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Wer kommt, wer geht? Was diese Fragen angeht, sitzt der Liverpool-Fan als solcher auf dem Trockenen. Kaum ein Hinweis dringt nach außen. Man plant hinter verschlossenen Türen.

Liverpool. Mit Brendan Rodgers ist ein neuer Geist in das zerstreut wirkende Team des FC Liverpool gefahren. Es wird von Aufbruch, Verbesserung und Erfolg gesprochen. Ein Jay Spearing sitzt selbstbewusst bei der Pressekonferenz und sagt: „Dann muss ich dem Trainer eben beweisen, dass er niemanden für meine Position kaufen muss.“ Der Trainer, Rodgers, lässt sich aktuell allerdings nicht in die Karten schauen. Kaum ein Name fällt in Verbindung mit den „Reds“.

Fakt ist, dass Dirk Kuyt Anfield verlassen hat. Fenerbahce Istanbul musste wegen einer Ausstiegsklausel gerade einmal eine Million Euro für den niederländischen Nationalspieler zahlen. Einen ernsthaften Ersatz gibt es noch nicht. Der erfahrene Offensivspieler wird der Mannschaft in jedem Fall fehlen. Sein Willen, seine ehrliche Arbeit und seine Ruhe, auch in der 103. Minute im Spiel bei Arsenal vorletzte Saison den Elfmeter zu verwandeln oder in Derbys gegen Manchester United die Fans singen zu lassen, kann aktuell niemand im Kader auf der Position übernehmen.

Carroll: Should he stay or should he go?

Ein absoluter Dauerbrenner in der Gerüchteküche ist Andy Carroll. Den einen Tag soll er zum AC Milan verliehen werden, am nächsten Tag soll West Brom interessiert sein. Klar scheint zu sein, dass er definitiv gehen wird. Namhafte Journalisten der Times haben sich bereits dahingehend geäußert. Auch Brendan Rodgers selbst konnte kein klares Bekenntnis zu einer Planung mit Carroll für 2012/13 abgerungen werden. Aber was würde Sinn machen? Den jungen Stürmer behalten, ein Leihgeschäft oder ein Eingeständnis, dass diese 35 Millionen in den Sand gesetzt wurden?

Fairerweise muss festgehalten werden, dass Carroll zum Ende der Saison langsam aus seinem torlosen Dornröschenschlaf erwacht ist. Hattricks sind ihm sicherlich keine gelungen, aber der Einsatz stimmte. Klingt doch eigentlich ganz positiv, wäre er nicht die einzige verfügbare Neun. In dieser Form ist Carroll auch nach guten Auftritten bei der EM 2012 nicht tragbar, wenn gleichzeitig die Top Four wieder angegriffen werden sollen. Ein Leihgeschäft sollte ebenfalls umgangen werden. Stelle man sich im schlimmsten Fall vor, er spielt eine schlechte Saison bei beispielsweise West Ham, wie viel Verlust will man bei einem anschließenden Transfer noch riskieren? Falls ein kaufwilliger Verein gefunden wird, sollte man sich im Guten mit Carroll trennen.

Lucas Leiva – ein Neuzugang?

Man muss tatsächlich von einer „Neuverpflichtung“ sprechen. Lucas Leiva fiel Ende November 2011 mit einem Kreuzbandriss offiziell bis Mitte Juni 2012 aus. Er ist wieder voll im Training, muss aber selbstverständlich noch körperlich einiges aufholen. Laut Brendan Rodgers verfügt der Brasilianer allerdings über genügend „Sinn für Taktik und Technik“, um die letzte Hürde schnell zu nehmen. Diese zwei Worte, die Rodgers bei der Pressekonferenz fallen ließ, waren über weite Strecken das, was Leivas Vertretern einerseits wie andererseits fehlten. Seine Rückkehr wird das defensive Mittelfeld festigen beziehungsweise wieder herstellen.

Cole und Aqua kehren zurück

Bei Joe Cole ist die Sache ziemlich klar. Er gab bereits reißerische Interviews, dass er nun im zweiten Anlauf die Fans in Anfield begeistern wolle. Der offensive Mittelfeldspieler hatte die letzte Saison nicht unerfolgreich begonnen: In seinen ersten sieben Einsätzen gelangen ihm zwei Treffer und vier Vorlagen. Danach legte er allerdings in weiteren 25 Spielen nur noch zwei Treffer nach. Auch seine erste Spielzeit für Liverpool 2010/11 war ein Fiasko. Hier gelangen ihm zwei Tore und eine Vorlage. Fairerweise muss gesagt werden, dass er in der Rückserie wenn überhaupt nur noch für die letzten paar Minuten kam. Viele hoffen darauf, dass Cole von Rodgers' taktischer Raffinesse profitieren wird und in einem Kader ohne durchschlagende Offensivspieler ein guter Joker werden könnte. Man muss abwarten, ob er am Ende wirklich begeistert.

