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In jedem Jahr stellt sich wiederkehrend die Frage: Wie vereinen Profifußballer ihren muslimischen Glauben mit dem Leistungssport. Goal.com bemüht sich Antworten zu liefern.

Analyse
Von Christian Ehrhardt

Seit dem 20. Juli 2012 ist es wieder so weit – für die muslimischen Profifußballer und Profisportler weltweit ist die Fastenzeit, Ramadan, angebrochen. Gerade jetzt, wo sich die Klubs der Bundesligisten in der Vorbereitungsphase auf den Saisonstart am 24. August befinden und der diesjährige Ramadan erst am 19. August endet, gibt es faktisch eine 1:1-Überschneidung für Mehmet Ekici vom SV Werder Bremen, Franck Ribery vom FC Bayern München oder Mesut Özil von Real Madrid, um nur drei Spieler stellvertretend für eine Vielzahl von Berufs- oder Amateursportlern zu nennen. Auch für circa 3.000 Olympioniken bei den Olympischen Spielen in London stellt sich die Frage: Profisport auf höchstem körperlichen Level oder der Glaube.

Was ist Ramadan?

Ramadan ist eine der sogenannten fünf Säulen des Islam, sprich also zu den Pflichten des Gläubigen gehörend. Verstanden wird es so, dass man in dieser Zeit, die als eine lange Gottesdienstperiode angesehen wird, seinen Körper und seine Seele reinigt. Ramadan ist im Grunde das islamische Pendant zur christlichen Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern, die 40 Tage andauert – nur dass sich weitaus mehr Menschen weltweit daran halten. Religiöse Vorgabe ist es, sich zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang Speisen und Getränken zu enthalten. Zusätzlich sind das Rauchen, der Geschlechtsverkehr und Dinge wie Beleidigungen, Lügen und so weiter dem Gläubigen untersagt. Kurz und gut: Man soll den irdischen Gelüsten entsagen. Zusätzlich dazu hat Ramadan eine Komponente der Nächstenliebe. So ist es Usus, dass jeder Mensch, der die Möglichkeit hat, den Armen spenden soll/muss. In nicht wenigen muslimischen Ländern werden dafür vorgefertigte Pakete in unterschiedlichen Größen angeboten, die man käuflich erwerben kann und die diverse Grundlebensmittel wie auch Süßigkeiten enthalten. Verschenkt werden diese Pakete an die Bedürftigen.

Ausnahmen zur Teilnahme am Ramadan

Keine Regel ohne Ausnahme – das gilt auch für Ramadan. So sind zum Beispiel schwangere Frauen, Kinder, Alte und Kranke von der Pflicht des Fastens entbunden. Schwangeren Frauen und Kranken wird die Möglichkeit gegeben, diese Fastenzeit nachzuholen. Das ist die „Lücke“, die auch einige Profisportler für sich entdeckt haben. Die Verschiebung von Ramadan, indem man die Fastenzeit vorverlegt oder nachholt.




Wer also da ist von euch in diesem Monat, der möge ihn durchfasten; ebenso viele andere Tage aber, wer krank oder auf Reisen ist. Allah wünscht euch erleichtert und wünscht euch nicht beschwert und dass ihr die Zahl der Tage erfüllen und Allah preisen möchtet dafür, dass Er euch richtig geführt hat und dass ihr dankbar sein möchtet.


Koran: Sure 2, Vers 185

 

Da haben wir es doch, das religiöse „Loophole“. Wer sich auf Reisen befindet, der kann verschieben. Das Fasten zu Ramadan soll Körper und Seele entlasten, aber nicht zu einer Bürde oder gar Gesundheitsgefährdung werden, sagt schon der Koran sehr deutlich und eigentlich unmissverständlich aus. Damit ist im Grunde klar: Wer zu Olympia reist, ins Trainingslager geht, Reisen für Vorbereitungsspiele auf sich nimmt und hart auf die Saison vorbereitend trainiert, ist von der kalendarisch vorgeschriebenen Fastenzeit entbunden, um sie später nachzuholen. Problem gelöst. Eigentlich.

Zwiespalt Leistungssport und Glaube

Ziel einer Vorbereitung im Fußball ist es, sich optimal auf den Start der Saison vorzubereiten. Dazu gehören intensive Trainingseinheiten, welche die Ausdauerbelastbarkeit fördern. Dem Körper in dieser Zeit dringend benötigte Nahrung und vor allen Dingen Flüssigkeit zu entziehen ist purer Leichtsinn und je nach Witterungssituation sogar lebensgefährlich. Das Fasten der Profisportler wird also zu einem inneren Kampf zwischen dem eigenen religiösen Gewissen und dem Wissen um die Verpflichtung gegenüber seinem Arbeitgeber, dem Verein.

Bremens Profi und Hoffnungsträger Mehmet Ekici hat es vorausschauend und sehr weise gelöst. Er spendet für die Zeiten, an denen er nicht den Geboten des heiligen Buches Koran folgen kann, einen gewissen Betrag an notleidende Kinder in der Türkei. „Ich habe keine Chance, die Ramadan-Vorschriften einzuhalten. Stattdessen werde ich für jeden Tag, an dem ich gegen den Ramadan verstoße, einen Geldbetrag für arme Kinder in der Türkei spenden. Das ist so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz“, sagte Ekici auf Nachfrage der dpa.

