Die fünf größten Pokalüberraschungen in Runde eins

Goal.com stellt anlässlich des bevorstehenden Wochenendes eine Auswahl der größten Sensationen aus der ersten Runde des DFB-Pokals des vergangenen Jahrzehnts vor.
Es gibt sie immer wieder - sie kommen unerwartet, unerhofft und oft in unbegreiflicher Manier. Doch sie geben dem Wettbewerb eine einzigartige Brisanz, welche ihn bei allen Fußballfans, die ihren Wohnsitz in Deutschland angesiedelt haben, ungemein beliebt macht. Es sind die Sensationen beim DFB-Pokal - wenn der Kleine, David, angetrieben von Emotionen und Adrenalin, den Großen, Goliath, überrascht und nicht selten machtlos, übermannt und sich ins seltene, eigene Fußballglück schießt. Es sind die Momente, auf die die heißblütigen Anhänger eines jeden kleinen Vereins ihr Leben lang warten, die Augenblicke, in denen hohe Favoriten stürzen und ihr Gesicht vergraben, Goal.com stellt Ihnen in einer Analyse die herausragendsten Momente des Pokals in der jüngeren Vergangenheit, genauer gesagt in den letzten zehn Jahren, vor.

01.09.2002 | Holstein Kiel - Hertha BSC 4:1 n.E.
 Regionalliga Nord (3. Liga) WETTBEWERB Bundesliga (1), Uefa Cup
 17 LIGAPOSITION
9
 2:3 gegen Chemnitz LETZTES SPIEL
0:0 gegen Schalke

Als haushoher Favorit reiste die Berliner Hertha in den Norden nach Kiel, um dort gegen den angehenden Viertligisten einen lockeren Erstrundensieg zu feiern - doch falsch gedacht!

Holstein spielte von Beginn an ganz und gar nicht wie ein Regionalligist, sondern auf Augenhöhe mit dem internationalen Vertreter Deutschlands.

Dem Spielverlauf entsprechend brachte Matthias Rose den krassen Außenseiter noch vor der Pause in Führung.
Die Hertha schlug zwar in Person von Michael Preetz kurz nach Wiederanpfiff zurück, der von den Auswärtsfans erhoffte Weckruf war dies jedoch nicht.

Kiel steigerte sich im Verlaufe des Spiels immer weiter, aber erst in der Verlängerung kam der Außenseiter dann auch zu klaren Torchancen.

Keine von diesen fand jedoch das Tor von Torwart-Legende Gabor Kiraly, sodass die beiden Teams schließlich im Elfmeterschießen entscheiden mussten, wer in die zweite Runde einziehen würde.

Und wer dachte, dass jetzt die Stunde der Hauptstadt geschlagen hätte, lag erneut fehl: Fast souverän fertigten die Kieler Hertha mit 3:0 von elf Metern aus ab und zogen damit sensationell in die zweite Pokalrunde ein.

Eine Trotzreaktion des bloß gestellten Bundesligisten erfolgte nicht, neun Tage später unterlag man zu Hause Borussia Mönchengladbach mit 1:2, immerhin erreichte Hertha mit dem fünften Platz am Saisonende erneut das internationale Geschäft.

09.09.2006 | Stuttgarter Kickers - Hamburger SV 4:3 n.V.
 Regionalliga Süd (3) WETTBEWERB Bundesliga (1), Champions League
 1 LIGAPOSITION
11
 3:0 gegen Darmstadt LETZTES SPIEL
1:1 gegen Hertha

Natürlich hatten die Stuttgarter Kickers auch in der Regionalliga einen Lauf, doch dass der Champions-League-Teilnehmer HSV bei den Amateuren untergehen würde - damit hätte wohl niemand gerechnet.

Die Fans der Kickers durften nach dem Abpfiff nicht nur den Sieg feiern, sondern gleich sieben Tore und ein faszinierendes Spiel.

Der Gastgeber zeigte schon früh seine Ambitionen und führte nach sechs Minuten durch Tore von Yildiz und Okpala völlig überraschend mit 2:0.

Hamburg schien jedoch Herr der Lage zu sein, noch vor der Pause drehte der Bundesligist die Partie zu seinen Gunsten: Sanogo, Ljuboja und Demel waren die Torschützen.

Keinesfalls gaben sich die Außenseiter geschlagen, erneut Yildiz besorgte das 3:3-Unentschieden, mit dem es dann auch in die Verlängerung ging. Die Kickers überraschten mit guter Ausdauer und kamen in der 96. Minute nicht unverdient durch Okpala per Elfmeter zum erneuten Führungstreffer.

