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Die „Selecao“ ist nur noch auf Platz 11 – Krisenstimmung, Bestürzung und Trübsinn überschatten die Diskussion über das Versagen der Mannschaft.

ANALYSE
Von Daniel Edwards

Es gehört dazu, dass mit jedem Versuch, bei dem man die chaotische und dynamische Welt des Fußballs in eine ordentliche und geradlinige Tabelle zwängen will, die Fifa-Weltrangliste ihren Teil des Spottes und der Verachtung abbekommt. Sogar ein scheinbar positives Ergebnis der Rechenmaschinen wird nur hämisch belächelt; bezeugen kann das die englische Zeitung The Daily Mail und ihre zweifelhafte Reportage darüber, dass England vor Italien die viertbeste Mannschaft der Welt ist, auch weil es für einige überwältigende Beweise gebe, dass es mehr als ein Witz sei, dass Spanien die Weltrangliste anführt.

Nicht mehr unter den Top 10

Aber am anderen Ende des Ozeans lacht niemand. Gewohnt, den Rest der Welt anzuführen, wenn es um die Beherrschung des runden Leders geht, wurden die Südamerikaner am 4. Juli mit einer Schreckensmeldung geweckt. Nicht nur, dass Neymar, Thiago Silva & Co. nicht mehr für die besten der Welt gehalten werden – was keine Überraschung war – aber zum ersten Mal in der Geschichte, sind sie nach der Fifa-Rangliste nicht mehr unter den besten 10 Mannschaften der Welt.

Kein Turnier, keine Punkte

Die „Selecao“, Gastgeber der nächsten Weltmeisterschaft 2014, hat in den letzten Jahren an keinem Wettbewerb teilgenommen. Eine Tatsache, die bei der Berechung des Ranglistenplatzes schwer wiegt. Denn das hat entscheidenden Einfluss auf die Rangliste, besonders wenn sich die europäischen und südamerikanischen Konkurrenten mit hochklassigem Fußball beschäftigen, denn das zählt in den Augen der Fifa weitaus mehr.

Während Italien und England dank ihrer Punkte-Ausbeute bei der EM 2012 in der Rangliste im Juni mit die größten Sprünge nach oben gemacht haben, hat Brasilien nur zwei Freundschaftsspiele absolviert und beide (gegen Argentinien und Mexiko) verloren. Außerdem wurden die beiden Spiele mit einer Mannschaft verloren, die bei den bevorstehenden olympischen Spielen aufläuft, ihrer Spieler über 23 beraubt wurde und die sich nichtsdestotrotz mit beiden Gegnern aus den Top 20 hart umkämpfte Duelle lieferte. Die Mannschaft von Mano Menezes ist unverbraucht und unerfahren, aber entwickelt sich stetig und das Letzte was man jetzt braucht, ist Panikmache.


Der Vollstrecker | Messi erzielte im Freundschaftsspiel gegen Brasilien (4:3) drei Tore

„Absturz“

Allerdings zeichnen die brasilianischen Medien, durchaus vorhersehbar, ein eher düsteres Bild. „Absturz“ titelte Globoesporte, das größte Nachrichtenportal des Landes, auf der Internetseite und zählte die letzten Ergebnisse in apokalyptischer Manier auf. Das alles spiegle sich im elften Platz wieder, der das schlimmste Schicksal sei, das eine brasilianischen Mannschaft jemals seit den ersten Rechnungen 1993 ertragen musste. Die Kommentare unter dem Artikel waren nicht weniger radikal: man verlangt sogar den Kopf von Mano, wenn – und das wurde in den letzten Jahren bis zum Erbrechen gepredigt – das Land nicht vor einer „Schande“ oder „Demütigung“ 2014 bewahrt werde.

Brasilianischer Symbolismus

In einem Land, in dem der Symbolismus vorherrscht – in Erinnerung an die Hingabe zum gelben „Canarinha“ Trikot, die nach der Weltmeisterschaft 1950 entstand, bei der die fehlende nationale Euphorie verbunden mit dem weiß-blauen Vorgängermodell die Schuld an der Niederlage gegen Urugay gegeben wurde – ist es wahrscheinlich keine Überraschung, dass ein Abstieg in der Rangliste, die in vielen Teilen der Welt keine Beachtung findet, eine solche Wut hervorrufen kann. Aus diesem Grund lohnt sich eine Analyse, ab wann etwas „falsch gelaufen“ sein muss, seit den aufregenden Tagen im April 2010, als Brasilien zum letzten Mal oben in der Rangliste stand.

Versumpft im Mittelmaß

Was dann folgte und ehrlich gesagt schon davor, ist eine Serie von mittelmäßigen brasilianischen Mannschaften, die es entweder nicht geschafft haben, ihre heimischen Fans zu begeistern oder einfach durchweg Spiele zu gewinnen. Eine schmerzlich durchschnittliche Leistung bei der Weltmeisterschaft in Südafrika endete in einem mutlosen Viertelfinal-Aus und dem Ende von Dunga. Dann kamen die Versprechen des Nachfolgers Mano, dass das Wesen des brasilianischen Fußballs einmal mehr über den Pragmatismus und die Vorsicht seines Vorgängers triumphieren würde.

BRASILIEN - Rauf und Runter in der Fifa-Rangliste
Jahr
1993 (Aug)
1994-2001
2001
2002-07
2007
2008
2009
2010
2011
2012 (Jan)
2012 (Juli)
Rang
8
1
3
1
2
5
2
4
6
6
11
Veränderung
n/a
+7
-2
+2
-1
-3
+3
-2
-2
0
-
Was wir gesehen haben, könnte kaum weiter von dieser rosarot angehauchten Vision entfernt sein. Die „Selecao“ schleppte sich bei der Copa Amerika unter die letzten acht, spielte aber genauso abgedroschen wie unter Dunga 12 Monate zuvor und schied aus. Die Brasilianer konnten nur einen Sieg und drei Unentschieden verzeichnen, bevor das Elfmeterschießen gegen Paraguay verloren wurde und sie sich aus dem Turnier verabschiedeten. Paraguay erreichte das Finale, ohne auch nur ein Spiel in den ersten 90 Minuten gewonnen zu haben.

