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Schon als kleiner Junge war er auf dem Rasen der Bundesliga-Stadien mehr oder weniger unfreiwillig von den Fans bejubelt worden. Nun ist er dort als Profifußballer selbst aktiv.

Dortmund. Leonardo Bittencourt von Borussia Dortmund hat alles schon ein wenig früher als andere erleben dürfen. Auf dem Rücken seines Vaters und Profifußballers Franklin konnte Leonardo Bittencourt bereits in jungen Jahren einen ersten Vorgeschmack von der beeindruckenden Bühne Bundesliga erhaschen. Der Traum wuchs in ihm immer stärker heran, in die großen Fußstapfen des für den FC Energie Cottbus spielenden Vaters zu treten. Gut ein Jahrzehnt später muss man ein erstes Fazit ziehen. Und dieses sieht überaus positiv für den gebürtigen Leipziger aus, denn mit dem Wechsel von Zweitligist Energie Cottbus zum deutschen Double-Sieger Borussia Dortmund hat er sich seinen Traum selbst erfüllen können.

Auch Vater war Profifußballer

Sicherlich hat sein Vater großen Einfluss auf „Leo“, wie sein Spitzname lautet. Als Vorbild und großer Förderer ist er bis zum heutigen Tag ein wichtiger Begleiter im Leben seines kickenden Sohnes. Es gibt viele Parallelen, doch die Position im Spiel ist völlig unterschiedlich. Während Leo sich im Mittelfeld am meisten wohlfühlt, agierte Franklin einst als Stürmer. Im Jahr 1992 wechselte Franklin von Fluminense Rio de Janeiro nach Deutschland, um bis 1998 für den VfB Leipzig in der Bundesliga zu spielen. Schnell konnte er sich in seiner neuen Wahlheimat einleben und wurde auf seiner zweiten Deutschland-Station bei Energie Cottbus rasch zum Publikumsliebling.

Einzeltraining mit Vater Franklin

Ab der Saison 2005/06 wurde er Co-Trainer und Talentscout in Cottbus. In dieser Zeit zeigte sich immer deutlicher, dass sein jüngster Sprössling Leo großes Potential besitzt. Stundenlang zeigte der Vater seinem Filius alle möglichen Tricks, um ihn für die fußballerischen Anforderungen bestmöglichst vorzubereiten. Schon damals war er körperlich seinen Gegenspielern meist unterlegen. Mit Technik und Eleganz lernte er, sich durchzusetzen. Auch viele Einzelgespräche erwiesen sich als sehr gute Schule, um auch mental den erhöhten Anforderungen Rechnung zu tragen. Über seine ersten Erfahrungen mit dem runden Leder erklärt die Nummer 32 im Dortmunder Kader gegenüber spox: „Fußball spielen war für mich seit jeher das Größte. Keine Ahnung, ob das unbewusst durch meinen Vater entstanden ist. Ich habe mir früher zu jedem Geburtstag einen Ball gewünscht und oft mit meinem Vater im Garten gekickt. Im Verein ging es dann ganz klassisch in der F-Jugend von Energie Cottbus los. Ich habe auch Tennis gespielt, aber das war nur ein Hobby.“

„Leo hat bereits alles

Der Junge lernte schnell in der rauhen Fußballwelt und schon im Alter von gerade einmal 17 Jahren erlebte der Hochtalentierte sein Profidebüt für das Zweitliga-Team von Energie Cottbus. Fortan wurde er im zentralen Mittelfeld eingesetzt und zeigte auf dieser Position beeindruckende Leistungen, die seinen ehemaligen Trainer Claus-Dieter Wollitz schwärmen ließen. So sagte etwa Wollitz dem kicker: „Leo hat bereits alles, was den Fußball momentan ausmacht. Wenn er so weitermacht, werden wir ihn bald in der 1. Liga sehen.“ Früh sicherte sich auch der DFB die Dienste des vielseitig einsetzbaren Mittelfeldspielers, dessen Talent unübersehbar gewesen ist. So hat er insgesamt schon 15 Partien für die U17 bis U19-Auswahlteams des deutschen Fußball-Bundes bestritten.


Drei Millionen an Ablösesumme

Die überragenden Fähigkeiten in den Bereichen Technik, Übersicht und Torschuss weckten das Interesse von zahlreichen Vereinen, die mit lukrativen Angeboten um die Gunst des Teenagers buhlten. Dabei trat offensichtlich Borussia Dortmund am überzeugendsten auf, denn schon am 1. Dezember 2011 wurde publik, dass sich das deutsche Vorzeigeteam die Dienste von Bittencourt bis zum 30. Juni 2016 gesichert hat. Stolze drei Millionen Euro an Ablösesumme flossen von Dortmund nach Cottbus.