Alberto Aquilanis Agent ist eine ausgesprochen Quasselstrippe. Kommt die Transferperiode, weiß man, dass es wieder jeden Tag ein neues Statement des Beraters bezüglich des Verbleibs seinen Klienten geben wird. „Aqua“, der im zentralen Mittelfeld beheimatet ist, wurde im August 2009 für eine stattliche Summe von 20 Millionen Euro vom AS Rom gekauft, kam in der folgenden Saison hauptsächlich von der Bank und wurde die nächsten zwei Jahre erst an Juve zuletzt an Milan verliehen. Hätte Aquilani nicht galaktische Gehaltsvorstellungen, wäre er entweder bei einem seiner Leih-Klubs geblieben oder hätte schnell genug einen anderen Verein gefunden. Bei Liverpool scheint er zumindest nicht Fuß zu fassen. Rodgers hat sich noch nicht zu ihm geäußert. Vielleicht wird er bis Ende August noch abgegeben.

Wie stark ist der Kader?

Abwehr

Zu SkySportsNews sagte Ian Rush: „Wir haben mit Reina einen wirklich tollen Torhüter, überall sonst können wir uns verbessern.“ Ganz so düster sieht es nicht aus. Sollte Innenverteidiger Martin Skrtel sich nicht von Millionen aus Anzhi locken lassen und bleiben, ist die Abwehr extrem gut aufgestellt. Rechts stehen gleich zwei englische Nationalspieler mit Johnson und Kelly parat, im Blickfeld wartet John Flanagan, der für sein Teenie-Alter bereits bemerkenswerte Spiele gezeigt hat. Innen spielen die Platzhirsche Skrtel und Daniel Agger. Auf der Bank warten Sebastian Coates, ein Neueinkauf der letzten Saison und talentierter Mann für Innen, und Jamie Carragher, für den langsam aber sicher ein Ersatz geholt werden sollte. Ob „Carra“ noch lange eingesetzt wird, bleibt abzuwarten. Selbst unter „King Kenny“ Dalglish hatte der erfahrene Verteidiger zuletzt nicht mehr gespielt. Links spielt mit Jose Enrique ein fabelhafter Linksverteidiger, der defensiv wie offensiv stark agiert. Nur seine Formschwankungen muss er noch in den Griff bekommen.

Defensives Mittelfeld

Im defensiven Mittelfeld sollte man meinen, dass die „Reds“ gut aufgestellt sind. Steven Gerrard, der vom Verletzungspech verfolgte Kapitän, der bereits angesprochene Lucas Leiva, Jay Spearing, ein gewissenhafter Zerstörer, der wunderbar mit Gerrard harmoniert. Jordan Henderson, der bei der EM als erster Einwechselspieler kam, ist ein großes Talent für die Zukunft. Noch fehlen ihm Bissigkeit und Mut gegenüber dem Gegner wie vor dem Tor. Er kann auch auch weiter vorne oder auf dem Flügel spielen. Mit Jonjo Shelvey wurde gerade erst der Vertrag verlängert, wie Spearing, Flanagan und der Linksverteidiger Back-Up Robinson ein Spieler aus der eigenen Jugend. Es ist gut möglich, dass Shelvey wieder verliehen wird, letzte Saison musste er früh zurückkehren, nachdem sich Leiva verletzt hatte. Ein Talent wie er braucht Spielpraxis, die er aktuell bei Liverpool noch nicht bekäme. Auch sein Können als direkt offensiver Spieler sollte gefördert werden. Charlie Adam hingegen dürfte wohl als waschechter Dalglish-Einkauf keiner zu rosigen Zukunft entgegen blicken. Letzte Saison enttäuschte er über weite Strecken.