Die Hanseaten wirkten ängstlich, Stuttgart zitterte den Vorsprung über die Zeit und packte die unerwartete Überraschung.

Es sollte dies nur der Anfang von einem riesigen Missverständnis mit Namen Thomas Doll sein, der sich auch mit seinen direkten Interviews nicht in ein besseres Licht rücken konnte. Das Pokal-Aus kommentierte er genervt: „Wir waren völlig arrogant und haben unsere Chancen leichtfertig vergeben. Das hatte mit Fußball nichts mehr zu tun.“

Wenige Zeit später, am siebten Spieltag, rückte der Vorjahresdritte erstmals auf einen Abstiegsplatz, zur Winterpause war man Dauervorletzter und abgeschlagen zum rettenden Ufer. Und es kam noch schlimmer, Doll führte seine Mannschaft gar auf den letzten Tabellenplatz. Bevor es zu spät wurde, zog der Verein die Notbremse und feuerte Doll. Nachfolger Huub Stevens führte den Klub aus der Krise bis auf den siebten Tabellenplatz und zur UI-Cup-Teilnahme.

01.08.2009 | VFB Lübeck - Mainz 05 2:1 n.V.
 Regionalliga Nord (4) WETTBEWERB Bundesliga (1)
8 LIGAPOSITION VORJAHR
2 (2. Bundesliga)
- DFB-POKAL VORJAHR
Halbfinale

Der Aufstiegsjubel war noch nicht komplett verpufft, da blamierten sich die Mainzer bereits bis aufs Tiefste.

Noch vor dem Beginn der Bundesliga-Saison, die die 05-er endlich erreicht hatten, stand das erste Pokalspiel auf dem Plan. Bei den Rheinland-Pfälzern war der Jubel über den Viertligisten VfB Lübeck als Los zunächst groß, doch am Ende sollte der große Underdog jubeln...

Mainz startete erwartungsgemäß energisch und dominant, Bungert traf zum 1:0. Doch danach wirkten die verletzungsgebeutelten Gäste wie angewurzelt: Durch Kampf und Leidenschaft kam Lübeck zurück ins Spiel, Schrum glich Anfang der zweiten Hälfte aus.

Und die Hausherren blieben weiterhin dran, erarbeiteten sich Chancen, boten einen beeindruckenden Kampf - im Gegensatz zu den Mainzern, die sich vollends den Schneid abkaufen ließen.

Niemand wollte es so recht glauben, doch nach 90 Minuten stand es noch immer 1:1 - Mainz machte zudem keine Anstalten, auf Sieg zu spielen. In der vierten Minute der Verlängerung dann der Schock: Sachs trifft tatsächlich zum 2:1 in das Herz der Mainzer und in das Glück der Lübecker.

Der FSV kam nicht mehr heran, Lübeck siegte und entzückte Fußball-Deutschland mit der Sensation.

30.07.2011 | 1. FC Heidenheim - Werder Bremen 2:1
3. Liga (3) WETTBEWERB Bundesliga (1)
9 LIGAPOSITION VORJAHR 13
- DFB-POKAL VORJAHR
2. Runde

Ihr glaubt, das war's schon? Wir haben noch mehr! Zugegeben - ein 6:1 der Stuttgarter Amateure gegen Eintracht Frankfurt im Jahr 2000, oder ein 1:0-Sieg der Wolfsburger Amateure gegen den heutigen Meister Borussia Dortmund scheinen an Spektakularität kaum zu überbieten zu sein, doch auch in der ganz jungen Geschichte des Pokals gibt es irre Storys - wie sieht es zum Beispiel mit dem folgenden Fall aus?

Als Verlierer der abgelaufenen Saison ging Bremen als Favorit und mit vielen Ambitionen in die neue Spielzeit, erster Test sollte der Drittligist Heidenheim sein, der erst zum zweiten Mal überhaupt am Wettbewerb teilnahm.

Bremen wusste nicht zu überzeugen, ging aber Ende der ersten Hälfte dennoch in Führung, Rosenberg war der Torschütze.

Heidenheim drückte den Bundesligisten in der zweiten Hälfte in die eigene Hälft und hätte schon längst den Ausgleich erzielen können, bevor Werder in der 51. Minute ein Handelfmeter zugesprochen wurde.

Marko Marin verschoss jedoch die Entscheidung und kippte damit das Spiel.