„Leo passt perfekt in unser System"

Gegenüber der Münsterland Zeitung zeigte sich Dortmund-Trainer Jürgen Klopp sehr erfreut über seinen erfolgsversprechenden Coup: „Ich bin stolz, dass er sich uns ausgesucht hat.“ Und beschrieb zugleich die Stärken seines neuen „Rohdiamanten“: „Er ist schnell, technisch stark und passt perfekt in unser System.“ Dabei kombiniert Bittencourt brasilianische Eleganz mit deutscher Disziplin. Dem Motivationskünstler Jürgen Klopp wird es zugetraut, dass er diesen jungen Spieler entwickeln kann. Klopps Ziel: „Wir haben vor, aus ihm den Spieler zu machen, der er sein kann.“  Denn sein Händchen für Talente hat der zurzeit beste Übungsleiter in Deutschland schon häufig bewiesen. Verbesserungsbedarf gibt es beim spielfreudigen Leo vor allem im Kopfballspiel und der Robustheit bei den Zweikämpfen.

„Vom Wechsel war ich zu 100 Prozent sicher“

Dass der Vertrag in Dortmund besser dotiert ist als in Cottbus, versteht sich von selbst. Doch der smarte Leo nennt gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung auch andere Gründe für den Transfer zum BVB: „Das Gespräch mit Jürgen Klopp, Michael Zorc, Hans-Joachim Watzke und meinem Berater Wassily Krastanas in Dortmund war ausschlaggebend. Das hat mich sehr beeindruckt. Sie waren locker, ehrlich und haben mich mit ihrer Idee, auf junge deutsche Spieler zu setzen, überzeugt. Danach war ich mir 100 Prozent sicher, dass ich dahin will, und mein Berater hat sich um den reibungslosen Ablauf der Verhandlungen gekümmert. Nach dem Gespräch war ich noch im Stadion. Das war leer. Jetzt will ich es mal voll erleben. Es ist doch ein Traum, wenn 80.000 Menschen deinen Namen rufen.“

Harter Konkurrenzkampf

Ein gewisses Selbstvertrauen zeichnet den talentierten Mittelfeldspieler ohnehin aus. So scheut er auch den massiven Konkurrenzdruck nicht, denn immerhin gibt es auf seiner Paradeposition im zentralen Mittelfeld enorme Konkurrenz. Ob Kapitän Sebastian Kehl, die beiden deutschen Nationalspieler Sven Bender und Ilkay Gündogan oder ein weiteres Ausnahmetalent wie Moritz Leitner: Alle pochen auf einen Startplatz und werden es dem Neuankömmling so schwer wie möglich machen. Durch die zahlreichen Einsätze in Bundesliga, DFB-Pokal und auch Champions-League wird er jedoch zu entsprechenden Spielanteilen kommen, wenn die Leistung dafür ausreichen sollte. Für Klopp ist die Leistung das ausschlaggebende Kriterium. Bei anderen Youngstern wie Mario Götze, Marcel Schmelzer oder auch Sven Bender hat er auch der jugendlichen Unbekümmertheit eine faire Chance gegeben.

Geduld wird eine wichtige Tugend sein

Eine ganz wichtige Eigenschaft, die Leonardo Bittencourt jedoch besonders in den ersten Wochen in Dortmund beherzigen muss, ist Geduld. Eine neue Erfahrung für ihn, denn bisher hat er als Frühstarter auf sich aufmerksam machen können.Bereits als 17-Jähriger konnte er in der Zweiten Bundesliga für Cottbus debütieren. Auch in den Auswahlmannschaften war er stets einer der Jüngsten. Seine direkten Konkurrenten im defensiven, zentralen Mittelfeld sind Gündogan und Leitner. Die beiden Akteure nimmt er sich als Vorbild, wenn er den Ruhr Nachrichten sagt:  „Die beiden haben bewiesen, dass man in Dortmund Geduld haben muss, dass man aber auch seine Chance bekommt.“ Er ist Realist genug, um einschätzen zu können, dass auch ein Schritt zurück manchmal zwei nach vorne sein können. Deshalb zieht er es durchaus in Betracht, wenn er auch in einigen Spielen für die Dortmunder Reserve in der 3.Liga antreten wird. Seine Begründung für diese willkommende Spielpraxis: „Ich komme aus der zweiten Liga, da wäre es doch zu hochgegriffen, wenn ich sofort einen Stammplatz fordern würde.“


