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Im Getriebe der Gladbacher ist noch eine Menge Sand. Vor allem offensiv zwickt der Schuh. Bis zu Saisonbeginn warten noch viel Arbeit und einige Fragen.

Mönchengladbach. Das 0:0 zwischen Borussia Mönchengladbach und dem FC Sevilla sieht auf dem ersten Blick mehr als ordentlich aus. Immerhin gehören die Spanier nicht gerade zur Laufkundschaft für einen sich in der Vorbereitung befindlichen Bundesligaklub. Die Art und Weise des Spiels sollte den Verantwortlichen jedoch zu denken geben. In den 90 Testminuten schoss die Borussia kein einziges Mal auf das Tor des Gegners – zwischen Mittelfeld und Sturm fehlt die Bindung.

Keine Torchance gegen Sevilla

Igor de Camargo hing in der Luft: Borussias belgischer Stürmer, der in der Vorbereitung bislang mit guten Leistungen und Toren auf sich aufmerksam machte, war ein Fremdkörper - wie so oft. Das Spiel mit nur einer Spitze liegt de Camargo nicht. Er benötigt jemanden an seiner Seite, der ihn mustergültig bedient oder den er selbst mit Pässen füttern kann. Seine Auswechselung in der Halbzeitpause war deshalb nur folgerichtig.

Für de Camargo sollte nun Stareinkauf Luuk de Jong zeigen, weshalb ihn die Borussia für eine mittlere zweistellige Millionensumme an den Niederrhein lotste. Doch auch er hing durch und wirkte, als wäre er überhaupt nicht auf dem Platz. Neben der Tatsache, das de Jong noch nicht über eine ausreichende körperliche Fitness verfügt, lag das Problem im Mittelfeld der Fohlen.

Marco Reus ist weg. Er schnürt nun für Borussia Dortmund die Fußballschuhe. Dass er ein Geschwindigkeits- und Kreativvakuum hinterlassen würde, dürfte jedem näheren Beobachter des VfL klar gewesen sein. Wie heftig die Auswirkungen jedoch sein würden, wird erst jetzt gegen einen starken Gegner deutlich.

„Wir haben zu langsam gespielt, weil die Ballannahme und die Bewegung zu langsam war. Du brauchst Durchschlagskraft, sonst ist es schwer.“

Die Suche nach Kreativität

Keine Torchance in 90 Minuten. Keine Kombinationen. Wenig Bewegung und kaum Handlungsschnelligkeit. Lucien Favre hat in den kommenden 12 Tagen bis zum DFB-Pokal-Spiel in Aachen einiges zu tun. Zudem muss ein kreativer Kopf gefunden werden, der das Offensivspiel der Borussia lenkt. Patrick Herrmann, Tolga Cigerci, Amin Younes, Mike Hanke, Granit Xhaka oder Luuk de Jong - dem Schweizer Trainer steht ein echtes Casting bevor. LFSDKK - Lucien Favre sucht den kreativen Kopf.

Patrick Herrmann

Der 21-Jährige war einer der Shootingstars der vergangenen Spielzeit. Sechs Tore und neun Assists gelangen dem gebürtigen Saarländer in 27 Ligaspielen. Dabei profitierte der Außenbahnspieler vor allem von Antreiber Marco Reus. Das schnelle Spiel des Nationalspielers kam Herrmann mehr als nur zugute. Nun bleibt abzuwarten, ob der 21-Jährige auch ohne den Neu-Dortmunder ähnliche Leistungen bringen kann.
Doch kann Herrmann auch eine zentrale kreative Rolle einnehmen? Sein Spiel ist es eigentlich, mit seiner Schnelligkeit über die Außen zu kommen. Vor allem mit dem Rücken zum Spielgeschehen könnte Herrmann Probleme bekommen – seine Kreativität scheint arg von seinen Mitspielern abhängig zu sein.

„So können wir nicht spielen. Wir müssen schneller und direkter agieren. Dann bekommen wir auch wieder mehr Chancen.“

Tolga Cigerci

Erfolgstrainer Lucien Favre hält viel von der 20-jährigen Leihgabe vom VfL Wolfsburg. Vor allem seine Polyvalenz hat es dem Schweizer angetan. „Tolga kann zentral, er kann die 9 1/2, er kann fast überall spielen“, frohlockte Favre nach dem Spiel gegen den FC Sevilla. Dass der U20-Nationalspieler, der gegen die Spanier hinter der Spitze getestet wurde, wohl eher nicht für diese Position geeignet ist, wird auch seinem Coach nicht verborgen geblieben sein. Der wollte ihm nachher auch keine herausragende Leistung attestieren. „Er läuft enorm viel, es war okay mit seiner Leistung“, beschwichtigte Favre.

Wohlwissend, das die Aufgabe des Spielgestalters nicht der eigentlichen Kernaufgabe Cigercis entsprach. Der 20-Jährige gilt eher als Defensivstratege, der zudem offensiv denkt und gerne den kreativen Weg sucht. Leider fehlt dem Deutsch-Türken ein bisschen die Schnelligkeit im Spiel nach vorne, weshalb er eher ein solider bis guter „8er“ oder „6er“ für Favre sein wird. Aus der Tiefe kommt Cigercis Spiel wesentlich besser zur Geltung.