Heidenheim witterte nun seine Chance, die Moral des Double-Siegers 2004 war geknickt und nur acht Minuten nach dem verschossenen Elfmeter klingelte es auf der Bremer Seite, Sauter glich hochverdient aus.

Doch damit nicht genug: Der Ball war kaum wieder im Spiel, schon stach Heidenheim erneut zu, Schnatterer netzte 100 Sekunden nach dem ersten Tor zum zweiten Mal ein und ebnete den Weg in Richtung des Unfassbaren.

Bremen gab sich im wahrsten Sinne des Wortes auf und ließ das Wunder geschehen, Sportchef Klaus Allofs nannte es einen „Schock für die Mannschaft“ und einen „riesigen Rückschlag“.

30.07.2011 | Dynamo Dresden - Bayer Leverkusen 4:3 n.V.
 2. Bundesliga (2) WETTBEWERB Bundesliga (1), Champions League
3 (3. Liga) LIGAPOSITION VORJAHR
2
- DFB-POKAL VORJAHR 2. Runde

Kommen wir zum Höhepunkt unserer kleinen Sammlung. Erneut befinden wir uns in der abgelaufenen Saison 2011/2012, erneut am 30. Juli des Jahres 2011.

Die Geschichte, die an diesem Tag in Dresden geschrieben wurde, überbot wohl sogar die Geschehnisse in Heidenheim nochmals...

Robin Dutt, der in der Vorsaison erfolgreich den SC Freiburg trainierte, kam mit großen Vorschuss-Lorbeeren in die Rheinstadt, viele Fans setzten große Hoffnungen in ihn, doch gleich in seinem ersten Pflichtspiel musste er eine unfassbare Niederlage einstecken.

Dresden, das sich in der Relegation die Qualifikation für die zweite Liga erkämpft hatte, trat als Underdog an, der sich nicht blamieren wollte.

Es schien zunächst, dass dieses Vorhaben scheitern würde, denn die Leverkusener spielten wie ein Feuerwerk: schnell, präzise und effektiv.

Derdiyok und Sam sorgten dafür, dass Bayer bereits nach zwölf Minuten mit 2:0 in Front lag, Schürrle legte kurz nach Wiederanpfiff zum 3:0 und zur vermeintlichen Entscheidung nach.

Dresden hatte eigentlich bereits aufgegeben, viele Fans verließen das Stadion, doch dann gelang Schuppan, eher zufällig, das 1:3 (68.). Tragisch nahm das keiner, zumindest bis zwei Minuten später Koch zum 2:3 nachlegte. Auf einmal war wieder Feuer im Spiel, Dresden witterte die Chance - und schlug vier Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit tatsächlich nochmals zu. Es stand 3:3 - Verlängerung!

Das Leverkusen aus den ersten 60 Minuten existierte nicht mehr, nichts funktionierte und nichts wollte mehr gelingen. Stattdessen legte Dynamo nach, Schnetzler in der 117. Minute - 4:3 für Dresden, die damit ein 0:3 gegen die großen Favoriten, den Vizemeister und Champions-League-Teilnehmer, umbogen und sich eine wahre Party verdienten.

Die Ironie daran: In der 63. Minute wurde der oft kritisierte Michael Ballack eingewechselt. Der ehemalige Nationalspieler bot eine unterirdische Leistung und war sinnbildlich für den Abfall von Bayer.

„Es wird eine schwere Woche“, kündigte Dutt nach der Partie ein mögliches Straftraining an, Michael Ballack nahm er jedoch in Schutz - zumindest teilweise. „Er hatte eine Teilschuld wie die anderen auf dem Platz auch.“

Neues Jahr, neue Überraschungen

Damit wären wir auch schon ans Ende der Goal.com-Pokalanalyse gelangt, wenn Ihr etwas Lust auf die anstehende erste Runde des DFB-Pokals 2012/2013 bekommen haben, dann könnt Ihr bei uns etliche Previews und Stories lesen, selbstverständlich sind wir dann ab Samstag auch LIVE! dabei, um Euch über neue, oder vielleicht auch alte Pokalhelden und spannende Fights auf dem Laufenden zu halten: Sowohl der 1. FC Heidenheim, als auch Dynamo Dresden und der VFB Lübeck sind beispielsweise am Wochenende wieder im Einsatz und heiß auf neue Wundertaten...

EURE MEINUNG: Welchem Bundesligisten traut Ihr in diesem Jahr ein Ausscheiden in Runde Eins zu?
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