„Ich habe meine Ziele

Doch von der eigenen Stärke überzeugt, nimmt er zumindest schon einmal verbal den Konkurrenzkampf an, wie er in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung kurz nach seiner Vertragsunterzeichnung verdeutlicht hat: „Konkurrenz belebt das Geschäft. Natürlich ist es auch für mich ein Riesensprung aus der Zweiten Bundesliga zum Meister. Aber wenn ich mir nicht zutrauen würde, mich durchzusetzen, hätte ich den Schritt nicht gemacht. Ich will lernen, vom Trainer, von älteren Spielern. Ich will neue Aufgaben übernehmen. Irgendwann will ich zum 18-er Kader gehören, mich in die Mannschaft kämpfen und Spiele machen. Ich will mich nicht zu sehr unter Druck setzen. Aber ich habe meine Ziele.“

Mit Familie nach Dortmund

Seit einigen Wochen befindet er sich nun im Kreis seiner neuen Kollegen und konnte sich einen ersten Einblick vom neuen Umfeld und vor allem auch den neuen Anforderungen machen, die ihn in der nächsten Zeit fordern und fördern werden. Leo ist ein absoluter Familienmensch und deshalb hat er gemeinsam mit seinen Eltern ein Haus in Dortmund bezogen. Auch sein Bruder soll nachkommen, sobald er seine Ausbildung zu Ende geführt hat. Dies könnte ein großer Vorteil für ihn darstellen, da er somit nicht komplett auf sich allein gestellt sein wird, um sich in einem neuen Verein und in einer neuen Stadt möglichst schnell zurechtzufinden. Bisher hat er fast ausschließlich den Trainingsplatz gesehen. Die Schönheiten der Stadt Dortmund haben noch keine Priorität genossen.

„Mannschaft hat mich toll aufgenommen“

Über seinen ersten Eindruck berichtet er den Ruhr Nachrichten: „Es macht mir Riesenspaß. Die Einheiten sind zwar auch anstrengend, aber das ist ja normal für die Vorbereitung. Die Aufnahme durch die Mannschaft war echt klasse, da sind die erfahrenen Spieler auf mich zugekommen und haben mir ihre Hilfe angeboten. Es herrscht eine tolle Atmosphäre, das ist völlig problemlos gelaufen.“ Durch seine verbindliche, sympathische und offene Art hat er in den ersten Wochen sich vollauf in das Dortmunder Team integrieren können. Man sieht ihm an, dass der spielerische Stil der Borussia perfekt zu seiner Spielweise passt.


„Es ist doch ein Traum, wenn 80.000 Menschen deinen Namen rufen.“

„Leo“ Bittencourt

„Die Leute hier leben für den Fußball“

Trotzdem hat der Edeltechniker seinem neuen Trainer bereits seinen unbändigen Ehrgeiz eindrucksvoll demonstrieren können. Durch den in der letzten Spielzeit erlittenen Außenbandanriss im linken Knie musste er sehr intensiv im Rehazentrum in Donaustauf an seiner körperlichen Verfassung arbeiten. So arbeitete das Leichtgewicht (60 kg bei 1,71 Metern) schon zwei Wochen vor dem offiziellen Trainingsstart an seiner Fitness. Die Mühen haben sich letztlich vollauf gelohnt, denn in einem hervorragenden körperlichen Zustand konnte Bittencourt vor rund zwei Wochen zum Trainingsauftakt in Dortmund erscheinen. Der Neuzugang versucht seine Begeisterung in Worte zu verpacken, wenn er den Ruhr Nachrichten sagt: „Hier ist so viel los. Viel mehr als in Cottbus. Und die Leute hier leben wirklich für den Fußball. Allein bei der Trikotvorstellung waren mehrere Tausend Leute. Da möchte ich mir gar nicht ausmalen, was erst im Stadion los sein wird.“

Kevin Großkreutz macht ihn BVB-tauglich

Damit er auch diese ganz besondere Mentalität, diese ganz spezielle Beziehung der Dortmunder zu „ihrem“ BVB verstehen kann, wurde er im Trainingslager in Kirchberg von seinem Zimmernachbarn, dem „fußballspielenden BVB-Fan“ Kevin Großkreutz, mit den besten Dortmund-Liedern versorgt. Immer wieder wurden die BVB-Gassenhauer vorgespielt. Der textsichere Großkreutz gab ihm auch in emotionaler Hinsicht die Unterstützung, um das Einleben sichtbar zu erleichtern. In mühevoller Kleinarbeit versuchte der eloquente Leo sich zumindest die Refrains zu merken, was prinzipiell als gelungen bezeichnet werden kann. Auch dies kann als eindeutiges Zeichen gewertet werden, dass er gewillt ist, sich zu integrieren. Viel spricht in diesen Tagen für eine erfolgreiche Zeit von Leonardo Bittencourt bei Borussia Dortmund. Doch wie sagte schon der legendäre Sepp Herberger: „Entscheidend ist auf dem Platz.“

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