„Es war schwer für ihn eine Lücke zu finden, aber er ist enorm viel gelaufen und seine Leistung war okay. Tolga kann fast überall spielen.“ - Lucien Favre über Tolga Cigerci



Amin Younes

Der 19-Jährige ist eine der Entdeckungen der Vorbereitung. Mit seiner Technik und seiner Handlungsschnelligkeit würde Younes wohl am besten in das gesuchte Profil passen. „Er hat das gewisse Etwas“, sagt Trainer Lucien Favre über den Hochbegabten. Neuzugang Granit Xhaka sagt gar: „Amin bringt alles mit, was ein Top-Fußballer braucht. Er erinnert mich an meinen Kumpel Xherdan Shaqiri.“ Doch wie weit ist Younes wirklich? Wie nah ist er bereits am Team dran?

Es ist seine erste wirkliche Saison bei den Profis. Zu viel sollte man vom Youngster also nicht erwarten. Der 19-Jährige sagt selbst: „Wir haben so viele Spiele, dass auch die Bank in der kommenden Saison eine große Rolle spielen wird“, um dann zu ergänzen, dass er vorerst in den 18er-Kader will: „Das sollte mein Ziel sein, ich möchte immer dabei sein.“ Amin Younes ist also auf dem Sprung. Die Bürde, der kreative Kopf der Mannschaft zu sein, dürfte allerdings noch zu groß sein für den kleinen Edeltechniker.

Mike Hanke

In der vergangenen Spielzeit verkörperte der ehemalige Nationalspieler eine völlig neue Rolle. Die des „Neuneinhalbers“ – irgendwas zwischen Stürmer und Spielmacher. Mit Marco Reus bildete er so ein kongeniales Duo. „Marco ist weg“, sagte Hanke nach dem Spiel gegen Sevilla. „Wir müssen nun andere Lösungen suchen.“ Seine Position könnte nun einem möglichen Systemwechsel zum Opfer fallen. Ist Hanke dann auch erstmal weg?

In der Tat wäre der 28-Jährige wohl erst einmal außen vor. Es sein denn, Hanke überascht einmal mehr alle Beobachter. Vielleicht als echter „Zehner“? Lucien Favre wird diese Variante in den nächsten Tagen testen. Fraglich ist, ob der gelernte Stürmer über die nötige Schnelligkeit verfügt und ohne Kumpel Reus ähnlich stark agieren kann.

BORUSSIA M'GLADBACH
CL-QUALIFIKANT
DIE SAISON-VORBEREITUNG
Ergebnis
SSVg Velbert - BMG
 0:6
Preußen Münster - BMG
0:3
BMG - Birmingham City
 2:2
1860 München - BMG
 2:4
VfL Bochum - BMG
1:4
BMG - FC Sevilla
 0:0
Norwich City - BMG (11.8.)  

Granit Xhaka


Der Schweizer Nationalspieler ist eigentlich für die Doppelsechs verpflichtet worden. Xhaka, der sein Spiel recht offensiv interpretiert, könnte allerdings ebenfalls weiter vorgezogen spielen. In der Schweizer Nationalmannschaft agiert er unter Ottmar Hitzfeld sogar auf der klassischen Spielmacherposition. Zuletzt konnte man sich im Rahmen der EM-Vorbereitung der DFB-Elf gegen die Schweiz ein Bild davon machen, als Xhaka teilweise der Dreh- und Angelpunkt seiner Mannschaft war.

Ob der diese Rolle im Borussia-Park bekleiden kann, ist indes fraglich. Lucien Favre lässt in Mönchengladbach ein anderes Spiel aufziehen. Schnelles Umschalten und schnelle Bewegungen mit möglichst wenigen Kontakten – Xhaka müsste sich völlig anders verhalten als er es gewohnt ist. Sein Spiel ist eher aus der Tiefe heraus angelegt. Dennoch gilt der Schweizer vor allem zu Beginn der Saison wohl als die logischste Möglichkeit für Favre.

 „Solche Fehler kennt man von ihm so nicht. Granit kann besser spielen, aber auch für ihn ist es eine neue Situation.“ - Max Eberl über die Leistung Granit Xhakas nach dem Spiel gegen den FC Sevilla.


Luuk de Jong

Entgegen aller Berichte und Meinungen sei gesagt, dass der Holländer nicht als Reus-Ersatz geholt wurde. De Jong verkörpert viel mehr klassische Stoßstürmer-Qualitäten als das Hochgeschwindigkeits-Spiel seines „Vorgängers“. Auch wenn der Nationalspieler der „Elftal“ bei Twente bereits hinter der Spitze gespielt hat, gilt diese Variante in Mönchengladbach als sehr unwahrscheinlich.

Die Zeit drängt

Der Borussia und Lucien Favre bleiben nun noch 12 Tage, um das Offensivvakuum zu stopfen oder ihr Spiel anderweitig zu modifizieren. Gerade der Beginn der Saison hat es für die Fohlen in sich. Am 18. August ist man in der ersten Runde des DfB-Pokals in Aachen zu Gast, ehe drei Tage später das erste Playoff-Spiel zur Champions-League wartet. Gladbachs Gegner wird am kommenden Freitag in Nyon ausgelost.

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