dass die türkische Auswahl noch lange nicht alles verbessert hat und noch einen langen Weg vor sich sieht, will man zur Weltspitzte aufschließen. Im letzten Test gegen Österreich offenbarten sich wieder altbekannte Muster, schlimme Strukturen und gravierende Schwächen. So kassierte man durch unnötige und individuell vermeidbare Fehler schnell Gegentore, denen man gnadenlos hinterherlaufen musste. Zudem entging es den Beobachtern auch nicht, dass die Türken teilweise demoralisiert und lustlos auf den Rückstand reagierten. Es fehlte der unbedingte Wille, das Spiel nach dem Rückstand zwingend drehen zu wollen. Zudem zeigte sich die Verteidigung oft unorganisiert und wurde immer wieder nach langen Bällen hinter die Abwehrreihe anfällig für Konter. Tödliche Konter, denn es fehlte der Rückhalt im Tor, Volkan Demirel.

Wie weit ist die Türkei wirklich?

Als Resümee muss man den Türken bescheinigen, dass sie sich fest vorgenommen haben, einige Baustellen zu schließen. Aber dazu müssen die alten Verhaltungsmuster vermieden werden. Einstellung, Verjüngungskurs, Talent und Potenzial an Spielern - nicht wenige Dinge haben sich deutlich verbessert und die Möglichkeiten der Türkei erweitert. Dennoch ist es immer noch nicht gelungen, die ganz großen Baustellen und Schwächen aus dem Team zu verbannen. So herrschen weiterhin noch große Probleme, wenn man Rückständen hinterherlaufen muss, was sich auf international höchster Ebene teilweise nicht vermeiden lässt. Weiter erkannte man auch im Abwehrverhalten, insbesondere bei Kontern oder Standardsituationen, dass es dort nachzuarbeiten gilt.

Des Weiteren zu bemängeln ist das oft fehlende Tempo im Angriffsspiel, was im modernen Fußball jedoch von essentieller Bedeutung geworden ist und man sich schnell aneignen sollte, wenn der angebrochene, positive Veränderungskurs der Türkei sich fortsetzen soll. Wenn die positiven Veränderungen beim Spiel zum WM-Qualifikationsauftakt am Freitag gegen den Vize-Weltmeister Niederlande keinen empfindlichen Dämpfer oder gar Rückschlag erhalten sollen, wäre es angeraten, das noch gezielt zu trainieren. Denn das Ziel dieser neuen türkischen Nationalmannschaft ist die Hauptrunde der WM 2014 in Brasilien und das muss es bei dem vorliegenden Potenzial auch sein - und zwar nicht als Haupt- sondern als Minimalziel.  

EURE MEINUNG: Wie seht ihr das Standing der türkischen Mannschaft im internationalen Vergleich?
Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal.com auf oder werde Fan von Goal.com auf !

Dazugehörig