Der WM im eigenen Land gewachsen?

Der Copa folgte ein Haufen Freundschaftsspiele, ein ordentlicher Mix aus Siegen, die als unbedeutend galten und Niederlagen oder Unentschieden, die als verheerend bezeichnet wurden. Diese Spiele haben nur wenig dazu beigetragen, die Medien oder die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Mannschaft von 2012 nur 24 Monate vor dem Beginn der Weltmeisterschaft im eigenen Land, in dem der Sieg wie ein Geburtsrecht erwartet wird, der Aufgabe gewachsen ist. Die verdammten Berechnungen vom Mittwoch schmälern diese Angst nicht.

Sehen wir zur Zeit die schlechteste brasilianische Fußballmannschaft, die jemals bei einer „Pentacampeao“ antreten wird? Nehmen wir einmal Abstand von diesen Übertreibungen und sehen uns die Realität an: Mit Stars wie Thiago Silva und David Luiz in der Abwehr, Kaka, Neymar oder Hulk und Ramires und eine Menge junger Spieler, die nur darauf warten, sich einen Namen zu machen, ist das auf keinen Fall eine schlechte Mannschaft.

Talent ist kein Titelgarant

Was das betrifft, hat es die Mannschaft von 1974 auch nicht geschafft, Pele nachzueifern und den WM-Titel in Deutschland zu holen. Nur eine niederländische Mannschaft, die fast durchweg für eine der besten Mannschaften gehalten wurde, die jemals ein Fußballfeld betreten hat, hat es geschafft, die Mannschaft zu besiegen, die aus Talenten wie Jairzinho, Rivelino und der Legende von Botafogo Paulo Cezar bestand. Obgleich auch der dritte Platz Polen überlassen werden musste.

Bestimmt dann die Mannschaft von 1990? Eine weitere Mannschaft, die berüchtigt für ihre schwache Leistung im heiligen Trikot war. Ein Aus im Achtelfinale und am allerschlimmsten eine Niederlage gegen den Erzrivalen Argentinien bedeuteten, dass die Mannschaft von Sebastiao Lazaroni und seine vom Unglück verfolgte, zusammengebastelte 3-5-2 Taktik in die dunkelsten Ecken der brasilianischen Fußballgeschichte geschoben wurde. Ein Team, dass aus Romario, Dunga, Bebeto, Taffarel, Aldair und Careca bestand, hatte keineswegs einen Mangel an Talenten.

„Absturz“ titelte Globoesporte, das größte Nachrichtenportal des Landes, auf der Internetseite und zählte die letzten Ergebnisse in apokalyptischer Manier auf.

Nur noch wenige erinnern sich daran, oder möchten sich daran erinnern, dass - nachdem man sich mit drei Siegen durch eine schwierige Gruppe tanzte - nur eine übermenschliche Leistung des Torwarts Sergio Goycochea, das Aluminium und die unfassbar schlechte Chancenverwertung, gefolgt von Diego Maradona’s Zauber, den Weg für Claudio Caniggia ebneten und einen völlig unverdienten 1:0 Sieg besiegelten. In einem Turnier, dass berühmt-berüchtigt für negative Schlagzeilen und Zynismus war, hatte Brasilien einfach unglaubliches Pech, nicht unter die Letzten zu kommen und sich so die Titelchancen zu wahren.

Weltmeisterschaft als brasilianisches „Eigentum“

Unabhängig davon, wie beharrlich die heimischen Medien versuchen, ihre Mannschaft als Versager darzustellen, ist das entscheidende: man kann Brasilien nie abschreiben. Es bleiben noch zwei Jahre, bis das Turnier in Rio, Sao Paulo und im ganzen Land ausgetragen wird. Dann wird die Rückkehr eines Wettbewerbs zelebriert, der als brasilianisches Eigentum angesehen wird und bloß auf Zeit aus den Händen nach Spanien, Italien oder wem auch immer gegeben wird. Es wird dann Zeit, zu urteilen, wenn die „Selecao“ versuchen wird, den Geist von 1950, Alcides Ghiggia und die „Maracanazo“ endlich zu begraben, indem man den Weltmeister-Pokal ein sechstes Mal in die Höhe stemmt.

Davor gibt es noch viel zu tun für Mano’s Männer, viele Fragen um die Mannschaft sind noch offen, deren Antworten in kostbarer und kurzer Zeit gefunden werden müssen. Aber es ist keine Zeit für Verzweiflung und sinnlose Selbstzerfleischung über die letzten Platzierungen. Es ist Zeit, praktische Lösungen zu finden wenn es darauf ankommt: auf dem Spielfeld.

Wenigstens ein gutes Omen

Und wenn das brasilianische Rückgrad immer noch nicht davon überzeugt ist, können sie in den Geschichtsbüchern nach dem silbernen Streifen suchen. Als die Fifa Rangliste offiziell zum ersten Mal im August 1993 erschien, war die „Selecao“ auf dem bescheidenen achten Platz, als Carlos Alberto Parreira durch die Tür trat. Weniger als ein Jahr später streckte Dunga in Amerika die vierte Weltmeisterschaftstrophäe in den Himmel. Ein noch antreibenderes Omen für die Gastgeber 2014 wird man nicht finden, wenn sie der Schmach des elften Ranges gegenübertreten müssen.

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