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Die Gladbacher Borussia hat mit Oscar Wendt einen Edeljoker auf der Bank sitzen - ein für den Schweden kaum tragbarer Zustand. Hat der 26-Jährige noch eine Zukunft am Niederrhein?

Mönchengladbach. Gruppenzweiter in der Champions-League-Gruppenphase hinter dem großen FC Barcelona, im Achtelfinale das Ende gegen den FC Chelsea und die Meisterschaft in der dänischen Superligaen - Oscar Wendt hat vor seinem Wechsel vom FC Kopenhagen zu Borussia Mönchengladbach eine Menge erlebt. Mit entsprechenden Vorschusslorbeeren und einem hohen eigenen Anspruch sollte am Niederrhein der nächste Schritt in der Karriere des schwedischen Nationalspielers erfolgen.

BORUSSIA M'GLADBACH
CL-QUALIFIKANT
DIE SAISON-VORBEREITUNG
Ergebnis
SSVg Velbert - BMG
0:6
Preußen Münster - BMG
0:3
BMG - Birmingham City
2:2
1860 München - BMG (25.7)  
VfL Bochum - BMG (28.7.)  
BMG - FC Sevilla (4.8.)
 
Norwich City - BMG (11.8.)  

Harte Realität im ersten Jahr

In Gladbach, so war der Plan, sollte Wendt dem ab und wann enttäuschenden und in die Jahre gekommenen Kapitän Filip Daems gehörig Paroli bieten und für mehr Stabilität und Durchschlagskraft auf der linken Defensivseite sorgen. Ein Plan, der eigentlich nicht nur auf dem Papier Sinn machte. Am Ende kam aber alles anders. Vom dänischen Meister und Champions-League-Achtelfinalist auf die Ersatzbank in der Bundesliga – so entwickelte sich die harte Realität des 26-Jährigen.

Bei seiner Vorstellung im Juni 2011, war im Fußballerleben des Oscar Wendt noch alles in bester Ordnung. Der Schwede freute sich auf die neue Aufgabe: „Ich möchte der Mannschaft helfen und persönlich so viele Spiele wie möglich bestreiten. Ich denke, dass die Mannschaft besser ist als es der 16. Platz in der Vorsaison aussagt, deswegen ist es mein Ziel, in der kommenden Saison ein paar Plätze höher zu klettern.“

Kapitän Daems überraschte alle

Die Borussia kletterte. Und wie sie das tat. Die Gladbacher mauserten sich von Beginn an zu einer echten Überraschungsmannschaft. Mittendrin statt nur dabei: Ein wie ausgewechselt spielender Kapitän Filip Daems. Nicht jener Daems, der mit seiner nicht vorhandenen Schnelligkeit gerade noch so in der Kreisklasse mithalten konnte und das Überqueren der Mittellinie scheinbar als Bedrohung ansah. Frei nach dem Motto: Wer die Mittellinie passiert, wird entlassen.

Der Filip Daems der Saison 2011/2012 war ein ganz anderer. Eine favre’sche Reinkarnation. In seiner Schnelligkeit extrem verbessert und im Spiel nach vorne plötzlich voller Tatendrang – mit Hilfe des völlig unerwartet stark agierenden Juan Arango spielte der Belgier die Saison seines Lebens. Im Alter von 33 Jahren erlebte der Linksverteidiger in 36 teils herausragenden Spielen den dritten und wohl wärmsten Frühling seiner Karriere. Einen Frühling welcher der Karriere von Oscar Wendt erst einmal den rauen Winter brachte.

Kein Grund die Mannschaft zu verändern

532 Bundesligaminuten und 62 im Pokal – alles andere, als ideal gelaufen für den Schweden. Am wieder erstarkten Kapitän kam er nicht mehr vorbei.  „Für mich persönlich war es natürlich nicht die beste Saison, weil ich nicht viel gespielt habe. Speziell die ersten Monate bis Weihnachten habe ich lediglich zwei Spiele absolviert. In der Rückrunde wurde es dann besser. Da habe ich ein paar mehr Spiele gemacht. Unter dem Strich war es ein schweres erstes Jahr. Wenn du aber eine Mannschaft hast, die speziell in den ersten sechs Monaten so gut gespielt und fast jedes Spiel gewonnen hat, dann ist es natürlich schwer, in die Mannschaft zu kommen“, äußerte sich Wendt kürzlich während einer Presserunde im Trainingslager in Rottag-Egern. Trainer Lucien Favre hatte keinen Grund irgendetwas an seiner funktionierenden Mannschaft zu ändern. So reichte es für den 26-Jährigen lediglich zu Kurzeinsätzen oder zu krankheitsbedingten Vertretungen des Kapitäns.