Auch Sami Allagui, Neuzugang von Hertha BSC, ist sich seiner Verantwortung für Verein und seinen Körper bewusst. „Ich faste nicht. Für Leistungssportler ist das in der Vorbereitung schwierig, und deshalb gibt es die Ausnahme. An freien Tagen aber versuche ich es“, ließ auch er die dpa wissen. Gerade dann, wenn in der Vorbereitungszeit – nicht nur bei Felix Magaths Kader – viel geschwitzt wird, muss ein Sportler den Flüssigkeitsverlust zeitnah ausgleichen oder er geht das Risiko von Verletzungen ein.

Auch der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat in dieser Hinsicht eine klare und sehr unmissverständliche Haltung im Interesse des Profifußballers und der Athleten, die absolut korankonform ist. „Die Unversehrtheit, die Gesunderhaltung des Körpers hat höchste Priorität und gehört damit auch zu den Vorschriften im Islam. Manche Familien haben noch nicht so realisiert, dass Profifußball ein körperlich extrem harter Job ist, wie etwa die Arbeit Untertage oder am Hochhofen“, sagte der Vorsitzende Mazyek zur Problematik und zum Zwiespalt. Wohlerkennend, dass in einer Leistungsgesellschaft wie dem Profisport gewisse Dinge zurückstehen müssen.

Auch Nicolas Anelka hat mit dem Fasten und Ramadan in Verbindung mit dem Profisport auf höchstem Niveau negative Erfahrungen gesammelt. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich mir kurz nach dem Ramadan Verletzungen zugezogen habe, deshalb konnte ich ihn nicht mehr strikt befolgen“, sagte der Starspieler, der nun in China bei Shanghai Shenhua spielt. Er unterstützt damit die Aussagen des Zentralrates, dass die Fastenzeit in Kombination mit dem Profisport ein erhöhtes Sicherheitsrisiko für den Spieler und den Verein beinhaltet.

Fasten aus sportmedizinischer Sicht

Medizinisch gibt es keinerlei Zweifel daran, dass Ramadan und Fasten nicht mit dem Profisport und hoher physischer Belastung korrelieren. Gerade die zugeführte Flüssigkeit ist von enormer Wichtigkeit, wohingegen ein Verzicht auf feste Nahrung noch kompensiert werden kann. Die Faustformel lautet: Je Stunde absolviertem Leistungssport soll dem Körper zwischen einem und zwei Liter Flüssigkeit additional zugeführt werden. Ein Weglassen dieser lebensnotwendigen Flüssigkeit, vorzugsweise mit Elektrolyten angereichert, kann bis zum Kreislaufversagen führen. Sportmedizinisch wird als erwiesen angesehen, dass ein Fastender keine längeren Sporteinheiten – wie zum Beispiel Trainingseinheiten in der Saisonvorbereitung oder gar ein Spiel über 90 Minuten – absolvieren sollte, ohne das Risiko einzugehen, gesundheitliche Schäden davon zu tragen. Nicht wenige Sportmediziner sprechen sich sogar dafür aus, fastende Spieler für die Fastenzeit aus Sicherheitsgründen komplett aus dem Kader zu streichen.

Spättraining in der Türkei

In der Türkei hat man die Ramadan-Problematik damit umgangen, dass man die Trainingszeiten im Fastenmonat auf den späten Abend verlegt. So haben die Spieler unter Tage keine harten Belastungsphasen und können in den Abendstunden trainieren. So ist eine Kollision mit dem Fastenmonat weitgehend umschifft und man hat den guten Nebeneffekt, dass es in den Abendstunden kühler und somit weniger belastend ist, hart zu trainieren. Doch das Modell greift natürlich nicht für Bundesligavereine und ihre muslimischen Spieler.

Ekici mit Vorbild-Charakter

Als Fazit kann man zusammenfassen, dass vorausschauende Profis wie Mehmet Ekici oder Sami Allagui und andere, die sich der Verantwortung gegenüber ihrem Körper und auch gegenüber ihrem Arbeitgeber bewusst sind, Vorbild-Charakter haben – zumal der Koran die Möglichkeit des Verschiebens von Ramadan unter bestimmten Voraussetzungen ausdrücklich einräumt. Von daher, wenn man ehrlich und völlig entspannt an die Thematik heran geht, besteht dieser Konflikt also gar nicht. Entweder kann die Zeit durch Spenden an Bedürftige aufgefangen werden oder aber man holt sie als betroffener Spieler zu einem passenden sowie spielfreien Zeitraum einfach nach. Selbst eine Teilung des Fastenzyklus ist nach Meinung einiger Imame möglich, so unter dem Strich der Gesamtzeitraum dabei rausspringt. 

Für Türkei-Updates folge Christian Ehrhardt auch auf 

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