Offensives Mittelfeld

Die Frage aller Fragen ist selbstverständlich, mit welchem System Rodgers spielen lässt. Man kann gar ein 4-3-3 vermuten. Wer sind die offensiven Kandidaten? Stewart Downing hatte ebenfalls eine harte erste Saison bei den Reds. Nichts schien ihm zu gelingen, wirklich torgefährlich war er nicht, wirklich gut waren seine Flanken auch nicht. Was soll man mit Downing nun anfangen? Auch hier muss man noch auf heilende taktische Hilfe und klare Aufgabenverteilung von Seiten des neuen Trainers hoffen. Man sollte ihm allerdings die Chance auf jeden Fall geben. Ein Ersatz für Kuyt muss selbstverständlich noch geholt werden, wer hier auf der Liste steht, ist unbekannt. Craig Bellamy wird sehr stark mit einer Rückkehr zu seinem Heimatverein Cardiff City in Verbindung gebracht. Gut möglich, dass er dort beim sehr wahrscheinlichen Aufstieg helfen möchte. Schlägt unter Rodgers die Stunde des Maxi Rodriguez? Der Rechtsaußen konnte machen, was er wollte, unter Dalglish hat er keine Schnitte bekommen. Auch er wollte gehen, scheint allerdings mit neuem Trainer auch selbst noch einmal neu angreifen zu wollen. Sollte Dani Pacheco nicht verliehen oder verkauft werden, wäre der 21-jährige Spanier ein wunderbarer Joker für Links, der durch Schnelligkeit und gekonnte Dribblings auffällt.

Sturm

Im Sturm steht eigentlich nur noch Luis Suarez auf der Liste. Der Uruguayer steht komplett außer Frage und war der Spieler der letzten Saison bei den „Reds“ - bedenkt man allein das, was er spielerisch gezeigt hat. Der Skandal um rassistische Beleidigungen gegenüber Patrice Evra, für die er eine Sperre von acht Spielen kassierte, waren so unnötig wie ein Kropf. Man mag ihm seine Argumentation lassen, dass Menschen dunkleren Typs (von schwarzen Haaren bis zur dunkleren Hautfarbe) in seinem Land ohne rassistische Hintergedanken mit „Negro“ angesprochen werden, dennoch spielt er schon lange genug in Europa, um zu wissen, was dieses Wort außerhalb des kulturellen Sprachgebrauchs in Uruguay bewirkt. Generell hat er sein Temperament auf dem Platz nach der Sperre sehr gut in den Griff bekommen. Sein Können als Stürmer, hängende Spitze oder auch Ersatzmann auf dem Flügel muss gar nicht erst besprochen werden. Er hat dem FC Liverpool in vielen Spielen seit seinem Wechsel im Januar 2011 die vier Buchstaben gerettet.

Fazit

Es halten sich hartnäckigst Gerüchte um Fabio Borini, einen 21-jährigen Mittelstürmer von der Roma. Seine Quote von neun Toren in zwanzig Spielen letzte Saison sieht erst einmal ganz positiv aus. Wird er richtig eingesetzt, liefert er ab. Bereits am Donnerstagabend wurde der Deal von italienischen Medien als fix gemeldet, sollte es keine Ente gewesen sein, könnte noch am Freitag die Bestätigung kommen.

Ansonsten sucht der FC Liverpool händeringend torgefährliche Spieler und sollte über einige Abgänge nachdenken. Geht Carroll, müssen sogar zwei Stürmer eingekauft werden. Es sollte sich hierbei um erfahrene Spieler handeln, die ohne lange Eingewöhnung zurechtkommen. Nochmal wird sich der FC Liverpool keinen „Big Andy“ leisten können, der über 18 Monate nicht richtig rein gefunden hat. Auch wenn ihm gelassen werden muss, dass das Mittelfeld hinter ihm oftmals gleich mit versagt hat und ihm die richtigen Zuspiele gefehlt haben. Daher sollte auch über einen neuen Flügelspieler nachgedacht werden. Dortmunds Kuba soll die „Reds“ interessieren. Er wäre eine großartige Verstärkung und würde den „Arbeiter“ Kuyt gut ersetzen.

Ein Linksverteidiger als Vertreter für Jose Enrique muss noch geholt werden, ein Back-up für die Innenverteidigung wäre diesen Sommer oder im Winter langsam ratsam. Wer kommen könnte, ist offen. Dieses Transferfenster lässt sich Liverpool beim besten Willen nicht auf den Zettel schauen. Eine wunderbare, altmodische Art, an die Sommerpause zu gehen. Bei Pressekonferenzen weist Rodgers kühl daraufhin, dass er Ende August sein Team beisammen haben wolle. Es ist also noch viel Zeit und die Ausgangslage für Liverpool ist klar. Man darf gespannt sein, ob 2012/13 nun endlich der komplette Umbruch auch in taktischer Hinsicht kommt, der nach dem Weggang von Roy Hodgson im Winter 2010/11 zunächst mit Kenny Dalglish versucht wurde.

 

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