„Vieles in der Bundesliga ist anders als die Erfahrungen, die ich zuvor gemacht habe. Jetzt weiß ich, wie alles läuft. Ich habe einige Spiele in der Bundesliga gespielt und weiß, was ich zu tun habe

Wendt konnte in diesen Spielen auch nie seine Stärken offenbaren. Zu kurz waren die Momente des Glücks, in denen ihm zudem der Spielrhythmus fehlte, um nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen.  Am Ende der ersten Spielzeit in Mönchengladbach stand gar der fußballerische Super-Gau. Oscar Wendt wurde aufgrund der fehlenden Einsatzzeiten in Gladbach von Nationalcoach Erik Hamren aus dem Kader der Schweden verbannt. Ein herber Tiefschlag für den Linksverteidiger, der vor einigen Jahren auch ganz beachtliche Leistungen auf der linken Mittelfeldposition zeigte. Die Narbe, die dieses erste Jahr und das EM-Aus hinterlassen hat, scheint noch nicht verheilt. So meldete sich Wendt noch während der Spiele in Polen und der Ukraine ungewohnt lautstark zu Wort: „Wenn ich aus dem Urlaub komme, werde ich mit Trainer Lucien Favre über meine Situation sprechen. Was seine Vorstellungen für die neue Saison sind. Wenn ich ein Teil des Planes bin, bleibe ich gerne. Wenn nicht, dann müssen wir andere Möglichkeiten finden.“

Doch kein Interesse von Twente?

Das Ergebnis dieses Gesprächs ist leider nicht überliefert. Was sollte der Schweizer Erfolgscoach seinem Schützling auch sagen? Wendt wird Profi genug sein, um zu wissen, dass er um einen Stammplatz kämpfen muss. Favre wird einen seiner erfahrensten Spieler (44 Einsätze im Europacup) wohl kaum ziehen lassen – erst recht nicht ohne adäquaten Ersatz. So hat Sportdirektor Max Eberl den Wechselgelüsten des Schweden und dem Werben anderer Vereine, einen klaren Riegel vorgeschoben. Zuletzt sollen Lazio Rom sowie Twente Enschede gesteigertes Interesse an Wendt bekundet haben.

Den Verpflichtungswillen der Niederländer kann der 26-Jährige allerdings nicht bestätigen: „Da hat es nie Gespräche gegeben, auch im Winter nicht. Ich habe diese Gerüchte im Winter gehört. Und im Sommer habe ich davon nichts gehört oder gelesen, bis ich von meinem Urlaub wieder nach Deutschland gekommen bin. Denn ich lese in Schweden nur die schwedischen Zeitungen und nicht die deutschen. Ich habe darüber also wirklich nichts gehört.“

Borussia ist noch immer von den Qualitäten Wendts überzeugt

Die Tatsache, dass Gladbachs Sportdirektor den Linksverteidiger während des de Jong-Pokers nicht als Faustpfand anbot, zeigte dennoch, dass man in Mönchengladbach noch immer von den Qualitäten des Linksfußes überzeugt ist. Max Eberl dürfte sich dessen bewusst sein, das gute Linksverteidiger nicht auf den Bäumen wachsen. Immerhin: Mit Christopher Lenz hat man bereits eine hochtalentierte Alternative in der Hinterhand. Der 17-Jährige, der im Sommer von Hertha BSC Berlin an den Niederrhein wechselte, wird jedoch zunächst noch in der U19 spielen und auf höhere Aufgaben vorbereitet.

Oscar Wendt bleibt also bei der Borussia. Er muss bleiben, denn er wird gebraucht. „Im Fußball weißt du nie, was passiert und da können sich die Dinge so schnell ändern. Was ich aber jetzt sagen kann, dass mein Fokus nur auf Borussia Mönchengladbach liegt. Ich möchte hier bleiben, weil ich den Verein und die Mannschaft sehr mag. Alles ist gut, ich verstehe mich mit jedem und ich denke, die Atmosphäre in der Mannschaft ist gut. Was aber später, im Winter oder im Sommer passiert, das ist eine andere Sache.“ In Anbetracht der zu erwartenden Dreifachbelastung dürfte der Schwede allerdings durchaus hoffnungsvoller in die Glaskugel blicken. Kontrahent und Kapitän Filip Daems wird im Oktober 34 Jahre – es ist also nicht davon auszugehen, dass der Belgier eine ähnlich anmutige Saison noch einmal wiederholen wird, geschweige in der Lage ist, ein solches Niveau auf etwa 50 Pflichtspiele zu übertragen.


Der große Konkurrent von Oscar Wendt auf der linken Abwehrseite hat noch die Nase vorn: Kapitän Filip Daems

Daems geht weiter vorneweg

Wendt wird also zwangsläufig auf mehr Einsätze im Trikot mit der Raute kommen. Was er daraus macht, wird man sehen müssen. Die Anlagen, sogar zum Leistungsträger der Borussia zu mutieren, sind jedenfalls gegeben. Seine Athletik und Zweikampfstärke, gepaart mit einem guten Offensivspiel, könnten Wendt, dessen Kontrakt noch bis zum 30. Juni 2014 Gültigkeit besitzt, mit einiger Verzögerung doch noch in die Stammformation der Elf vom Niederrhein spülen.

„Es ist sehr wichtig, bei der kompletten Vorbereitung dabei zu sein und vielleicht ist es da auch ein Vorteil, dass ich im Sommer nicht für Schweden bei der EM gespielt habe.“
Im Moment scheint allerdings weiterhin Filip Daems die Oberhand zu behalten. Der Kapitän geht im Trainingslager in Rottach-Egern weiter voran. Beim 2:2 im Testspiel gegen Birmingham City kam Wendt erst ab der 73. Spielminute zum Einsatz – und das auf der linken Mittelfeldposition. Ob dies eine in Erwägung zu ziehende Möglichkeit für den Schweden darstellt? „Zauberfuß“ Juan Arango scheint da gesetzt, zudem tummeln sich im Mittelfeld der Borussia enorm viele Möglichkeiten.

„Ich denke, dass meine Hauptposition die des der linken Verteidigers ist, aber es ist auch kein Problem, wie in der vergangenen Rückrunde im linken Mittelfeld zu spielen. Wenn der Trainer möchte, dass ich im linken Mittelfeld spiele, dann spiele ich dort und wenn er möchte, dass ich linker Verteidiger spiele, dann spiele ich dort. Aber natürlich habe ich die meiste Zeit als Linksverteidiger gespielt und fühle mich dort auch sicherer, aber das Mittelfeld ist auch kein Problem für mich“, gibt sich der 26-Jährige selbst bezüglich der Positionsfrage relativ entspannt.

Weitere Geduld ist gefragt

Oscar Wendt wird sich also gedulden und vor allem kämpferisch durchsetzen müssen. Allein auf das Schwächeln eines Filip Daems zu setzen käme auch nicht infrage. „Ich hoffe, dass ich mehr spielen werde, aber die Entscheidung, wer spielt und er nicht, liegt beim Trainer. Das Einzige was ich tun kann ist jeden Tag im Training mein Bestes zu geben und zu zeigen, dass ich spielen möchte. Wenn ich dann spiele, dann bin ich natürlich glücklich und werde mein Bestes geben. Und sollte ich nicht spielen, dann werde ich die Mannschaft unterstützen und helfen, so gut ich kann. Denn am Ende ist es ein Mannschaftssport. Da ist das Team das Wichtigste und nicht ein Spieler“, gibt Teamplayer Wendt seine Marschroute für die kommenden Monate vor.

EURE MEINUNG: Oscar Wendt oder Filip Daems - wer wird im Verlauf der kommenden Spielzeit die Nase vorn haben?
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